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Repressalien gegen Gläubige: Chinas Führung will Weihnachten abschaffen

Weihnachtsfeiern in Kindergärten werden verboten, Kreuze beschlagnahmt, und Studenten müssen Propagandafilme ansehen: China geht gegen christliche Bräuche vor - Regimekritiker reagieren mit subversiven Protestformen.

Weihnachten in China: Furcht vor der christlichen Übermacht Fotos
REUTERS

Peking - Mit Güte und mit Milde solle dem Leben begegnet werden, predigte Papst Franziskus an Heiligabend. Für die Führung in China dürften solche Werte eher wie Provokation wirken. Denn die kommunistischen Machthaber gehen derzeit konsequent gegen christliche Symbolik und Bräuche rund um Weihnachten vor.

Besonders eifrig sind die Zensoren laut einem Bericht der Nachrichtenagentur AP in der Stadt Wenzhou in der östlichen Provinz Zhejiang. Im vergangenen Jahr wurden Christen dort angewiesen, alle Lichter auszuschalten, die in der Dunkelheit Kreuze an und auf den Kirchen erstrahlen lassen. Einige Monate später kam dann die Anordnung, die Kreuze zu entfernen.

Eine ländliche Gemeinde hievte nun kurz vor Weihnachten ein provisorisches Kreuz auf das Dach ihres Gottesdienstgebäudes. Laut AP eilten binnen einer Stunde Funktionäre und Sicherheitskräfte herbei und entfernten das Kreuz wieder. "Sie beobachten uns genau, und wir können uns nicht wehren", zitierte die Agentur ein Kirchenmitglied, das aus Furcht vor Repressalien anonym bleiben wollte.

Gläubige leisteten Widerstand gegen die Unterdrückung. Das habe bereits zu gewaltsamen Auseinandersetzungen geführt, berichtete der Anwalt Zhang Kai, der sich für die Rechte von Christen einsetzt. Geistliche und Kirchgänger seien festgenommen worden. Mindestens zwei Menschen seien aktuell noch in Haft, weil sie sich gegen das Entfernen der Kreuze zur Wehr setzten. Eine ländliche Gemeinde soll seit fünf Monaten dauerüberwacht werden, da sie ein Kreuz aufstellen wollte.

Die Stadt Wenzhou wird auch das chinesische Jerusalem genannt, da dort die Hälfte aller 4000 Kirchen in der Provinz Zhejiang stehen. Doch Behörden ließen sogar Gottesdiensträume in der Provinz abreißen. Von über 400 Kirchen wurden Kreuze entfernt.

Übertreffen die Christen die Kommunisten?

Schätzungen zufolge ist die Zahl der Christen in China stark gestiegen. Offizielle Statistiken gibt es nicht. Von 23 Millionen bis zu 100 Millionen Gläubigen ist die Rede. Solche Zahlen dürften der Führung in Peking Angst machen, denn damit könnte sogar die Mitgliederzahl von 85 Millionen in der kommunistischen Partei schon übertroffen worden sein.

Die Kommunisten setzen offenbar darauf, dass Kinder möglichst wenig mit christlichen Bräuchen in Berührung kommen. In Wenzhou wurden laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua in Kindergärten und Grundschulen alle weihnachtlichen Aktivitäten verboten. Inspektoren sollen garantieren, dass das Verbot auch eingehalten wird. Es gehe darum, ein Zeichen gegen die Fixierung auf westliche Feiertage zu setzen. Denn diese gingen auf Kosten chinesischer Feste, zitierte Xinhua einen Mitarbeiter der örtlichen Bildungsbehörde.

Auch an Universitäten wollen Zensoren die Studenten von Weihnachten fernhalten. An einer Hochschule in Xian sei ein Weihnachts-Bann verhängt worden, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf staatliche Medien. Begründung: Es handle sich um ein ausländisches "Kitsch"-Fest, das die heimischen Traditionen unterlaufe. Statt Weihnachtsfeiern gab es für die Studenten dreistündige Vorführungen von Propagandafilmen, etwa über Konfuzius.

