Traditionelle Jagd in Indonesien Im Dorf der Walfänger

Auf der indonesischen Insel Lembata jagen Männer Pottwale wie ihre Vorfahren mit Holzbooten und Harpunen - geduldet von westlichen Tierschützern. Die Fischer glauben: Nur wer ein reines Herz hat, riskiert dabei nicht sein Leben.

Von  (Text) und Marcel Klovert (Audio und Fotos) 


Marcel Klovert
Dass Aloisius Tapoona Wale jagt, erkennt man an seinen Füßen. Sie sind platt und breit, die Fußknöchel sind fast so dick wie die Waden. Mit den Zehen krallt er sich an den Sprossen der Holzleiter fest, die waagerecht über den Bug des Bootes hinausragt. Stundenlang kann er so stehen und aufs Wasser starren. Unter ihm rollen die Wellen, atmet das Meer. Hinter ihm sitzen seine Männer, ein gutes Dutzend. Wenn sie einen Pottwal erspähen, verfolgen sie ihn mit Rudern, die nicht größer sind als Tennisschläger. Tapoona greift den Bambusstab, an dem die Harpune hängt, geht in die Hocke. Sein Körper schnellt auseinander wie eine Feder, er springt vom Boot und stößt die Harpune in den Rücken des Wals.

Aloisius Tapoona, 59, ist ein freundlicher, gütiger Mann mit wachen Augen. Er trägt eine grob gestrickte Mütze und ein breites Lachen im Gesicht. Seit fast 40 Jahren ist er ein Lamafa, ein Harpunenwerfer, ein Waltöter. Rund 80 Wale hat er schon erlegt. Einer, den er und seine Männer am Vortag getötet haben, liegt am Strand. Die Gischt schäumt um den glänzenden Koloss. Es ist Samstagmorgen in Lamalera, einem Fischerdorf auf der Insel Lembata in Indonesien, einem der letzten Orte der Welt, an denen die Menschen Wale jagen wie ihre Vorfahren.

Am Strand hocken Männer mit langen Messern um die vier Pottwale, die die Walfangflotte nach Hause gebracht hat, und zersäbeln Fett, Fleisch und Sehnen. Sie wetzen ihre Klingen an den Felsen, der Sand reibt sie stumpf. Ein Junge schleppt eine Rippe fort, die länger ist als er selbst. Flossen, Gedärme, Innereien der Wale liegen verstreut im schwarzen Sand. Frauen teilen die Fleisch- und Fettbrocken auf Eimer und Wannen auf. Mit der Sonne kommen die Fliegen. Es ist ein archaisches Schlachten in der Bucht von Lamalera.

Doch die Menschen hier sind keine Schlächter. "Das ist unser Leben", sagt der Erdkundelehrer Frans Keraf, 55, der dem Treiben zuschaut. In den Ferien fährt er manchmal mit aufs Meer und hilft, die Boote zu rudern. An seinem Finger steckt ein Ring aus einem Walzahn, er hat ihn selbst geschnitzt. "Ohne die Wale würde dieses Dorf sterben", sagt Keraf. "Sie sind ein Geschenk von Gott."

Wale sind Währung

Außer ein paar Kokospalmen und Papayabäumen wächst wenig auf dem steilen, steinigen Boden Lamaleras. Die Dörfler trocknen das Fett und Fleisch und tauschen es auf dem Markt in Wulandoni. Samstags sitzen dort Frauen im Staub unter knorrigen Bäumen, zwischen Bananen, Süßkartoffeln, Mais und Eimern mit gelbem Walspeck und gedörrtem Walfleisch. Ein Stück Fleisch hält sich monatelang und bringt zwölf Bananen oder eine Schüssel Reis. Das Öl aus dem Blubber, der dicken Fettschicht der Wale, eignet sich zum Braten. Das Öl aus dem Herzen bekommen die Babys löffelweise. Die Organe schmecken gut gekocht. Nur die Augen darf niemand berühren. Das bringt Unglück.

Dank der Wale können sich die Menschen überall auf Lembata ausgewogen ernähren, auch in entfernten Dörfern, in denen es sonst an Fleisch mangeln würde. In den Export geht nichts.

Am Nachmittag kracht der Ozean noch wilder gegen den Strand. Zwei Pottwale sind schon zerschnitten, zwei liegen noch in der Brandung. Die Männer reißen ihre Messer hoch, wenn große Wellen heranrollen, um einander nicht zu verletzen. Kinderlachen mischt sich mit dem Tosen des Meeres. Aloisius Tapoona schleppt einen Quader weißen Walspeck zum Wasser, um den Sand abzuwaschen. Er wiegt so viel wie ein Felsbrocken.

