Schüler gegen "Washington Post" Die Millionenklage des Nicholas Sandmann

Ein Schüler will von der "Washington Post" eine Viertelmilliarde Dollar eintreiben, weil die Zeitung ihn verleumdet habe. Worum geht es?

Verlagshaus der "Washington Post"
AP

Verlagshaus der "Washington Post"


Was ist passiert?

Mitte Januar gingen Aufnahmen von einem Vorfall im Zentrum von Washington um die Welt: In der US-Hauptstadt trafen damals einige Indigene sowie eine Schülergruppe aufeinander. Die Jugendlichen, die zuvor am "Marsch für das Leben" von Abtreibungsgegnern teilgenommen hatten, warteten auf den Stufen des Lincoln-Denkmals auf die Busse für ihre Heimfahrt nach Kentucky.

Empörung erregte später eine Videosequenz, die einen Teenager zeigt, der vor dem Ureinwohner Nathan Philipps steht. Während der ältere Mann in dem Video eine Trommel schlägt und singt, lächelt ihn der Teenager unentwegt an - umringt sind beide von johlenden Schülern. Die Indigenen demonstrierten auf dem "Indigenous Peoples March" für die Rechte von Ureinwohnern.

Angeblich, so berichteten es US-Medien, hätten die Schüler die Indigenen umringt und provoziert oder verhöhnt. Schnell gab es harsche Kritik am Verhalten der Jugendlichen, auch SPIEGEL ONLINE berichtete darüber. Weitere Bilder und Stellungnahmen führten jedoch zu einer veränderten Bewertung des Vorfalls.

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Wie reagierte der Jugendliche im Zentrum des Falles?

Der 16 Jahre alte Nicholas Sandmann teilte kurz nach dem Vorfall mit, er habe die Situation auflösen wollen und sich daher dem älteren Mann gegenüber ruhig verhalten. "Es kränkt mich, dass so viele Menschen an etwas glauben, das nicht passiert ist", schrieb er damals, er habe Morddrohungen erhalten. Nun will er jene Zeitung wegen Verleumdung verklagen, die zuerst über den Vorfall berichtet und so wohl die Empörung ausgelöst hatte: die "Washington Post". Sandmann fordert seinen Anwälten zufolge 250 Millionen Dollar, umgerechnet 220 Millionen Euro. Das sei die Summe, die Eigentümer und Amazon-Gründer Jeff Bezos einst für die Traditionszeitung bezahlt hatte.

In der Klage, veröffentlicht auf der Seite der Anwaltskanzlei, heißt es, die "Washington Post" habe den Schüler "fälschlicherweise rassistischer Handlungen beschuldigt". So sollten Vorurteile gegen Präsident Donald Trump geschürt werden, da Sandmann ein weißer, katholischer junger Mann sei, der während des Vorfalls eine Mütze mit Trumps Slogan "Make America Great Again" getragen habe.

Die Juristen erheben eine ganze Reihe schwerer Vorwürfe: "Diese Klage wird gegen die 'Post' erhoben, um eine Entschädigung zu erhalten für ihre fahrlässige, rücksichtslose und infame Attacke gegen Nicholas, die seinem Leben und seinem Ansehen dauerhaften Schaden zugefügt hat." Der Junge und seine Familie erlebten "eine der schlechtesten Seiten unserer gegenwärtigen Gesellschaft", hieß es bereits in einer Mitteilung vom 25. Januar.

Wie verhält sich die "Washington Post"?

Die Zeitung will sich gegen die Vorwürfe verteidigen, wie es in einem Artikel heißt. "Wir prüfen eine Kopie der Klage und planen eine entschlossene Verteidigung", sagte Kristine Coratti Kelly, eine Sprecherin des Medienhauses.

Sitz der "Washington Post" im One Franklin Square Building
AP

Sitz der "Washington Post" im One Franklin Square Building

Die Artikel über den Fall, die seit dem 18. Januar auf der Homepage der Zeitung erschienen sind, stehen noch online - einige wurden aktualisiert und um Korrekturhinweise ergänzt. Auch andere Medien haben ihre Berichte angepasst, so auch SPIEGEL ONLINE.

Wie positioniert sich die Schule?

Die Leitung der katholischen High School des Bistums Covington hatte das Verhalten ihrer Schüler anfangs scharf kritisiert. Ende Januar relativierte die Diözese diese Kritik: In einem offenen Brief an alle Eltern schrieb Bischof Roger Foys, man habe sich unter Druck gesetzt gefühlt, eine Stellungnahme abzugeben.

Vor gut einer Woche wandte sich die Diözese erneut an die Öffentlichkeit: Die Nachforschungen einer privaten Ermittlerfirma in ihrem Auftrag hätten die Jugendlichen vollständig entlastet, heißt es in einer Mitteilung Foys'. Die Schüler hätten den Vorfall nicht angezettelt, man könne ihr Verhalten sogar als lobenswert bezeichnen.

Im Untersuchungsbericht der Privatermittler, den das Bistum online veröffentlichte, geht es unter anderem um eine dritte beteiligte Gruppe - die "Schwarzen Hebräer". Mehrere Mitglieder dieser religiösen Splittergruppe hätten den Schülern eindeutig beleidigende Äußerungen zugerufen - diese Rufe sind auch auf dem umstrittenen Video zu hören.