"Wir können nichts dagegen tun und dem ganzen nicht entkommen", zitierte die staatliche Zeitung "Beijing News" einen Studenten. Ein anderer berichtete, wer die Filme nicht anschaue, werde bestraft. Lehrer wachten darüber, dass niemand vor Ende der Vorführung den Saal verlasse.

Demnach hängen am Campus der Universität Banner mit Aufschriften wie "Bemüht euch, herausragende Söhne und Töchter Chinas zu sein. Widersetzt euch westlichen Kitsch-Festen" oder "Leistet Widerstand gegen die Ausbreitung der westlichen Kultur".

"Nun freut euch, ihr Christen" als Protest-Song

In einem Mikroblog, der von kommunistischen Aktivisten der Universität gesteuert wird, wurden Studenten aufgefordert, keinen Kotau vor Fremdländischem zu machen und chinesische Feiertage wie etwa das Neujahrsfest zu begehen. "In den vergangenen Jahren haben immer mehr Chinesen damit begonnen, westlichen Festen mehr Bedeutung beizumessen", hieß es laut Reuters in dem Blog. "Diese Leuten denken, der Westen sei weiter als China, und die Feste im Westen seien stilvoller als unsere."

Damit dürfte das Blog auf eine Entwicklung anspielen, die vor allem in größeren chinesischen Städten zu beobachten ist. Junge Leute gehen auf Weihnachtsfeiern, beschenken sich und schmücken ihre Wohnungen. Vor allem gebildete junge Chinesen haben Interesse an westlicher Kultur.

Die Furcht der Kommunisten vor Weihnachten nutzen Regimekritiker in Hongkong für eine subversive Form des Protestes: Bei ihren Kundgebungen für mehr Demokratie sangen Hunderte Menschen am 24. Dezember Weihnachtslieder. "Nun freut euch, ihr Christen" und "Hark! The Herald Angels Sing" schallten unter anderem durch die Straßen.

Doch für mindestens zwölf Demokratieaktivisten endete der Protest unfriedlich. Zehn Männer und zwei Frauen wurden festgenommen, teilte die Polizei mit. Unter den Festgenommenden soll auch ein 13-jähriges Kind sein. "Sie haben für Chaos gesorgt und Straßen blockiert", erklärte die Polizei. Sie löste den Protestmarsch unter Einsatz von Pfefferspray und Schlagstöcken auf.

In Hongkong gibt es seit Monaten Proteste von Demokratieaktivisten, die Änderungen an einer von der chinesischen Staatsführung verfügten Wahlrechtsreform fordern. Ein letztes großes Protestlager der Aktivisten wurde in der vergangenen Woche aufgelöst.

mmq/AP/Reuters

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insgesamt 190 Beiträge
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1. Mein nächstes Weihnachtsurlaubsziel:
tokchi'i 25.12.2014
China.
2. Die brauchen dann aber gute Ausreden
Tafelkreide 25.12.2014
Man könnte denjenigen chinesischen Arbeiterinnen, die Kristbaumschmuck herstellen ja erzählen, dass dieser Schmuck in Deutschland bloß zur Dekoration in (dort recht verbreiteten) Wildgehegen verwendet wird.
3. ...das haben schon ganz andere versucht...
sunrise560 25.12.2014
... und sind daran gescheitert. Das Christentum hat es in 2.000 Jahren immer wieder geschafft, gestärkt aus solchen und schlimmeren Repressalien hervorzugehen. Das wird Chinas Führung auch noch einsehen.
4. Aber den Weihnachtsschmuck
hapevau 25.12.2014
will China schon noch produzieren? Ganze Ortschaften leben von Christbaumschmuck-Fertigung.
5. Joint Venture mit den Kommunisten
SchnurzelPuPu 25.12.2014
Die Chinesen wären gut beraten sich nicht mit den Christen anzulegen. Die haben schon andere Reiche vernichtet. Mao zum Propheten erklären und eine neue Kirche gründen. Funktioniert immer. Oder wie die Mongolenherrscher - religiöse Toleranz ausrufen - das ist Gift für die Missionare.
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