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Von Maulkorb bis Zuchtverbot: Was wurde aus der Kampfhund-Debatte?

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Gefährliche Hunde: Was ist ein Kampfhund? Fotos
DPA

Potenziell tödliche Waffe auf vier Beinen: Die Debatte über Kampfhunde beschäftigte die Öffentlichkeit über Jahre. Was sich seitdem geändert hat - die wichtigsten Fakten.

Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Am 26. Juni 2000 verlor Familie K. aus dem Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg ihren sechsjährigen Sohn Volkan. Zwei Kampfhunde bissen das Kind, das in einem öffentlichen Park Fußball gespielt hatte, zu Tode. Niemandem war es gelungen, die Tiere von dem Jungen abzubringen.

Die 19-jährige Besitzerin hatte die Staffordshire-Hündin und den Pitbull-Rüden einem Freund geliehen, dem nach einem Spaziergang mit Hunden war. Ohne Maulkorb, ohne Leine und ohne irgendeine Ahnung, wie er die Tiere unter Kontrolle bringen sollte, als die eine Gruppe spielender Kinder angriffen. Herbeigeeilte Polizisten erschossen die Hunde erst, als es zu spät war.

Die tödliche Tragödie und die öffentliche Empörung trieb die Politik zu schnellem Handeln: In Rekordzeit reagierte der Hamburger Senat und erließ nur zwei Tage nach dem Tod des Jungen die bis dahin bundesweit schärfste Regelung zum Thema Kampfhunde. Auch die Justiz arbeitete zügig. Nur sechs Monate nach Volkans Tod wurde die Hundebesitzerin zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt, ihr Freund musste für drei Jahre und sechs Monate in Haft.

Die öffentliche Debatte endete nicht einfach wieder. Es war ja nicht das erste Mal, dass potenziell gefährliche Hunde Menschen töteten, und überproportional oft waren Kinder die Opfer. Kaum ein Monat, in dem die Medien nicht über Bissattacken berichteten.

Das Risiko ist höher, von einem Pferd getötet zu werden

Rein statistisch starben in den 16 Jahren ab 1998 jedes Jahr 3,44 Menschen in Deutschland an den Folgen einer Hundeattacke. Die Fallzahlen schwankten zwischen null (wie im Jahr 2009) und sechs Opfern (wie im Jahr 2000). Durch eine Hundeattacke zu sterben ist damit selbst im vierbeinerverrückten Deutschland (geschätzt: fünf Millionen Hunde) höchst unwahrscheinlich - das Risiko, von einem Pferd getötet zu werden, ist hierzulande sechsmal so hoch.

Bei den nicht tödlich verlaufenden Attacken kommen allerdings ganz andere Zahlen zusammen. 30.000 bis 50.000 Bissattacken im Jahr hält das "Deutsche Ärzteblatt" für wahrscheinlich, zählt dabei allerdings auch alles von oberflächlichen Bissspuren bis zu entstellenden, schweren Verletzungen mit.

Normalerweise schaffen es die Meldungen darüber nur in die regionale Presse. Ein paar Fälle aus den vergangenen Monaten:

  • Overath, April 2015: Dobermann attackiert Zehnjährigen. Es ist die vierte Bissattacke des Hundes;
  • Falkenstein, Juni 2015: Rottweiler beißt Dreijährigem ins Gesicht;
  • Köln, Juli 2015: Rottweiler verletzt Zweijährige schwer;
  • Dresden, August 2015: Gericht verurteilt Hundebesitzer, dessen Pitbull einen geistig behinderten jungen Mann gebissen hatte;
  • Kollnburg, August 2015: Rottweiler beißt Neunjährigen;
  • Ludwigsburg, November 2015: Labrador-Husky-Mischling beißt einem 14 Monate altem Jungen ins Gesicht.

Eine offizielle Statistik über solche Angriffe gibt es nicht. Wie im Jahr 2000 ist der Umgang mit dem Hund auf Länderebene geregelt, wenn nicht sogar darunter.

Was wurde seit 2000 unternommen?

Die Bundesländer reagierten auf die Kampfhund-Debatte mit unterschiedlichen Maßnahmen. Fast alle sollten bis 2006 ihre Gesetze anpassen. Viele erließen "Kampfhundverordnungen", die zum Teil Leinen- und Maulkorbzwang verordneten, vor allem aber die sogenannten Rasselisten gefährlicher Hunde definierten. Hunde, die auffällig wurden, mussten sich nun einem "Wesenstest" unterziehen: Allein in Hessen wurden in den Jahren bis 2005 über 400 Tiere eingeschläfert, weil sie ihren Test nicht bestanden.

