Wehrsportgruppe Hoffmann NPD lädt rechtsextremen Redner aus

Karl-Heinz Hoffmann, einst gefährlicher Rechtsextremist im Lande, sollte bei der NPD in Leipzig auftreten. Sein Vortrag wurde kurzfristig abgesagt. Trotzdem zeigt die Einladung einmal mehr, wie die Nationaldemokraten schon länger die Nähe zu militanten Bombenlegern suchen.

dapd

Von Christian Fuchs, Leipzig


Der Zeitpunkt für den Vortrag hätte nicht provokanter gewählt sein können. Wenige Tage nach Bekanntwerden der Morde und Überfälle der Zwickauer Terrorzelle kündigte Karl-Heinz Hoffmann auf seiner Web-Seite an, dass er in Leipzig auftreten werde. Themen seines Referats: "Rechtsbedenkliche Methoden der bundesdeutschen Justiz", "Das Problem der globalen Überbevölkerung und die Auswirkungen auf unseren Lebensraum" und die wahre Geschichte der Wehrsportgruppe Hoffmann. Veranstaltungsort: Das sogenannte Nationale Zentrum der NPD im Leipziger Alternativviertel Lindenau.

Mit mehr als hundert Teilnehmern rechnete der verurteilte Rechtsextremist, die wissen wollten, wie das damals in den Siebzigern war, als Hoffmann Hunderte junge Männer in "Wehrsportübungen" ausbildete. Er sollte berichten, wie die Gruppe mit militärischem Kampf die Macht im Staat übernehmen wollte. Ein ehemaliges Mitglied seiner damals bereits verbotenen Gruppe hatte 1980 bei einem Selbstmord-Bombenanschlag auf dem Oktoberfest 13 Menschen getötet, ein anderes Ex-Mitglied im selben Jahr in Erlangen einen jüdischen Verleger und dessen Partnerin erschossen.

Doch am Abend vor dem Vortrag informierte Hoffmann SPIEGEL ONLINE darüber, dass die Veranstaltung in Leipzig "geplatzt" sei. Anscheinend hatte die NPD den Veranstaltern von der NPD-Nachwuchsorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) kurzfristig die Zusage für den Raum wieder entzogen. "Die NPD meint, sie könne sich in Anbetracht des durch die Berichterstattung zur 'Zwickauer Zelle' ausgelösten antifaschistischen Tsunamis keine Veranstaltung erlauben", mutmaßt Hoffmann auf seiner Internetseite.

Es würde zur Taktik der NPD passen, die sich gern als wählbare, gemäßigte rechtsextreme Partei gibt, während ihre Jugendorganisation JN die Aufgabe übernimmt, Kontakte zu den radikalen und gewaltbereiten Kameradschaften und den "Freien Netzen" zu halten. In diesen Internet-Netzwerken organisieren sich die wichtigsten gewaltbereiten rechten Gruppen Deutschlands. Maik E., Zwillingsbruder des am Donnerstag inhaftierten dritten Verdächtigen im Fall der Zwickauer Zelle, gilt als Führungsfigur der JN in Brandenburg.

Verbot von NPD - und dem Verfassungsschutz

Trotz Hoffmanns Absage versammelten sich am Samstagabend laut den Veranstaltern von zwei unabhängigen Demonstrationen fast tausend Menschen vor dem Gebäude der NPD. Unter den protestierenden Studenten, Rentnern, Müttern und Professoren befanden sich auch mehrere Bundes- und Landtagsabgeordnete sowie der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung. In nicht alltäglicher Eintracht skandierten sowohl der Schwarze Block der Antifa als auch der Pfarrer der Thomaskirche, Christian Wolff, die Parole, nicht nur die NPD zu verbieten, sondern gleich auch den Verfassungsschutz abzuschaffen.

Bei eisigem Wind forderten die Demonstranten eine Schließung des Neonazi-Zentrums in Lindenau. Denn für Szene-Beobachter ist der jetzt geplatzte Auftritt von Hoffmann nur ein weiteres Indiz für eine Militarisierung der braunen Aktivisten in Sachsen.

So durfte Hoffmann bereits im September 2010 auf Einladung des "Freien Netzes" einen Vortrag im Neonazi-Treff Gasthof Zollwitz im Landkreis Leipzig halten. Damals lauschten auch Neonazis aus Jena, wie Hoffmann die "disziplinierte militärische Organisationsform" für den "nationalen Widerstand" pries. Erst im August dieses Jahres hielt der Bombenbauer Josef Kneifel im Leipziger NPD-Büro einen Vortrag über seinen Anschlag auf ein sowjetisches Denkmal in der DDR. Ein weiterer Bombenleger und ehemaliger Rechtsterrorist, der NPD-Aktivist Peter Naumann, schulte Kader der NPD-Jugend zu "Aktions-Strategien".

Zudem veröffentlichte der Blog Gamma vor einigen Tagen interne E-Mails, die beweisen sollen, dass sich führende NPD-Mitglieder aus Leipzig und Umgebung anscheinend illegal über den Reservistenverband der Bundeswehr mit Waffenbesitzkarten, Pistolen und Gewehren ausgerüstet haben. Unter ihnen auch Winfried Petzold. Das NPD-Landtagsmitglied hat sein Büro im sogenannten Nationalen Zentrum in Leipzig - dem Ort, an dem auch Hoffmann auftreten sollte.

"Erste Hilfe im politischen Kampf"

Vieles deutet daraufhin, dass auch die Terroristen der Zwickauer Zelle Training im militanten Kampf erhalten haben. Die Ermittler können sich bisher nicht vorstellen, dass sich Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe die Fertigkeit an den teilweise sehr anspruchsvollen Waffen und die Skrupellosigkeit, ihre Opfer durch Schüsse ins Gesicht zu töten, selbst in ihrer Zwickauer Wohnung antrainiert haben. Vielleicht führten sie immer mal wieder Wege aus dem Untergrund in paramilitärische Ausbildungslager?

Auch sächsische Neonazis üben gern streng: Ungefähr 30 von ihnen vergnügten sich erst Ende April 2011 während eines "Kameradschaftslaufs" beim Bogenschießen, Klettern und Seilziehen. Im September konnten Nachwuchs-Neonazis im Seminar "Erste Hilfe im politischen Kampf" von einem Sanitäter lernen, wie man verletzten Kameraden bei Notfällen hilft.

Seit 2009 soll sich zudem innerhalb der JN die "Interessengemeinschaft Fahrt und Lager" gebildet haben, die "Freizeitcamps" für Jugendliche und Kinder anbietet und nach eigenem Bekunden auch "Wehrsportübungen" durchführt.

Wie so ein Lager abläuft, zeigt ein aktueller Bericht der Jungen Nationaldemokraten Elbtal über einen "Ausbildungsnachmittag" vor wenigen Tagen. Hier lernten die Teilnehmer "in einem kleinen Wettstreit den Zeltaufbau" mit "NVA-Zeltbahnen" an einem "abgelegenen Plätzchen unserer Heimat". Am Ende des Berichts heißt es: "Auf unser nächstes Lager bzw. die nächste Wanderung muss bestimmt nicht lange gewartet werden."

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