Nach der Brandkatastrophe Wie sich Kalifornien selbst hilft

Die Todeszahlen steigen täglich, Hunderte werden noch vermisst, Tausende sind ohne Obdach: In Kalifornien herrscht Notstand. Profiköche versorgen die Opfer der Waldbrände. Ein Besuch in einer improvisierten Großküche.

Aus Camarillo berichtet


Heute Abend soll es Käsenudeln mit Pulled Pork geben, dazu Caesar Salad. Oder, wer das lieber mag, kann auch einen veganen Brotpudding haben. Und Jeff Guettler, West Cooke, Mark Valdivia und all die anderen sorgen gerade dafür, dass das auch wirklich klappt. So wie sie es in den vergangenen zehn Tagen schon getan haben.

In einer Turnhalle am Rand der kalifornischen Stadt Camarillo hat die Hilfsorganisation World Central Kitchen eine Großküche auf die Beine gestellt. Von hier aus werden die Opfer der Waldbrände in der Region jeden Tag mit zwei warmen Mahlzeiten versorgt, ebenso Feuerwehrleute, Polizisten und Aufräumhelfer, die in dem betroffenen Gebiet im Einsatz sind.

Normalerweise machen in der Turnhalle des "Casa Pacifica" sozial benachteiligte Jugendliche Sport. Das Haus ist ein Jugendheim mit etwa 70 Bewohnern, viele mit Alkohol- und Drogenproblemen. Und Guettler kocht für sie. Doch jetzt teilt er sich sein Reich mit vielen anderen. Aus dem ganzen Land sind Kollegen gekommen, dazu Heerscharen von Freiwilligen aus der Region.

Koch West Cooke und seine Kollegin Kayla Hernandez
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Koch West Cooke und seine Kollegin Kayla Hernandez

Ein paar von ihnen sind gerade an den Töpfen, Pfannen und am Ofen von Guettlers Küche im Einsatz. Die große Mehrzahl jedoch arbeitet draußen, in der Turnhalle. Hier stehen unter den Basketballkörben zwei lange Reihen von Tischen, darauf große Schalen aus Aluminium. Fleißige Hände füllen sie mit Salat aus Tüten, welke Blätter werden aussortiert, dann kommen Croutons obenauf und Dressing. Später werden noch Obsttüten für den Nachtisch gepackt.

Langsam lässt die Anspannung nach

"Heute schicken wir 40 große Essenschalen raus", rechnet Guettler vor. Jede von ihnen wird jeweils 45 Menschen satt machen. "Wir hatten Tage, da waren es sogar 80 Schalen". Nun werde es weniger - zum Glück. Der Waldbrand in der Region, das sogenannte Woolsey Fire, ist größtenteils unter Kontrolle, die Aufräumarbeiten laufen. Die Anspannung lässt langsam nach. "Das waren vielleicht zehn Tage", seufzt Guettler. Doch dafür wirkt er überraschend energetisch.

Immerhin, er hat es auch bald geschafft. Dieser Sonntag ist der letzte, an dem die Küche noch offen hat. Ein paar der Mitarbeiter von World Central Kitchen werden von hier aus in die nordkalifornischen Waldbrandgebiete weiterziehen, wo die Organisation eine noch größere Hilfsküche betreibt. Die zahllosen Freiwilligen der letzten Tage, Tausende wie Guettler sagt, werden in Camarillo zurückbleiben - und in ihre Leben jenseits der Großküche zurückkehren.

Aber noch ist es nicht soweit, noch wird gearbeitet. In der Küche blubbern die Nudeln in riesigen Aluminiumtöpfen, das Fleisch ist im Ofen. West Cooke hat hier gerade das Regiment. Normalerweise ist er mit seinem eigenen Food Truck in der Gegend unterwegs. Doch der ist gerade geparkt, damit sich Cooke kümmern kann um die Käsenudeln und den ganzen Rest.

Die Stimmung ist gut. Keine Selbstverständlichkeit für Großküchen, wo sonst verblüffend viele psychisch auffällige Menschen unterwegs sind, wie man immer mal hört. Aber hier wird gewitzelt und gelacht. Nur dann ist ein lauter Ruf zu hören - wenn es gilt, die anderen im Raum vor heißen Töpfen oder offenen Ofentüren zu warnen.

