Studenten an päpstlicher Universität: Die Gestrigen von morgen

Aus Rom berichtet

Gregoriana-Universität: Was junge Theologen vom nächsten Papst erwarten Fotos
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Sie bezeichnen Schwule als Kranke, können auf weibliche Priester verzichten und sind gegen Abtreibung: An der Päpstlichen Universität Gregoriana ist von der Moderne wenig zu spüren. Theologiestudenten aus aller Welt wollen die katholische Kirche reformieren - aber nur ein kleines bisschen.

Dicke Marmorsäulen stützen die altehrwürdige Halle der Gregoriana. Sie ist eine von elf Päpstlichen Universitäten in Rom, an die es junge Katholiken aus aller Welt zieht. Durch die Flure schreiten Nonnen in hellen und dunklen Gewändern, Ordensbrüder in Kutten und Studenten in Jeans und Sweatshirt.

Ein spitzbübisch lächelnder Mann mit blauem Pullover und einem Priesterkollar unterm Hemdkragen blickt zum Deckengewölbe und sagt nach einer kurzen Denkpause: "Wenn ich mir etwas für den neuen Papst wünschen dürfte, dann wäre es, dass er seine Schafe gut kennt."

Tomasz Smalcerz stammt aus Polen. Er ist seit fünf Jahren Priester, seine Gemeinde hat ihn an die Gregoriana geschickt. Wenn er mit seinem Kirchenrecht-Studium fertig ist, will er zurück ins südpolnische Strzemieszyce Wielkie. Tomasz Smalcerz setzt auf die Nähe zu den Gläubigen. "Auch der Papst kann nur so ein guter Hirte sein."

Smalcerz erwartet vom Heiligen Vater, dass er die Gläubigen an die Hand nimmt, sie leitet. Dabei sei so manch eine Reform fällig - doch welche genau, das will er dem Papst nicht vorschreiben. Die Frage danach, wie der Pontifex sein und was er machen sollte, sei völlig fehl am Platze. Es gehe ums große Ganze, die Herausforderungen dieser Tage. "Der Umgang mit Heiden und Atheisten gehört dazu", sagt Smalcerz. "Die einen glauben gar nicht, die anderen führen einen Feldzug gegen die Kirche." Diesen Menschen müsse man begegnen.

Als Benedikt XVI. im Herbst 2011 das Jahr des Glaubens ausrief, das ein Jahr später begann, sprach er von der Tür des Glaubens, "die in das Leben der Gemeinschaft mit Gott führt und das Eintreten in seine Kirche erlaubt". Sie stehe immer offen, es sei möglich, "diese Schwelle zu überschreiten, wenn das Wort Gottes verkündet wird und das Herz sich durch die verwandelnde Gnade formen lässt".

Formen würde der polnische Priester Smalcerz gerne eine Gruppe von Menschen, die er nicht ganz normal findet: Schwule. "Homosexualität ist eine Krankheit", sagt er. Gott habe nicht gewollt, dass Männer Männer lieben - sonst hätte er wohl kaum Adam und Eva erschaffen.

"Die empfangene Botschaft verkünden"

An der Gregoriana treffen Bibelgeschichte und Moderne aufeinander. Wie stellen sich junge Katholiken aus Europa, Afrika und Amerika die katholische Kirche in Zukunft vor? Was muss der neue Papst verändern?

Die Studentin Katja Wöhle aus Deutschland hofft, dass sich mehr Menschen überhaupt auf ein katholisches Leben einlassen. Die 28-Jährige ist im Fach Kirchenrecht eingeschrieben, sie nimmt die Aufforderung von Benedikt XVI. ernst: In der Neuevangelisierung gehe es darum, seinen Glauben zu verkünden, "die Botschaft, die ich empfangen habe, weiterzutragen". Sie weiß, wie es ist, nicht verstanden zu werden. Die junge Frau stammt aus Görlitz. "Dort ist kaum einer katholisch, ich musste immer erklären, warum ich es bin."

Der Tod Johannes Paul II. war für sie ein Schlüsselmoment, damals arbeitete sie als Au-pair in Washington D.C. "Ich ging in die Kirche, um mit anderen zu trauern, ich trug Schwarz - und niemand in meinem Alter hat das verstanden." Sie versuchte, sich zu erklären. Doch auf viele Fragen, die Bekannte stellten, hatte sie keine Antworten. Sie beschloss, Theologie zu studieren.

Für den nächsten Papst hat Wöhle eine Liste an Anforderungen: "Er muss Leute mitreißen können, er muss viele Sprachen sprechen, er muss ein guter Diplomat und ein Friedensfürst sein."

Umso bescheidener klingen ihre Forderungen nach großen Reformen in der Kirche. Die Frauenordination? "Brauche ich nicht", sagt Wöhle. "Ich fühle mich berufen für die Kirche, aber ich muss nicht Priesterin werden." Es bringe der Kirche nicht mehr Mitglieder, wenn eine Frau auf dem Altar stehe. Wöhle will die alten Werte bewahren - und die Schöpfung. Sie ist strikt gegen Abtreibung. Für das Einlenken der Bischofskonferenz beim Thema "Pille danach" hat sie mehr Verständnis: "Da wird ja laut den Experten die Befruchtung verhindert und nicht Leben zerstört."

