Italiener über Franziskus: "Nicht mal ein Römer wäre besser gewesen"

Aus Rom berichtet

Franziskus: Was Römer vom neuen Papst halten Fotos
SPIEGEL ONLINE

35 Jahre lang führten Nicht-Italiener die katholische Kirche. Diesmal hätte der Mailänder Scola das Rennen in der Sixtinischen Kapelle machen können, doch nun ist ein Argentinier Papst. Die Römer freut's. Sie erhoffen sich von Franziskus die Rückkehr des Anstands - und kaufkräftige Pilger.

Demütig. Bescheiden. Wunderbar. Am Tag nach der Papstwahl schwärmen die Italiener von Franziskus . Sein erster Auftritt auf dem Benediktionsbalkon des Petersdoms hat viele verzaubert. "Was für ein einfacher Mann", sagt Lina Munalli, die nur ein halbes Jahr älter ist als der Mann, der seit gestern Oberhaupt der katholischen Kirche ist. "Wir sind ein Jahrgang", sagt die 76-Jährige und strahlt.

Dass der Neue so ein alter Mann ist, finden nicht alle gut. Viele Italiener hatten sich einen jüngeren erhofft. "Hauptsache, er hat die Kraft, für eine piazza pulita zu sorgen", sagt Munalli. Sie meint jemanden, der den Hof kehrt, aufräumt mit den Skandalen und Intrigen.

"Die Geistlichen müssen wieder strenger die Moral leben, die sie predigen", sagt Francesca Marafioti. Die 32-Jährige Anwältin ist zwar katholisch erzogen worden, aber in die Kirche geht sie schon seit 20 Jahren nicht mehr. Sie ist in Kalabrien aufgewachsen, in einem Städtchen in Süditalien. "Mich hat angewidert, was ich dort erlebt habe", sagt sie. "Der Priester hatte zwei Autos und ein Mofa - muss das ein?" So ein Lebensstil passe nicht zu einem Kleriker, sagt sie. "Ist aber keine Seltenheit in Italien."

Sie ist begeistert davon, dass Jorge Mario Bergoglio in seiner Funktion als Erzbischof von Buenos Aires lieber in den Bus gestiegen ist, sich unter die Leute gemischt hat. "Ich hoffe, er bleibt auch als Papst so bescheiden", sagt Marafioti. Ihm traut sie das eher zu als einem italienischen Papst. "Zum Glück ist es nicht Angelo Scola geworden ist - der ist mir zu abgehoben."

Papst ohne Pelzkragen

Wie Marafioti denken viele Römer. Sie schätzen Franziskus schon jetzt für seine zurückhaltende Art. Dafür, dass er sich für seinen "Habemus Papam"-Moment nicht gleich den Pelzkragen umgeworfen hat, sondern in schlichtem Weiß erschien. Viele ziehen den Vergleich zum Ordensbruder Franz von Assisi, der in Luxus hätte leben können, aber die Armut vorzog.

Trotzdem könnte der neue Papst den Italienern Reichtum bescheren, sagt Pamela Fiorini. Sie meint das nicht materiell. "Wir sind arm an Ideen", sagt die 37-jährige Buchhändlerin aus Rom. "Ein Hauch Internationalität wird dem ganzen Land gut tun." Sie verspricht sich von dem Argentinier, dass er für eine Öffnung der Kirche sorgen wird. "Ein Italiener hätte uns da sicher nicht weitergeholfen."

Auch Alberto Vincelli sieht einen großen Vorteil darin, dass ein Ausländer nun das Petrusamt bekleidet. "Die Südamerikaner werden in Scharen nach Rom pilgern", sagt der Römer, der an der Piazza Venezia ein Geschäft hat. Er will den lateinamerikanischen Touristen viele Seidentücher und Krawatten verkaufen.

"Brasilianer sind die besseren Kunden - aber der Argentinier ist klasse"

Noch besser hätte es ihm gefallen, wenn Kardinal Scherer aus São Paolo Papst geworden wäre. "Unter den Südamerikanern sind die Brasilianer die besten Kunden", sagt Vincelli. "Manche kaufen zehn Schals - als Mitbringsel für Cousinen, Tanten, Freundinnen." Die Argentinier seien da eher sparsam. "Aber was soll's. Ich finde Franziskus klasse."

Auch Alessandro Sgrocca freut sich auf viele Südamerikaner, die sich vielleicht demnächst von ihm porträtieren lassen wollen. Der 48-Jährige ist Maler, seine Staffelei steht neben Dutzenden anderen auf der Piazza Navona, dem von Touristen überlaufenen Platz mit den drei berühmten Brunnen. Aber das Geschäft mit Pilgern aus Lateinamerika ist nicht der einzige Grund, warum sich Sgrocca über den neuen Papst freut. "Das war die perfekte Wahl", sagt er. "Nicht mal ein Römer wäre besser gewesen."

Ein ausländischer Papst als Lockvogel für Touristen? "Klar, nur darum freuen sich viele Italiener über den Argentinier", sagt der römische Rentner Alberto Piacenza. "Insgeheim wünschen sich viele einen Papst aus unserem Land." Sollte es so sein, dann gibt das niemand zu. Die Römer loben seinen humorvollen Einstand auf dem Petersplatz. Sein "sonniges Gemüt", sein "freundliches Gesicht", seine "friedliche Erscheinung".