Der Waltöter bekommt das große Stück über den Brustflossen, der Harpunenmacher das Stück darunter. Die Ruderer teilen sich das Fleisch und Fett dahinter. Auch dem Bootsbauer, Bootsbesitzer und denen, die das Boot auf den Strand gezogen haben, steht ein Anteil zu. Nach altem Brauch wird der Wal möglichst breit über das Dorf verteilt. Den Witwen und Waisen muss jeder etwas abgeben.

Keine Dienstleister für Touristen

Die westliche Welt hat Wale, die sanften Riesen der Meere, zu Botschaftern des Naturschutzes erhoben. Doch es sind nicht die indonesischen Walfänger, die manche Arten fast ausgerottet haben. Sie fangen in Lamalera jährlich höchstens 50 Tiere und manchmal nur zwei oder drei. Meistens sind es Pottwale, hin und wieder auch Schwert- oder Grindwale. Zum Vergleich: In den fünfziger Jahren töteten industrielle Flotten weltweit 25.000 Pottwale pro Jahr und verarbeiteten ihren Tran zu Lampenöl, Seifen, Kerzen oder Kosmetik. Das hat die Internationale Walfangkommission (IWC) 1986 verboten. Die letzten Walfangnationen Japan, Island und Norwegen erlegten 2012 zusammen immerhin noch 940 Wale.

Marcel Klovert

Walfänger kehren zurück von der Waljagd in Lamalera auf der Insel Lembata, Indonesien.

Marcel Klovert

Waltöter Aloisius Tapoona zeigt eine Harpune in einem der Walfangboote am Strand von Lamalera.

Marcel Klovert

In der Brandung am Strand von Lamalera wäscht Waltöter Tapoona ein Stück Walfett.

Marcel Klovert

Ein Mann zerlegt am Strand von Lamalera einen Pottwal.

Doug Bock Clark

Männer gegen Wale: Mit ihren kleinen Booten fahren die Waljäger aufs Meer, die Riesen werden mit Harpunen erlegt.

Marcel Klovert

Wenn große Wellen anrollen, reißen die Männer ihre langen Messer hoch, um einander nicht zu verletzen.

Marcel Klovert

Walfänger John Hariona hat sich verletzt, er sitzt in seinem Haus in Lamalera.

Marcel Klovert

Die Frauen von Lamalera verteilen das Walfett, Walfleisch und die Organe auf Eimer am Strand.

Marcel Klovert

Auf dem Marktplatz von Lamalera steht ein Baum, der bei den Einwohnern als heilig gilt.

Marcel Klovert

Ein Walfänger repariert ein Segel aus geflochtenen Palmblättern.

Marcel Klovert

Ignatius Seran Blikololong arbeitet als Harpunenwerfer.

Marcel Klovert

Jugendliche am Strand von Lamalera.

Marcel Klovert

Streifen von Walfett und Walfleisch werden zum Trocknen am Strand aufgehängt.

Marcel Klovert

Ein Walfänger steht mit seinem Kind vor seinem Haus in Lamalera.

Marcel Klovert

Walfang ist am Strand von Lamalera Teamarbeit.

Marcel Klovert

Nur mit vereinten Kräften kommen die Männer beim Zerlegen des Pottwals weiter.

Marcel Klovert

Ein Lamafa wartet auf Wale, er jagt unterdessen Delfine.

Dass Lamalera Wale fängt, stört weder die IWC noch die Tierschutzorganisation WWF. Die IWC erteilt den Inuit regelmäßig eine Sondererlaubnis für traditionellen Walfang, die wohl auch Lamalera bekommen könnte, wenn Indonesien der Kommission beitreten würde. Der WWF schickte vor einigen Jahren ein Team ins Dorf, das in den Gewässern um Lembata ein Meeresschutzgebiet einrichten wollte. Den Walfang, so sagt Dewi Satriani von WWF Indonesia, habe man aber nie unterbinden wollen. Der WWF habe "vollen Respekt" für das traditionelle Recht der Gemeinde, Wale zu fangen.

Bei den Dörflern kam das anders an. "Wir haben den WWF aus Lamalera verjagt", sagt Ignatius Seran Blikololong, 56, und grinst mit seinen drei letzten Zähnen. "Wir waren richtig wütend." Er bläst eine Wolke Zigarettenqualm durch die Nase. Die Fremden hätten versucht, ihnen den Walfang auszureden und sie zu Walbeobachtern umzuschulen. Dienstleister für Touristen - das konnte sich im Dorf niemand vorstellen.