Das Konzept von World Central Kitchen geht so: Ambitionierte Köche versorgen Menschen, die von einer Katastrophe betroffen sind. Starkoch José Andrés hat die Organisation vor acht Jahren gegründet, um Erdbebenopfer in Haiti zu verpflegen. Seitdem sind er und seine Kollegen an zahllosen Krisenherden im Einsatz gewesen: Puerto Rico, Florida, Indonesien - und jetzt in Kalifornien.

Gutes Essen unter improvisierten Bedingungen

Dabei geht es nicht nur darum, möglichst viele Kalorien in möglichst viele Münder zu bekommen - sondern auch darum, möglichst gut zu kochen. So gut jedenfalls das unter oft improvisierten Bedingungen möglich ist.

Wobei, Kalorien sind natürlich auch wichtig. Zum Beispiel für die Feuerwehrleute. "Wir versuchen, sie aufzutanken. Die arbeiten 24 Stunden am Tag", sagt Cooke. Mit Gerichten aus dem Ofen, viel Sauce und so weiter. Man habe aber auch viele vegane Mahlzeiten rausgeschickt, mehr als bei anderen Einsätzen.

World Central Kitchen postet Fotos der Aktionen auf den sozialen Netzwerken und wirbt so um Geldspenden. Unterstützung gibt es gelegentlich aber auch mit Sachspenden von Lebensmittelhändlern. So habe die Supermarktkette Trader Joes kürzlich einen ganzen Laster vorbeigeschickt, der wegen der Straßensperrungen in der Brandregion nicht an seinen Zielort kommen konnte.

Die meisten in der Küche verwendeten Lebensmittel werden aber ganz regulär gekauft. "So können wir sicher sein, dass unser Essen auch in Ordnung ist", sagt Mark Valdivia. Nicht auszudenken etwa, wenn man Feuerwehrleute mit vergammeltem, mit Salmonellen verseuchtem Salat versorgen würde - dann würden die krank und die vermeintliche Hilfe zum Fluch.

Also wird streng auf Qualität und Hygiene geachtet. Die Küchencrew und die Freiwilligen an den Tischen müssen regelmäßig ihre Hände waschen, Handschuhe tragen und dürfen in der Nähe von Lebensmitteln nicht selbst essen oder trinken.

Normalerweise betreibt Valdivia das Restaurant "The Cave" in Ventura. Doch seit zehn Tagen ist er in der Turnhalle des Casa Pacifica zu finden. Hier kümmert er sich vor allem um die Logistik. An der Wand hängen großformatige Landkarten. Gesperrte Straßen sind darauf eingezeichnet, die Ausbreitung des Feuers, die Lage von Notunterkünften. Die Flammen waren zum Teil nur zehn Kilometer von der Großküche entfernt. Man habe kurzzeitig sogar an einen Umzug gedacht, was sich dann aber doch erledigt habe, sagt Valdivia.

Eine Wand weiter hängen lange Listen mit den Empfängern der Mahlzeiten. Feuerwehrstationen, Notunterkünfte, Gemeindezentren, Tierheime. Auch den Ermittlern, die die Schießerei mit 13 Toten im nahen Thousand Oaks aufklären müssen, haben sie schon Essen gebracht, sagt Valdivia.

Egal wer es ist, für die Empfänger ist das Essen aus der Küche von Camarillo ein Signal in schwierigen Zeiten. Zumindest ein paar Bissen lang lassen sich Entbehrungen und oft auch das Leid der vergangenen Tage beiseiteschieben. Mehr als 60.000 Mahlzeiten habe man inzwischen hergestellt und ausgeliefert, sagt Valdivia.

Wie gut die bei den Empfängern ankommen, wird man später im Tierheim von Camarillo sehen. Das weitläufige Gelände liegt direkt am Flugplatz der Stadt, nebenan parken auf einer weiten Fläche auch zahllose Löschfahrzeuge der Feuerwehr, die gerade nicht benötigt werden. Pete Rodriguez ist einer, der hier bei den Tieren Dienst tut. Wegen des Feuers mussten seine Kollegen und er zuletzt viele Überstunden machen, manche seien bis zu 18 Stunden am Stück im Einsatz gewesen, sagt er.