"Wir finden keine Belege dafür", heißt es im Bericht der Privatermittler, "dass die Schüler mit eigenen beleidigenden oder rassistischen Äußerungen reagiert hätten". Unter Berufung auf diesen Bericht schrieb Bischof Foys: "Unsere Schüler wurden in eine Situation gebracht, die ebenso bizarr wie bedrohlich war."

Covington Catholic High School in Park Hills, Kentucky
REUTERS

Covington Catholic High School in Park Hills, Kentucky

Was ist über Nathan Philipps bekannt?

Der Ureinwohner, der in dem fraglichen Video zu sehen ist, heißt Nathan Philipps. Ursprünglich hatte es geheißen, der 64-Jährige aus dem Omaha-Stamm sei Vietnam-Veteran. Inzwischen hat er laut "Washington Post" klargestellt, dass er zwar beim Militär war, laut "New York Times" auch zur Zeit des Krieges, allerdings sei er nicht in Vietnam eingesetzt gewesen.

Philipps hatte unter anderem im Gespräch mit der "Washington Post" geschildert, die Jugendlichen hätten sich seiner Gruppe gegenüber unverschämt verhalten, aggressiv und rassistisch.

Unter anderem hätten sie in Anspielung auf die Regierungspläne zum Bau einer Mauer an der US-Südgrenze laut gerufen: "Baut die Mauer, baut die Mauer!" Ob diese Worte tatsächlich gefallen sind, und falls ja, wer sie gerufen hat, ist allerdings unklar. Die von der katholischen Kirche beauftragten Privatermittler haben eigenen Angaben zufolge keine Beweise dafür gefunden, dass die Schüler diesen Satz geäußert haben.

mxw

insgesamt 59 Beiträge
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Denker0815 20.02.2019
1. Pervertiertes Amerikanisches Rechtssystem
Der Fall zeigt einmal mehr, wie vollkommen aus den Fugen geraten das amerikanische Rechtssystem ist: Da verklagt ein 16 Jähriger bzw. gierige Anwaltskanzleien eine Zeitung wegen angeblicher Verleumdung auf eine Strafe von 220 Millionen Euro. Mit was um alles in der Welt will man eine solche Schadenssumme rechtfertigen, ausser mit nicht enden wollender Gier. Auch wenn die tatsächlich zu leistenden Schadenssummen dann in letzter Instanz oft viel niedriger (aber immer noch im Bereich mehrer Millionen) liegen, dass ist einfach nur noch krank!
meinerlei 20.02.2019
2. Unkritische Übernahme
Ich erinnere mich, die fragliche Videosequenz bei SPON angeschaut zu haben. Und habe mich sofort gefragt, was dieser junge Mann denn eigentlich falsch macht. Er steht etwas verlegen da und unternimmt den Versuch, eine irgendwie unangenehme Situation durch sein Dauerlächeln zu entspannen. Nicht gerade gewissenhaft, sich an diesen Murks der Washington Post einfach dranzuhängen.
xxgreenkeeperxx 20.02.2019
3. Den Versuch ist es auf alle Fälle Wert.
Auch die Presse sollte mal lernen, dass sie bei aller berechtigter Kritik an Mr. Trump nicht alles und jeden für ihren Medienfeldzug vereinnahmen kann nur weil es sich scheinbar anbietet. Da wird nicht mal vor Jugendlichen halt gemacht nur weil sie scheinbar ein Klischee erfüllen. Am besten lernt man immer noch mit dem eigenen Portemonnaie. Und mit Jeff Bezos trifft es ja nun weiß Gott keinen Bedürftigen. Der kann ruhig mal ein wenig Lehrgeld zahlen. Fliegt er eben ein Jahr später zum Mars.
muunoy 20.02.2019
4. Viel Erfolg
Dem Teenager wünsche ich viel Erfolg. Framing, selektive Berichterstattung und fake news müssen endlich für die verantwortlichen Medien Konsequenzen haben. Auch die Diffamierung sämtlicher Kritiker linker Dogmen oder gar der Regierung als Nazis, Rechtspopulisten und ähnlich unqualifiziert gehört endlich zivil- und strafrechtlich verfolgt. Für den Spruch "für die Strauchdiebe" auf dem Überweisungsträger für ein Ticket erhielt ich einen Strafbefehl von 1.000,- EUR. Da müsste für die Diffamierung als Nazi durch Journalisten deutlich mehr fällig sein. Aber in Deutschland dient das StGB ja seit geraumer Zeit nur noch als Werkzeug zur Disziplinierung der wertschöpfenden Mittelschicht.
auweia1 20.02.2019
5. so mußte es ja kommen
Die ersten Bilder passten ja so gut ins Weltbild. Und sofort wurde von der WP und anderen Medien auf den Schüler eingedroschen. Am Ende blieb von den Vorwürfen nichts. Die Schüler blieben erstaunlich ruhig, gelassen und höchstens belustigt angesichts der ganzen Beleidigungen plus anschließendem Getrommel direkt vor dem Gesicht von Sandmann. All das hätte man bei journalistisch sorgfältiger Arbeit schnell herausbekommen. Jetzt folgt der Rachefeldzug gegen die Mainstreammedien und Bezos. Eine Geldforderung in Höhe des Kaufpreises der Wp sagt ja viel aus.
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