Was ist Heimat? Um Haus und Hof

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Das Dach ist schief, der Garten verwildert, und die Lage ist nicht die beste, so nah am Zwischenlager. Trotzdem: Der Familienhof im Wendland ist etwas sehr Besonderes, ein geliebtes Fleckchen Erde. Wenn man nur dieses schreckliche Wort Heimat nicht in den Mund nehmen müsste.

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Patricia Dreyer

Der Hof in Niedersachsen: Privileg, zu wissen, woher man kommt

Natürlich ist es auch Notwehr.

Wer aus einem menschenleeren Zipfel des Landes stammt, der lange Zeit unter dem deprimierenden Label "Zonenrandgebiet" firmierte, der vom Rest der Welt als Atommüll-Klo benutzt wird und wo es komische kleine Dörfer gibt mit Namen wie Gümse, Ganse oder Kröte - der muss sich irgendwann mit diesem Fleckchen Erde identifizieren, allein, um sich keinen Minderwertigkeitskomplex anzueignen.

Meine Kindheit auf einem Bauernhof in Niedersachsen war wie Bullerbü, eine naive intakte Welt mit Tieren, Natur, vollkommener Freiheit. Wir zogen los, in den Wald, in verfallene alte Scheunen, spielten stundenlang, ohne dass ein Erwachsener auch nur den Hauch einer Ahnung gehabt hätte, wo wir steckten. Wir bauten uns kleine windschiefe Hütten, gruben unterirdische Höhlen oder experimentierten mit eigenhändig aus dem Dorfteich gefischtem Froschlaich. Wirklich, ich übertreibe nicht: ein Idyll.

Wenn bloß das Schützenfest nicht gewesen wäre! Der Schützenverein war bei uns, wie in den meisten niedersächsischen Dörfern, Mittelpunkt gesellschaftlichen Lebens. Man war drin und somit vollwertiges Mitglied der Dorfgesellschaft, oder man blieb draußen und somit quasi ein Paria.

Als Kind mochte ich das Schützenfest. Man begleitete die grünbefrackte Gilde - immer zu Pfingsten - bei den Umzügen durchs Dorf, es gab Karussells und Kindertanz, alles war Gaudium, das militärische Gehabe erschien eindrucksvoll, und wenn die Schützen im Verlauf des Festes immer öfter aus der Marsch-Formation torkelten und die Musik immer schiefer spielte, war das ein großer Spaß. Ich war sogar mal Kinderschützenkönigin.

Heimat? Dieses schreckliche, schrecklich missbrauchte Wort

Dann kam die Pubertät, und mir ging ein Licht auf. Ich fand ein Foto des Schützenvereins aus den dreißiger Jahren, die Männer - das Gros trug Hitlerbärtchen - ordentlich aufgestellt vor der Dorfkneipe Wegeners Gasthaus, am Mast die Hakenkreuzfahne. Das waren ja schöne "Traditionen", zu deren Aufrechterhaltung man mich ermuntern wollte! Ich hatte mich für ein nationalistisch belastetes, machohaftes militaristisches Ritual instrumentalisieren lassen! (Sie merken, dass ich überreagierte. Sehen Sie es mir nach, ich war 13.)

Ich war empört und verweigerte mich dem dörflichen Frohsinn fortan - was mein Vater nicht verstand, weshalb es alljährlich an Pfingsten bei uns einen Krach gab, wie ihn andere Familien als unverzichtbares Weihnachtsritual erleben.

Als ich aufwuchs, erlebte die Bundesrepublik ihre spannendste Phase. 68er, Deutscher Herbst, Wettrüsten, Friedensbewegung. Ich gehörte zur ersten Generation nach dem Zweiten Weltkrieg, die sich die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nicht erkämpfen musste, sondern dazu erzogen wurde.

Ich begegnete allem, was mir gestrig, hinterwäldlerisch und volkstümelnd schien, mit tiefstem Misstrauen und Ablehnung. Ich rebellierte gegen den Schützenverein, gegen Plattdeutsch, gegen das Singen der Nationalhymne.

Heimat? Dieses schreckliche, schrecklich missbrauchte Wort hätte ich in Bezug auf mein Zuhause nie in den Mund genommen, ja nicht einmal gedacht.

