Wahl der "Rheinischen Post" Adolf Sauerland, Duisburgs bester Bürger

Den Duisburger Bürgermeister Adolf Sauerland umstritten zu nennen, grenzt an Untertreibung. Zuletzt verlangten fast 80.000 Bürger per Unterschrift seine Abwahl. Nur die "Rheinische Post" stärkt ihm tapfer den Rücken: Mittels Leser-Wahl kürte sie ihn zum "Besten Duisburger". Das kam nicht gut an.

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DPA

"Die Gewinner stehen fest" war ein kleiner Artikel in der Duisburger Lokalausgabe der "Rheinischen Post" ("RP") übertitelt, der seitdem im Ruhrgebiet für Diskussionsstoff sorgt. In den Tagen davor hatten "RP"-Leser Gelegenheit, "Unsere Besten" per Internet und Telefon zu wählen: Zur Abstimmung standen prominente Duisburger aus mehreren Jahrhunderten - alles Männer, versteht sich.

Natürlich muss man solche Aktionen nicht bierernst nehmen. Sie sind ein beliebtes Mittel der Leserbindung und -bespaßung, mehr Entertainment als Information. Natürlich gab es auch bei der Duisburger Besten-Wahl für die Teilnehmer etwas zu gewinnen, die Aktion lief zeitgleich in den meisten Städten des "RP"-Verbreitungsgebiets.

Die Duisburger Wahl wäre wohl weitgehend unbemerkt verpufft, wäre ihr großer Gewinner am Ende ein anderer gewesen: Toni Turek vielleicht, Fußball-Weltmeister von 1954, Gerhard Mercator, der berühmte Kartograf oder der "Stadtvater" Josef Krings, OB von 1975 bis 1997, bis heute eine "menschliche Institution" ("RP"). Doch es wurde ausgerechnet Adolf Sauerland, und seitdem erlebt die "RP" etwas, was man heute einen "Shitstorm" nennt - sie wird mit Hohn und Spott überhäuft. Denn Sauerland ist ein Mann, den man seit längerem nicht mehr mit dem Begriff "Gewinner" in Verbindung gebracht hatte.

Das war einmal anders. 2004 wurde Sauerland mit großer Mehrheit zum ersten CDU-Oberbürgermeister von Duisburg seit 1948 gewählt. Eine Protestwahl, wiegelte die geschockte, zu der Zeit heftig an sich selbst leidende SPD ab - und musste dann 2009 Sauerlands Wiederwahl erleben. Und das in einer Stadt, in der das bürgerliche Lager traditionell eine Art radikale Minderheit darstellte: Die SPD fuhr über Jahrzehnte bei jeder Wahl satte Mehrheiten mit Ergebnissen von bis zu 60 Prozent ein, die CDU punktete allenfalls in den dörflich geprägten Ortschaften an den niederrheinischen Stadtgebietsrändern, konkurrierte ansonsten quantitativ eher mit den Grünen. Die FDP lavierte über Jahre auf ähnlichem Niveau wie die DKP, löste sich als Stadtverband sogar zeitweilig selbst auf - mangels Wählern und Mitgliedern.

Und dann kam Sauerland.

Es waren die Jahre, in denen der Überraschungs-OB zu einem Star der NRW-CDU wurde. Und dann entdeckte er, dass die nach einem Veranstaltungsort suchende Love Parade eine prächtige Gelegenheit sei, Image und Einnahmen "unserer Pleitestadt" erklecklich zu mehren. Der Versuch endete in einem Desaster, das 21 jungen Menschen das Leben kostete. Seitdem verstummen die Forderungen nach seinem Rücktritt nicht mehr, Sauerland kann sich in seiner eigenen Stadt kaum noch öffentlich zeigen, will aber bis zum bitteren Ende im Amt bleiben.

Es ist schwer, in Duisburg Fans des OB zu finden

"Aber natürlich gibt es Leute, die noch für ihn sind", widerspricht Werner Hüsken, dem man Parteilichkeit für Sauerland kaum vorwerfen kann: Er ist Gründer der Bürgerinitiative Neuanfang für Duisburg, die dem Rat der Stadt Mitte Oktober 79.194 Bürgerunterschriften zur Abwahl Sauerlands übergab. Seitdem wird gezählt - und vor allem geschaut, wie viele der Stimmen tatsächlich gültig sind.

Denn Sauerland wehrt sich weiter mit Händen und Füßen. Seit dem 17. Oktober lässt er städtische Angestellte in den Listen nach fehlenden Hausnummern, nicht vollständig ausgefüllten Adressfeldern und anderen formalen Fehlern suchen. Nur, wenn am Ende mehr als 55.000 gültige Stimmen übrigbleiben, sähe er sich mit einem Abwahl-Verfahren konfrontiert.

Dass es so ein Verfahren überhaupt gibt, ist Adolf Sauerlands Verdienst, wenn man so will: Seine Weigerung, aus dem Love-Parade-Desaster vom 24. Juli 2010 politische Konsequenzen zu ziehen, führte zu der nun als "Lex Sauerland" bekannten Änderung in der Gemeindeordnung von NRW. Erst seit Mai 2011 können Bürger ihre Bürgermeister vorzeitig aus dem Amt wählen. Wenn in Duisburg über Sauerland geredet und berichtet wird, dann meist in diesem Kontext.

Adrenalinschub für das städtische Leben

Die Causa Sauerland hat sogar die Ruhr-Presse repolitisiert, ja sogar re-polarisiert: Die Zeitungen der WAZ-Gruppe, einst dem SPD-Lager zugerechnet und im Pott fast monopolhaft marktbeherrschend, entdecken die Meinungsfreude wieder. Eine "gespaltene Stadt" sei Duisburg seit der Love Parade, berichtete das Onlineportal "DerWesten" nach Übergabe der 79.194 Unterschriften. Es stelle sich die Frage, ob der "Oberbürgermeister noch in der Lage ist, sein Amt auszuführen".