Sie sind stolz, die Menschen in Lamalera. Seit rund 500 Jahren jagen sie Wale. Viel hat sich nicht geändert. Die Peledang, die Walfangboote, sind ohne einen Nagel gezimmert. Sie haben aus Palmblättern geflochtene Segel und Namen, die seit Generationen weitervererbt wurden. Am Strand stehen sie im Halbkreis unter Palmdächern, in ihrer Mitte die Kapelle des Heiligen Petrus. Zu dessen Füßen liegen ein paar Walknochen, in der Hand hält er eine Harpune. Die 1800 Dörfler sind katholisch, seit vor rund 130 Jahren europäische Missionare an der Küste landeten.

Wer ein reines Herz hat, muss nichts befürchten

Jeden Morgen fahren ein paar Fischer in kleineren Booten aufs Meer, um Delfine, Mantas oder Marline zu jagen. Wenn sie Wale sehen, bricht im Dorf Hektik aus. "Baleo, baleo", "Seile bereit", rufen die Walfänger und rennen zum Strand. Bevor sie die schweren Boote über Holzstämme ins Wasser rollen, stellen sie sich daneben auf und beten eilig das Vaterunser. Der Harpunenwerfer besprenkelt sie mit Weihwasser aus einer Plastikflasche, die stets gefüllt im Bug hängt.

Die Walfänger wissen nie, ob sie alle wohlbehalten zurückkehren. Viele verletzen sich, wenn sie sich in den Seilen mit den Harpunen verheddern, an denen der Wal zerrt. Diesmal hat es John Hariona, 26, erwischt. Das Seil quetschte sein Bein gegen den Bootsrand. Er kann nicht laufen, nimmt Paracetamol. Das Krankenhaus ist vier Stunden entfernt. Hariona bleibt im Bett, in einem kargen, unverputzten Zimmer, seine Großmutter sitzt am Kopfende auf einem Stuhl. Hariona hat Angst, dass die Ärzte ihm das Bein abnehmen, wie sie den Arm des Fischers fünf Häuser weiter amputiert haben. Er hatte zu lange gewartet, hat Gott und den Kompressen aus gekochten Blättern vertraut, bis die Wunde sich entzündete.

Gottesfurcht und Aberglaube wiegen in Lamalera schwerer als die Vernunft. Auf dem Ozean, so glauben die Menschen, passiert nichts ohne Grund. "Das Meer ist ein Spiegel unseres Lebens", sagt der alte Harpunenwerfer Blikololong. Die Walfänger müssen sich mit ihren Nächsten versöhnen, bevor sie zur Jagd fahren. Sonst straft Gott sie vielleicht dort draußen, so wie er Goris vor zwei Jahren strafte. Der Wal schlug ihm mit der Schwanzflosse gegen die Brust. Drei Tage später war er tot. "Goris war ein guter Lamafa, aber es gab Streit in seiner Familie", sagt Blikololong und reckt den sehnigen Zeigefinger in die Luft.

John Hariona hatte sich mit niemandem gestritten. Er muss dafür büßen, dass eins der Bootshäuser gegen die Tradition verstieß. Der Besitzer hatte es zu nah an dem Weg gebaut, der zum Strand führt.

Stunden auf See

Die Männer könnten die Wale auch mit Motoren jagen oder mit Dynamit Fische fangen wie die Männer aus Lamakera an der gegenüberliegenden Küste. Doch was wird dann aus den Bräuchen der Ahnen? Jedes Jahr am 1. Mai, wenn die Jagdsaison beginnt, halten die Dorfbewohner eine Messe am Strand und geloben, nie die Tradition zu vergessen. Modernes dosieren sie sparsam. So lassen sich die Walfangboote zwar von Motorbooten aufs Meer hinausziehen. Aber wenn sie einen Wal verfolgt, rudert die Crew.

Das Leben in Lamalera ist hart, die Tage auf See heiß und lang, oft dauert die Jagd Stunden. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder lieber zur Hochschule. Die Söhne des Waltöters Tapoona sind Lehrer und Pfarrer geworden. "Jemand anderes wird die Tradition weiterführen", sagt er. Es klingt erleichtert.

Drei Tage brauchen die Dörfler, um alle vier Pottwale zu zerlegen. Vor den Häusern hängen Speckschwarten, aus denen das Öl tropft. Der scharfe Geruch nach trocknendem Fleisch liegt über Lamalera. Am Strand sitzen die Waljäger im Schatten der Bootshäuser, schnitzen, flechten Körbe, flicken Segel. Und warten auf die Wale.



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