Der Abstand war heilsam, veränderte die Perspektive

Ich wollte weg. Raus aus dem Nest, aus dem Jeder-kennt-jeden-Mief. Weg aus diesem komischen Winkel Welt, wo Orte Namen haben wie Pannecke, Wibbese und Waddeweitz. Wo ich jeden Baum, jeden Strauch, jeden Grashalm kannte.

Als ich 18 war, verließ ich unser Dorf mit seinen zehn Straßen und ging nach Berlin. Das war damals noch geteilt und eigentlich auch nur ein Nest - aber was weiß man mit 18? In den Jahren, die folgten, sah ich etwas von der Welt, lebte auch im Ausland. Der Abstand war heilsam, veränderte die Perspektive. Ich schaute irgendwann mit frischem Blick auf das Fitzelchen Ländlichkeit, aus dem ich komme. Ich hatte es vermisst. Und entdeckte aufs Neue, was mir daran so lieb ist: die Ruhe, die Gemächlichkeit, die Schönheit.

Als mein Vater starb, mussten mein Bruder und ich eine Entscheidung fällen. Was wird aus dem Hof? Bewirtschaftet wurde er seit Jahren nicht mehr, an den Gebäuden begann schon der Verfall, alles war unmodern. Zwei große alte Häuser und Wirtschaftsgebäude, eine Hofkoppel, ein riesiger Garten.

"Verkaufen?", fragte mein Bruder. "Nein", sagte ich.

Ganz einfach war das plötzlich - ich entdeckte ein Gefühl. Hier sind meine Wurzeln, dies ist der Schauplatz unzähliger schöner Erinnerungen, hier leben Menschen, die ich liebe, hier möchte ich mich eines Tages niederlassen. Hier ist: Heimat.

Stolz? Nein, warum?

Das älteste Haus auf dem Hof haben meine Ururgroßeltern bauen lassen. Dorothea Elisabeth Hahlbohm und Johann Joachim Halbohm, 1845. Ihre Namen prangen noch heute an Nord- und Westseite des Fachwerkhauses, eingebrannt in die Querbalken. Ihr Schwiegersohn, mein Urgroßvater, war der erste Dreyer auf dem Hof. Die Namen seiner Eltern stehen im Nachbardorf am Giebel eines Bauernhauses.

Die beiden jahrhundertealten Eichen an unserer Scheune waren schon stattlich, als mein Großvater sich vor dem Ersten Weltkrieg mit zwei Rappen vor dem Haus fotografieren ließ. Und als der große Graubirnenbaum im Garten gepflanzt wurde, war meine Urgroßmutter Dorette noch ein Kind.

Ich empfinde es als Privileg, zu wissen, woher ich komme, welche Menschen und Traditionen meine Familie geprägt haben. Bin ich stolz darauf? Nein, warum? Glauben Sie mir, wer kaputte Dachrinnen, alte Kohleheizungen und umweltschädliche Klärgruben für ein Heidengeld erneuern lassen und bei jedem lauen Sommerlüftchen Angst haben muss, das marode Scheunendach werde gleich wie bröselnder Kinderkeks in alle Winde zerstieben, dem gehen dynastische Anwandlungen gründlich flöten.

Doch auch wenn Fragen wie "Kurzurlaub in Rom - oder ein neuer Anstrich für den Giebel?" meist zugunsten baulicher Erhaltungsarbeit entschieden werden und einen die Mehrzahl der Freunde für verrückt hält, weil man am Wochenende wieder einmal in die Pampa fährt, um dort den Garten umzugraben oder Generationen alten Mist aus halbverfallenen Kuhställen zu schaufeln: Ich genieße es, diese Arbeit zu machen. Nie bin ich sorgloser, als wenn ich mit beiden Händen in der Erde buddeln kann, Stauden und Sträucher setze, Unkraut zupfe, Rosen schneide.

Ach so, der Schützenverein? Marschiert noch immer an Pfingsten, ohne mich. Und die Nationalhymne singe ich auch nicht. Aber vielleicht nehme ich bald Plattdeutsch-Unterricht.

