Berlin/Hannover - Die großen christlichen Kirchen in Deutschland haben zum Weihnachtsfest vor einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft gewarnt und Solidarität mit Schwächeren angemahnt. "Die Armen bleiben zurück und der Reichtum in der Hand einiger weniger nimmt weiter zu. Das ist eine gefährliche Entwicklung", sagte der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, den Dortmunder "Ruhr Nachrichten".
Wenn die soziale Schere so auseinandergehe, führe das zu Unruhe: "Wir sind der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet. Jeder Mensch braucht die Chance zu einem menschenwürdigen Einkommen", mahnte Zollitsch. Die Menschen mit einem hohen Einkommen sollten stärker in die Pflicht genommen werden: "Steuererhöhungen und Abgaben für Vermögende dürfen kein Tabu sein, wenn es gilt, gesellschaftlich wichtige Aufgaben zu finanzieren", sagte der Freiburger Kirchenmann.
Auch die evangelische Kirche konzentrierte sich in ihren Weihnachtsansprachen auf die soziale Ungerechtigkeit: Menschen gerieten hierzulande zunehmend ins Abseits und drohten dauerhaft abgehängt zu werden, betonte der oberste Repräsentant der protestantischen Christen, der Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Nikolaus Schneider. "Die Weihnachtsbotschaft fordert uns heraus, für diese Menschen die Stimme zu erheben und nach sozialer Gerechtigkeit zu suchen. Weihnachten ist das Fest der Hoffnung. Der Hoffnung wider alle Aussichtslosigkeit", sagte der EKD-Vorsitzende in Hannover.
"Europa ist mehr als ein Wirtschaftsraum"
Der Blick sollte allerdings nicht nur ins eigene Land gerichtet werden. Schneider rief in seiner Botschaft auch zur Solidarität mit dem von der Euro-Schuldenkrise geschüttelten Griechenland und anderen europäischen Ländern auf. Er betonte: "Europa ist mehr als ein Wirtschaftsraum. Europa ist ein Friedensprojekt." Auch Nationen dürften nicht allein auf ihren materiellen Vorteil bedacht sein.
Zuvor hatte Bundespräsident Joachim Gauck bereits in seiner Weihnachtsansprache die Deutschen dazu aufgerufen, näher zusammenzurücken. Jugendgewalt, die Schere zwischen Arm und Reich sowie die alternde Gesellschaft bereiteten ihm Sorgen. Angesichts dessen brauche Deutschland "nicht nur tatkräftige Politiker, sondern auch engagierte Bürger", forderte der frühere Pfarrer.
Forscher hatten zum Ende des Jahres vor einer sozialen Spaltung des Landes gewarnt. Die Mittelschicht ist in den vergangenen Jahren um mehr als fünf Millionen Menschen geschrumpft. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und der Universität Bremen nimmt die Ungleichheit sowohl beim Einkommen als auch bei den Vermögen der Deutschen zu. Nur eine "Elite der Gesellschaft" habe in den vergangenen Jahren ihren Wohlstand steigern können, berichteten die Forscher.
irb/dpa
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