Trotzdem zeigen die verfügbaren Statistiken klar, dass sich die Situation kaum verändert hat, Bissattacken wurden nicht seltener. Die Zahl der einst "Kampfhunde", nun "Listenhunde" genannten nahm aber ab.

Alle Bundesländer mit Ausnahme von Niedersachsen führen Rasselisten. Der Bund verbietet die Einfuhr einiger weniger Rassen, zu dem oft geforderten Zucht- und Halteverbot kam es jedoch nirgendwo. Stattdessen erließen die Länder inhaltlich stark voneinander abweichende Regelungen, die auf Ortsebene auch noch innerhalb der Bundesländer variieren können.

So gilt beispielsweise der Pitbull in allen Ländern außer Niedersachsen als gefährlicher Hund, der Dobermann aber nur in Brandenburg. Der - siehe oben - durchaus nicht immer friedliche Rottweiler gilt in fünf Ländern als gefährlich. Und wer in Rheinland-Pfalz ohne Leine und Maulkorb seinen Bullmastiff Gassi führt, sollte die Landesgrenzen nach NRW oder Baden-Württemberg nicht übertreten - da drohen Bußgelder. Ach ja: so wie in Teilen der Stadtgebiete von Mainz und Ludwigshafen, Rheinland-Pfalz.

Richtig Biss haben nur lokale Verordnungen

Doch das heißt nicht, dass alle Hunde, die auf Rasselisten stehen, zwangsläufig Maulkorb tragen müssen. Ausnahmeregelungen gibt es fast überall. Zugleich fallen oft auch Hunde unter Leinen- und Maulkorbpflicht, die auffällig geworden sind oder ihren Wesenstest nicht bestanden haben. In Niedersachsen ist das grundsätzlich so: Das 2011 dort eingeführte Hundegesetz verordnet Besitzern eine Art Hundeführerschein - und als gefährlich werden Tiere aufgrund ihres Wesens eingestuft, nicht aufgrund ihrer Rasse.

Während etliche Kampfhundverordnungen wieder aufgehoben oder eingeschränkt wurden, waren es aber die Gemeinden, die die effektivsten Maßnahmen gegen die Haltung gefährlicher Hunde einführten: Ihre schärfste Waffe ist die Hundesteuer.

So kostet die Haltung eines Listenhundes heute in den meisten Kommunen bis zu zehnmal so viel wie die eines als nicht gefährlich eingestuften Hundes. Dazu kommen die teils gesetzlich verlangten Haftpflichtbeiträge, die bei solchen Rassen ebenfalls deutlich höher ausfallen.

Auch, wo Maulkorbzwang gilt, sinkt die Popularität der Listenhunde - die Besitzer stellen fest, dass der Maulkorb sie zu sozialen Parias macht. All das wirkt durchaus: Die Zahl der Listenhunde ist seit 2000 deutlich gesunken. Auch hier fehlen offizielle Statistiken, aber bis auf Ortsebene hinab sind Stichproben eindeutig: So sind im Bezirk Dresden gerade noch 22 Listentiere gemeldet. Für rund 100 weitere Hunde gilt dort angeordneter Maulkorbzwang.

Fünfzehn Jahre Verordnungen und in vielen Bundesländern mehrfach geänderte Gesetze haben so den Rassemix der hierzulande gehaltenen größeren Hunde verändert. Die Zahl der Bissattacken, Verletzungen und Todesfälle blieb derweil auf Niveau: Klar, denn Kampfhundattacken waren immer nur ein kleiner Teil der Fälle. Der häufigste hiesige Beißer war und ist der Deutsche Schäferhund.

Am Ende ist jeder Hund eine potenzielle Gefahr, was nicht zuletzt davon abhängt, wer die Leine hält oder auch nicht. Das ist eine Einsicht, die mittelfristig das Ende der Rasselisten einläuten und strengere Vorschriften für andere Hunderassen bedeuten könnte.