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Heimat
pförtner 09.04.2012
Was Heimat ist,weiß man erst, wenn man sie verloren hat. Heinrich Heine : "Denke ich an Deutschland in der Nacht..." Hoffmann von Falersleben: "Deutschland, Deutschland über alles..." Wenn ich durch Deutschland fahre und sehe all das Wunderbare. Deutschland Du liegst mir am Herzen, aber Du machst mir auch Schmerzen.
2. Schwierig
michaelslo 09.04.2012
Zitat von sysopDas Dach ist schief, der Garten verwildert, und die Lage ist nicht die beste, so nah am Zwischenlager. Trotzdem: Der Familienhof im Wendland ist etwas sehr Besonderes, ein geliebtes Fleckchen Erde. Wenn man nur dieses schreckliche Wort Heimat nicht in den Mund nehmen müsste. Was ist Heimat? Um Haus und Hof - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,825693,00.html)
Als Deutscher von seiner Heimat zu sprechen, noch vielleicht dazu, dass man sie liebt, kann gefährlich werden. Schnell ist man dann in eine nationalistische Ecke verbannt.
3.
tpro 09.04.2012
Zitat von sysopDas Dach ist schief, der Garten verwildert, und die Lage ist nicht die beste, so nah am Zwischenlager. Trotzdem: Der Familienhof im Wendland ist etwas sehr Besonderes, ein geliebtes Fleckchen Erde. Wenn man nur dieses schreckliche Wort Heimat nicht in den Mund nehmen müsste. Was ist Heimat? Um Haus und Hof - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,825693,00.html)
Ich weiß nicht, was am Wort Heimat so schrecklich ist. Wenn ich nach längeren Reisen rund um die Welt wieder zurückkomme, bin ich an einem Ort, an dem ich mich wohlfühle. Das bezeichne ich als Heimat. Aber ich habe auch keine 500 "Freunde" weltweit zerstreut (als Freund wird heutzutage jeder bezeichnet, mit dem man in Japan, China oder sonstwo mal ein gutes Gespräch führte). Fehlte nur noch der Hinweis seitens der Autorin, die Nazis hätten das Wort Heimat erfunden. Und was den Schützenverein betrifft: Jede freiwillige Feuerwehr hat mehr militärisches an sich als ein Schüzenverein. Da werden Feuer bekämppft, da gibt es Truppführer und auch Uniformen. Ebenso legt ein Feuerwehrfest noch eine Schippe drauf, wenn es ums Trinken geht. Vielleicht muß die Autorin des Artikels auch nur ein paar Jahre älter werden. Dann nimmt man die Leute so wie sie sind. Sowas bezeichnet man auch als Toleranz.
4. Irgendwie ein typischer Beitrag...
Sir Stroemming 09.04.2012
und symptomatisch für die ganze Verklemmtheit des heutigen Deutschland. Heimat - diesen Begriff nimmt man nicht in den Mund. Ist ja irgendwie peinlich so wie alles übrige Deutsche. Die Nationalhymne singt man natürlich auch nicht, und die Fahne wird allenfalls mal zur Fußball-WM aus dem Giftschrank geholt. Geht mir ja selbst genauso - mit dem Unterschied, daß ich mich seltsam heimatlos fühle. Ich bin zwar in Süddeutschland geboren, meine Vorfahren (einschl. meines Vaters) stammen jedoch aus Oberschlesien und Ostpreußen. Ich fühlte mich seltsamerweise schon als Kind immer als irgendwie Fremder und irgendwie deplatziert und sprach auch nie Dialekt, als so ziemlich einziger in meinem Umfeld. Heimat, keine Ahnung - wenn ich verreise, habe ich seit einigen Jahren immer eine gelb-blaue oberschlesische Fahne im Koffer, das ist mir Heimat genug. Ansonsten bin ich hinsichlich meines Aufenthaltsorts sehr flexibel und gern im Ausland.
5.
sverris 09.04.2012
Wer sagt, dass "Heimat" ein schreckliches Wort ist, hat nichts verstanden. Das Problem sind die nationalistischen/rassistischen Perversionen des dahinterstehenden Begriffs.
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