Die Deutsche spricht von "Zeiten des Umbruchs", davon, die christlichen Traditionen der Moderne anzupassen. Doch in den praktischen Fragen des Lebens gibt sie sich "wenig liberal", wie sie selbst sagt. Als konservativ würde sie sich dennoch nicht beschreiben - eher als sehr katholisch.

Was die Sexualmoral angeht, besteht Wöhle allerdings keineswegs auf alte Regeln. "One-Night-Stands machen keinen glücklich", sagt sie. "Aber Jungendlichen würde ich niemals erzählen, sie dürfen keinen Sex vor der Ehe haben. Es sollte nur mit einem Partner sein, mit dem man immer zusammen bleiben möchte."

"Priesteranwärter müssen anfangen, über Pädophilie zu sprechen"

Einer Erneuerung seiner Kirche steht Plicio Kouassi aufgeschlossen gegenüber. "Der nächste Papst sollte ein Brasilianer sein", sagt er. Der 39-jährige Priester kommt aus Abidjan von der Elfenbeinküste. Er würde sich zwar auch über einen Afrikaner auf dem Heiligen Stuhl freuen, aber wenn es nach seinem Demokratieverständnis geht, sollte lieber ein Südamerikaner Papst werden. "Dort leben einfach die meisten Christen."

Kouassi studiert an der Gregoriana Philosophie. In den Gottesdiensten in seiner Heimat predigt er vor 3000 Menschen. Er kennt ihre Probleme. "Menschen müssten sich leichter scheiden lassen können." Momentan können sich katholische Ehepaare zwar zivilrechtlich trennen. Vor Gott bleibt der Bund der Ehe bestehen, nach katholischem Verständnis kann die Ehe nicht aufgelöst werden. Sie kann erstinstanzlich an einem kirchlichen Gericht im Bistum und - eher selten - letztinstanzlich von der römischen Rota, dem zweithöchsten Gericht der Weltkirche, annulliert werden. Das bedeutet, dass sie rückwirkend für nichtig erklärt wird.

Ein solches Verfahren in Rom ist mit hohen Kosten verbunden: für die Reise nach Italien, Anwälte, das Gericht. Und es ist langwierig. "Das kann man doch keinem zumuten", sagt Kouassi. Außerdem beschäftigen ihn die Missbrauchsskandale. "Ich fände es gut, wenn bei der Ausbildung der Priester endlich das Thema Pädophilie mehr diskutiert werden würde", sagt er. "Die Fehler, die einige katholische Geistliche begangen haben, dürfen nicht wieder passieren."

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes konnte der Eindruck entstehen, katholische Ehen könnten nur vor der römischen Rota in Rom annuliert werden. Scheidungswillige führen Eheverfahren jedoch in den meisten Fällen auf der Ebene der Diözesan- und Metropolitangerichte. Wir haben die Angaben präzisiert.

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insgesamt 130 Beiträge
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1.
Atheist_Crusader 13.03.2013
"päpstliche Universität"? Spielen wir schon wieder das Oxymoron-Spiel?
2. optional
flaschenöffner 13.03.2013
"Es bringe der Kirche nicht mehr Mitglieder, wenn eine Frau auf dem Altar stehe." Hallo Julia Stanek! Mit gottesdienstlichen Vorgehensweisen kennen Sie sich nicht so gut aus? Bitte suchen und ändern Sie die falsche Präposition in dem zitierten Satz.
3.
parabellum 13.03.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESie bezeichnen Schwule als Kranke, können auf weibliche Priester verzichten und sind gegen Abtreibung: An der Päpstlichen Universität Gregoriana ist von der Moderne wenig zu spüren. Theologie-Studenten aus aller Welt hier wollen die katholische Kirche reformieren - aber nur ein kleines, kleines bisschen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/was-junge-theologen-vom-naechsten-papst-erwarten-a-888619.html
Naja, gegen Abtreibung sein ist ja nicht schlimmes. Das toetet doch kleine Menschen. Wenn SPON das "modern" nennt, dann bin ich wohl altmodisch.
4. Penetrant
kugelsicher99 13.03.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESie bezeichnen Schwule als Kranke, können auf weibliche Priester verzichten und sind gegen Abtreibung: An der Päpstlichen Universität Gregoriana ist von der Moderne wenig zu spüren. Theologie-Studenten aus aller Welt hier wollen die katholische Kirche reformieren - aber nur ein kleines, kleines bisschen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/was-junge-theologen-vom-naechsten-papst-erwarten-a-888619.html
Einen nicht unerheblichen Teil seinesgleichen als "krank" zu bezeichnen, ist schon bemerkenswert. Orwell würde es wohl Zwidenken nennen. Dass nämlich prozentual mehr Männer in der Kirche schwul sind als im Schnitt der Gesamtbevölkerung, ist kein Geheimnis mehr. Vielleicht manchmal sogar der Grund für das ganze Tun. Und dann dieses penetrante, und vor allem ungefragte Missionieren. Das geht mir echt auf den Zeiger. Die Menschen haben euch nicht aufgerufen mit euren Lehren um die Ecke zu kommen und sie zu bekehren werte Frau Wöhle.
5. was wachsen
bayernmuenchen 13.03.2013
denn da für Priester und Akademiker nach bzw. heran? Mir schwant nichts Gutes.
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