Warnung von Virologen: Schweinegrippe wird bald in Deutschland erwartet

Die Angst vor einer weltweiten Ausbreitung der Schweinegrippe wächst: Nach Einschätzung von Virologen wird der Erreger, der in Mexiko bereits mehr als hundert Menschenleben forderte, bald Deutschland erreichen. Die EU-Kommission will so schnell wie möglich eine Krisensitzung einberufen.

Hamburg - Noch bevor sich die zuerst in Mexiko und den USA aufgetretene Schweinegrippe tatsächlich global ausgebreitet hat, sind die Folgen der Krankheit bereits weltweit zu spüren: Die Börsen reagieren negativ auf Befürchtungen einer Pandemie, die Politik versucht, Aktionspläne international abzustimmen.

Die EU-Kommission will die Gesundheitsminister der Mitgliedsländer "so schnell wie möglich" zu einer Krisensitzung über die Schweinegrippe einberufen. Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou will nach Auskunft ihrer Sprecherin noch am Montag die EU-Außenminister bei ihrem regulären Treffen in Luxemburg zur Lage informieren. Bisher gebe es noch keine Fälle in Europa. Es sei zu früh, um über die Situation zu spekulieren, sagte Kommissionspräsident José Manuel Barroso vor Journalisten in Athen. "Wir beobachten die Situation sehr genau, zusammen mit den Mitgliedstaaten."

In Mexiko starben bislang 103 Menschen an der Schweinegrippe. Erste Krankheitsfälle wurden auch aus den USA und Kanada gemeldet. In Europa ist bislang kein Fall bekannt.

Nach Einschätzungen von Virologen wird die Schweinegrippe bald auch Deutschland erreichen. "Ich denke, wir können davon ausgehen, dass wir das Virus auch bei uns bald sehen werden", sagte Michael Pfleiderer, Virologe am Paul-Ehrlich-Institut. Es gebe aber keinen Grund für Panik. Normale Hygienemaßnahmen würden zur Vorbeugung ausreichen.

Außerdem seien die Gesundheitsbehörden "bis auf die kleinste lokale Region vorbereitet". Da es noch keine Impfung gegen das Virus gebe, seien die antiviralen Arzneimittel die derzeit stärkste Waffe, sagte Pfleiderer. Davon gebe es in Deutschland hinreichend Vorräte.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

Der Leiter der Infektions- und Tropenmedizin der Uniklinik Leipzig, Stefan Schubert, warnte vor dem Schweinegrippevirus. "Die Ansteckungsgefahr ist kaum größer als bei einer normalen Grippe - aber die Tödlichkeit kann weitaus höher sein. Das ist das Gefährliche", sagte Schubert der "Leipziger Volkszeitung". Auch Schubert warnte jedoch vor Panik. In Deutschland existiere seit Jahren ein Grippe-Pandemieplan. Es gebe Netzwerke von Schwerpunktpraxen, die die Ausbreitung überwachen. Sobald erste Fälle aufträten, würden Informationen zu Verhaltensweisen gegeben.

Frankreich hat nach der Überprüfung mehrerer Verdachtsfälle von Schweinegrippe mittlerweile Entwarnung gegeben. Alle Erkrankungen hätten sich als normale Grippefälle erwiesen, sagte Gesundheitsministerin Roselyne Bachelot: "Sie haben keinen Bezug zur Schweinegrippe."

In Frankreich hatten die Gesundheitsbehörden am Wochenende vier Verdachtsfälle überprüft. Dabei handelte es sich um eine dreiköpfige Familie, die in Kalifornien Urlaub gemacht hatte, und um eine 52 Jahre alte Frau, die sich in Mexiko aufgehalten hatte.

Frankreich werde trotz der vorläufigen Entwarnung "in seiner Wachsamkeit nicht nachlassen", sagte Bachelot. Reisende, die aus Risikogebieten wie Kalifornien oder Mexiko kämen und unter Atembeschwerden, Fieber oder Muskelschmerzen litten, sollten umgehend Kontakt mit den Behörden oder ihrem Hausarzt aufnehmen.

pad/AFP/Reuters

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