Schleswig-Holstein führt zum 1. Januar ein Hundegesetz nach niedersächsischem Vorbild ein - ohne Rasseliste, aber mit strengen Sanktionen gegen auffällige Hunde und ihre Besitzer. Für manche Listenhunde bedeutet das sogar die Abschaffung der Maulkorbpflicht. Für viele Besitzer anderer, auffällig gewordener Hunde aber wird es mittelfristig teuer. Einen Kampfhund erkennt man nun nicht mehr am Namen, sondern daran, dass er kämpft.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
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1. Parteiisch
dresdner1970 14.12.2015
Den Artikel finde ich doch sehr parteiisch geschrieben. Natürlich wird versucht, beide Seiten darzustellen, doch wird die Angstseite vor vermeintlichen Kampfhunden deutlich mehr betrachtet. Überhaupt ist die Kampfhund-Debatte eine Scheindebatte, denn es gibt nicht DEN Kampfhund. Das sieht man schon daran, dass die allermeisten Bissattacken von Deutschen Schäferhunden stammen. Da sollten die Politiker eher einschreiten und den Besitzern mit Strafen drohen, aber das traut sich keiner. Man kann auch Hunde der liebsten und zutraulichsten Rassen zu Kampfmaschinen abrichten. Zugegeben, bei manchen Rassen ist es schwerer sie zum zubeisen zu bringen, als bei anderen. Damit ein Labrador oder Golden Retriver zubeist, gehört schon jahrelanges "Training" dazu. Andererseits haben viele Rassen auch nur einen schlechten Ruf. Rottweiler sind z.B. ideale Familienhunde, sie sind fürsorglich, lassen praktisch alles mit sich machen und sind absolut kinderlieb. Denn einen Rottweiler zum Zubeisen zu bekommen ist sehr schwer, sie haben eine sehr hohe Toleranzgrenze. Nur wenn er einmal so lange geärgert wird, dass er zubeist, dann möchte ich nicht daneben stehen, denn es ist nun mal ein Unterschied, ob einen ein Chihuahua in die Waden zwickt, oder ein Rottweiler zubeist. Bei dieser Debatte sollten auch nicht die Hunde bestraft werden. Halsband und Maulkorb sind zwar sehr sinnvoll, allerdings nicht am unteren Ende der Leine, sondern am oberen. Denn ein Hund ist in den allermeisten Fällen NICHT verantworlich für die Attacke, er wurde einfach nicht richtig oder sogar vorsätzlich falsch erzogen. Daher gehören die Besitzer bestraft und den Hunden muss die Chance auf eine Rehabilitierung vom Fachpersonal gegeben werden. Eine Einschläferung ist hier oftmals der falsche Weg, wenn ein Hund Angst hat, sich und sein Herrchen verteidigen will oder einfach nur lange genug gequält und geärgert wird, dann beist der Hund nun mal zu, Menschen würden in so einer Situation auch ähnlich reagieren. Wer kennt nicht den Kollegen im Büro, der einen den ganzen Tag nur nervt und irgendwann reist einem der Kragen und man geigt ihm mal ordentlich die Meinung?
2.
tbi 14.12.2015
"Jeder Hund ist potenziell gefährlich?" Meine Güte! Dieser Artikel ist ganz schön einseitig geschrieben und klingt wie ein Aufruf gegen Hundehaltung im Allgemeinen. Selbstverständlich ist jeder Biss einer zu viel. Dennoch sind nicht die Hunde ursächlich, die nämlich nicht aggressiv geboren werden. Es ist IMMER der Halter, der seinen Hund nicht erzogen hat.
3. Außer....
fatherted98 14.12.2015
....das einige Kommunen die Hundesteuer erhöht haben ist gar nichts passiert. Den Wesensschein bekommt man nachgeworfen.... Bei uns streunen Kampfhunde über Spielplätze, die Eltern ergreifen mit den Kindern die Flucht...die Polizei kommt nicht...ist nicht ihre Sache solange nix passiert...und die Besitzer...sagen: Der tut nix....also...alles beim alten bis der nächste Mensch totgebissen wird.
4.
alohas 14.12.2015
Die Bissattacken werden schon allein deshalb nicht weniger, weil die „Der will nur spielen“-Fraktion ihre Köter weiterhin ungestraft von der Leine lässt.
5. Es sollte sich langsam herumsprechen,
bafibo 14.12.2015
daß auffällige Hunde im Normalfall von ihren (ggf. früheren) Besitzern vermurkst werden, die das problematische Verhalten ihres Hundes womöglich gar nicht wahrhaben wollen. Vielfach kann man den Hund noch umerzeihen, aber nicht immer - dann ist ein Maulkorb eine traurige Notwendigkeit. Wer sein Verhalten aber in jedem Fall ändern muß, ist der jeweilige Halter. Eine stark erhöhte Steuer auf auffällige Hunde (aber nur auf die) bzw. für Halter ohne "Hundeführerschein" ist dann sicherlich sinnvoll.
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