Noch deutlicher wurde Manfred Lachniet, stellvertretender Chefredakteur der "Neue Ruhr Zeitung", "NRZ", die ebenfalls zur WAZ-Gruppe gehört. Er zollte der Bürgerinitiative mit ungewohnt deutlichen Worten seinen Tribut: "Sauerland-Gegner können stolz auf sich sein" überschrieb er einen Kommentar. Das städtische Leben sei gelähmt: "Das gebeutelte Duisburg braucht dringend einen Neuanfang. Es sind die Bürger, die genau dies nun einfordern."

Daran ist nichts ambivalent, es ist klare Kante, wie der Pöttler sagt: Tacheles.

Die Gegenseite repräsentiert die als konservativ geltende "Rheinische Post". Für deren Redakteure ist Sauerland allenfalls "zurzeit umstritten", für ihre Leser ist er der beste Duisburger aller Zeiten.

Ging die Wahl mit rechten Dingen zu?

Manipulation? Unwahrscheinlich und wohl unnötig

Das Ergebnis sei in keiner Weise manipuliert worden, sagt Joachim Mies, Chef vom Dienst der Duisburger Redaktion der "Rheinischen Post". "Knapp vierstellig" sei die Zahl der Wahl-Teilnehmer gewesen, "weniger als die Hälfte" stimmten für OB Sauerland. Da die Umfrage an ein Preisausschreiben gekoppelt war, sind "alle Teilnehmer mit Namen und Adresse bekannt".

Was will man mehr? Die Umfrage sei natürlich nicht repräsentativ, sie sei aber auch nicht verfälscht worden - und schon gar kein Versuch, politische Stimmung zu machen, so Mies.

Ist das alles glaubhaft? Natürlich, denn bei "RP"-Preisausschreiben machen nunmal vor allem "RP"-Leser mit - und denen liegt Sauerland eher am Herzen als dem Durchschnitts-Duisburger. Nur: Ist es auch geschickt, ein so schräg erscheinendes Signal zu setzen?

"Ich weiß nicht, was eine Zeitung dazu bringen kann, so etwas zu veröffentlichen", sagt Werner Hüsken. "Katholisch, konservativ, CDU-nah hin oder her. Da kann ich nur den Kopf schütteln. Wollen die ihre paar Abonnenten hier vergraulen?"

Hauptverbreitungsgebiet der Zeitungen des christlich orientierten Verlags sind Teile des Bergischen Landes, vor allem aber der Niederrhein. Und zu dem gehören der Kreis Wesel und Duisburg selbst - die größte Stadt des Niederrheins. Traditionell bildet die "RP" darum auf Duisburger Stadtgebiet eine Art bürgerlich-konservatives Gegengewicht zu den einst als Arbeiterpresse wahrgenommenen Zeitungen des WAZ-Konzerns. Nur hier am Westrand des Potts hatten die vermeintlich linken WAZ-Zeitungen stets ein bürgerliches Gegengewicht.

Dass es zwischen "RP" und WAZ sowie CDU-Unterstützern und -Gegnern überhaupt wieder heiße Debatten gibt, kommt einem Revival alter Zeiten gleich. Zu lange, meint auch Werner Hüsken, habe man den Duisburgern nachgesagt, man könne alles mit ihnen machen, "wir würden uns nicht wehren".



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Seite 1
derwodaso 04.11.2011
1. -
Zitat von sysopDen Duisburger*Bürgermeister Adolf Sauerland umstritten zu nennen, grenzt an Untertreibung.*Zuletzt verlangten fast 80.000 Bürger per Unterschrift seine Abwahl.*Nur die*"Rheinische Post" stärkt ihm tapfer den Rücken:*Per Leser-Wahl kürte sie ihn zum "Besten Duisburger". Das kam nicht gut an. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,795367,00.html
wen wunderts bei diesem schwarzen blättchen.. nimmt ja schon "FOX"-sche ausmasse an hier mit dem medienkrieg(wohlgemerkt auf konservativer seite)
Friedrich Hattendorf 04.11.2011
2. wenn der der "beste Bürger" ist,
wie schlimm sind dann die anderen?
Damon Ridenow 04.11.2011
3. .
Die unendliche Geschichte für Duisburger, sich fremdzuschämen. So ein superpeinlicher Politiker wie Herr Sauerland ist mir noch nie untergekommen, und es gibt viele Politiker, die nur peinlich sind. Mit welch ekelhafter Verbissenheit er an seinem Stuhl klebt grenzt schon an einer schweren Störung. Wieso eigentlich werden die Stimmen der Unterschriftenliste in seinem Einflussbereich gezählt? Man sieht ja, wie dieser Bürgermeister mal wieder verzögert, verschleiert, taktiert. Nun ja, früher oder später ist er weg, und erst dann kann Duisburg aufatmen und anfangen, die Ereignisse aufzuarbeiten.
derwodaso 04.11.2011
4. -
Zitat von Friedrich Hattendorfwie schlimm sind dann die anderen?
als duisburger kann ich sie da beruhigen ;-) nicht alles, was aus düsseldorf rüberweht,zu ernst nehmen..
gofy55 04.11.2011
5. Ehrenbürger
Da schlage ich doch den Herrn Assad als Ehrenbürger von Duisburg vor! Die Laudatio kann dann ja das Alice-Girl Vanesse Hessler halten, die fast verwitwete Frau Ghaddafi.
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