Es galt neben den normalen Tierheim-Insassen noch zahlreiche Tiere unterzubringen, die von abgebrannten Farmen in der Umgegend nach Camarillo gebracht wurden. "Da tut es gut, wenn man so versorgt wird", sagt Rodriguez - und lässt sich seine Käsenudeln schmecken.

insgesamt 12 Beiträge
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UweGroßberndt 19.11.2018
1. Wenn es Helden gibt
dann sind es solche Menschen, Feuerwehrleute, Polizisten, Soldaten, Freiwillige, Menschen die anderen in ihrer Not helfen.
Rodini 19.11.2018
2. Eine Tragödie ....
mein Mitgefühl gilt den Betroffenen und Ihren Angehörigen. Allerdings gibt es auf der Welt viele Katastrophen und Hungersnöte. Warum werden die eigentlich nicht so oft in den Topnews der Medien genannt. Sind das Menschen 2. Klasse? Es ist sehr wohl ein Unterschied, ob einem wohlhabenden Promi die Luxusvilla abbrennt oder es einen Armen in einem 3. Welt-Land trifft. Herr Gottschalk hat es richtig erkannt: "Es gibt größere Tragödien auf der Welt": Chapeu!!
kayakclc 19.11.2018
3. Uramerikanischer Bürgersinn
Dieses Verhalten ist typisch für die Amerikaner. Der Auspruch von Kennedy, frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann, sondern was Du für Dein Land tun kannst, ist Ausdruck des Pioniergeists einer relativ jungen Nation von Immigranten, wo jeder gewohnt ist, anzupacken. In der Not spielen Einkommen, sozialer Status etc keine Rolle. Was in Deutschland weniger vorstellbar ist, ist dass sich gerade die Bessergestellen sich besonders verantwortlich fühlen, um der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Das geschieht durch Spenden aber eber auch durch persönlichen Einsatz und Arbeitskraft. In Deutschland sind wir eher obrigkeitshörig und fordern daher auch viel schneller, dass das Staat die Probleme löst anstellen einmal selbst was beizutragen. Die Amerikaner haben eine andere Mentalität, die viele Deutsche wegen ihrer Sichtweise auch nicht verstehen. Dabei können wir viel voneinander lernen, wenn wir auch einmal hinterfragen, was wir als selbstverständlich annehmen.
politkrit 19.11.2018
4. Trump hat kein Interesse an Kalifornien
Das amerikanische Wahlsystem führt möglicherweise dazu, dass ein Mann wie Trump dem Staat Kalifornien und den dort lebenden Menschen nur zögerlich hilft. Den Staat Kalifornien können er und die republikanische Partei bei Wahlen ohnehin nie gewinnen. Da nützt es nichts, einzelne Wählerstimmen in Kalifornien hinzu zu gewinnen. Der Anreiz, sich für Kalifornien zu engagieren, ist da nicht sonderlich hoch. Natürlich ist der Präsident für alle Bundesstaaten gleichermaßen zuständig und verantwortlich. Einem Trump traue ich aber zu, sich auf die Staaten zu konzentrieren, die ihn gewählt haben bzw, auf die sogenannten Swing-Staaten, in denen es bei der Wahl regelmäßig knapp zugeht. Er klang jedenfalls zeitweise so, als sei er gegenüber Kalifornien feindlich bis gleichgültig eingestellt.
OhMyGosh 19.11.2018
5. Kalifornien bleibt sich treu
Wenn ich ehrlich bin, hätte ich auch nichts anderes erwartet. Bürgersinn, Umweltbewusstsein und Hilfsbereitschaft sind hier besonders stark verankert. Meine Hochachtung all den Helfern und Anpackern!!! Ein Trump kann mit diesen menschlichen Eigenschaften nichts anfangen. Er "dealt" lieber. Und Kalifornien mag ihn ja auch nicht.
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