Nur wenige kritisieren ihn für seine konservative Haltung, reden von seinem umstrittenen Verhältnis zur Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983. Die Hoffnung der Römer ist groß, dass ein Nicht-Italiener ein bisschen Frieden ins Land bringt. "Wenn schon in Politik und Wirtschaft ein großes Chaos herrscht - vielleicht kommt unter Franziskus wenigstens die Kirche zur Ruhe", sagt Rentnerin Lina Munalli. Sie sei zuversichtlich. "Und im Übrigen hat Bergoglio italienische Wurzeln."

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Leute...
Dengar 14.03.2013
Ibr habt selbst geschrieben, der neue Papst besäße beide Staatsbürgerschaften, sowohl die argentinische als auch die italienische......Echt schon vergessen?
2. Die Wurzeln Franziskus sind italienisch
mischpot 14.03.2013
Vielleicht stimmen die Weissagungen Malachias doch. Die Liste schließt mit der unheimlichen Prophezeiung: "Während der letzten Verfolgung der heiligen Kirche wird Petrus, ein Römer, regieren. Er wird die Schafe unter vielen Bedrängnissen weiden. Dann wird die Siebenhügelstadt zerstört werden, und der furchtbare Richter wird sein Volk richten. Ende."
3.
feurig 14.03.2013
Diese mittelalterliche abergläubische Institution müsste schon längst Geschichte sein.
4. Chance vertan
dequincey 14.03.2013
Zitat von sysop35 Jahre lang führten Nicht-Italiener die katholische Kirche. Diesmal hätte der Mailänder Scola das Rennen in der Sixtinischen Kapelle machen können, doch nun ist ein Argentinier Papst. Die Römer freut's. Sie erhoffen sich von Franziskus die Rückkehr des Anstands - und kaufkräftige Pilger. "Brasilianer sind die besseren Kunden - aber der Argentinier ist klasse" Noch besser hätte es ihm gefallen, wenn Kardinal Scherer aus São Paolo Papst geworden wäre. "Unter den Südamerikanern sind die Brasilianer die besten Kunden", sagt Vincelli. "Manche kaufen zehn Schals - als Mitbringsel für Cousinen, Tanten, Freundinnen." Die Argentinier seien da eher sparsam. "Aber was soll's. Ich finde Franziskus klasse." Was Italiener über Papst Franziskus denken - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/was-italiener-ueber-papst-franziskus-denken-a-888979.html)
Ob diese Einstellung Jesus gefallen hätte? Wohl kaum wenn man der Bibel glauben kann, z.B. Johannes‘ 2,13-16. Jesus würde heute die ganze Kurie aus dem Vatikan jagen. Alleine schon der, im Angesicht der vielen armen Gläubigen, obszöne Prunk der RKK verstößt gegen die christliche Idee der Bescheidenheit, Demut und Nächstenliebe. Vielleicht gelingt es dem neuen Papst seinen persönlichen Auftritt bescheiden zu gestalten, den Protz der Kirche wird er nicht verändern können. Vielleicht kann er die schwarzen Geschäfte der Vatikan-Bank unterbinden. Wahrscheinlich aber scheitert er, wie sein Vorgänger, an den verkrusteten Strukturen und konspirativen Seilschaften und an fehlendem Mut oder fehlender Einsicht in die Notwendigkeit einer Erneuerung. Auch er wird Frauen nicht als ebenbürtige Mitglieder in der Kirche anerkennen? Er wird es bei der Anbetung seiner heiligen Jungfrau Maria belassen. Er wird weiterhin Sexualität als natürliches Bedürfnis verleugnen, Verhütung verbieten und Homosexualität ächten. Das Konklave der weltfernen alten Männer hat nicht umsonst einen 76jährigen gewählt. Auch wenn der neue Papst aus Argentinien kommt, sein Geist entspringt aus der starren Tradition und antiken Weltsicht der vatikanischen Katakomben. Eine Chance zum Wandel wurde vertan. Die Welt entwickelt sich, die katholische Kirche bleibt im Mittelalter.
5. Wenn ein neuer Papst in Rom für mehr Umsatz sorgen kann, ist die Welt in Ordnung
neanderspezi 15.03.2013
Eigentlich muss bei diesem Papst Franziskus befürchtet werden, dass nun intensiver seinem Verhalten während der Zeit der Militärjunta in Argentinien nachgespürt wird. So kann allein schon durch den Akt vielfältiger Fragestellungen bei Überlebenden und Hinterbliebenen zu Schutzmaßnahmen der katholischen Kirche für bedrohte Priester, die im Sozialbereich tätig waren, der Eindruck geweckt werden, dass ein zwiespältiges Verhalten verschiedener kirchlicher Würdenträger sich schicksalhaft für Verfolgte ausgewirkt haben mag. Da die Zeit von 1976 bis 1983, in der die Militärdiktatur ihre Gräueltaten mit annähernd 30.000 gemeuchelten vermeintlichen oder denunzierten Regimegegnern ausübten erst 30 Jahre zurückliegt, stehen noch genügend Zeitzeugen zur Verfügung, um ein für kirchliche Institutionen unangenehmes Raunen heraufzubeschwören, das möglicherweise auch auf den neuen Papst gerichtet sein könnte. Erfreulich ist jedoch, dass schon direkt nach der Papstwahl sich Geschäftsleute Roms und anderweitig Betroffene auf ersprießliche Umsätze durch südamerikanische Pilger und Reisende einstellen, was natürlich Franziskus nicht als argentinischen Handelsreisenden zur Vorbereitung einträglicher Geschäfte kennzeichnet. Analogien dazu zeigt schon das Neue Testament, hatte doch auch der Religionsstifter unterhaltsame Begegnungen mit solchen Handeltreibenden bei seinen Tempelvisiten.
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