Rom - Papst Benedikt XVI. hat die Gläubigen in aller Welt aufgefordert, auch in einer schnelllebigen Welt Platz für Gott zu schaffen. "Je schneller wir uns bewegen können, je zeitsparender unsere Geräte werden, desto weniger Zeit haben wir", kritisierte er in seiner Weihnachtsmette im Petersdom.
Die Frage nach Gott erscheine nie dringend, weil die Zeit schon ausgefüllt sei. "Es gibt keinen Platz für ihn. Auch in unserem Fühlen und Wollen ist kein Raum für ihn da. Wir wollen uns selbst", sagte Benedikt. "Wir wollen das Handgreifliche, das fassbare Glück, den Erfolg unserer eigenen Pläne und Absichten. Wir sind mit uns selbst vollgestellt, so dass kein Raum für Gott bleibt", sagte der Papst. Deshalb gebe es auch keinen Raum für andere, die Kinder, Armen und Fremden, sagte er weiter. Wo aber Gott "vergessen oder gar geleugnet" werde, gebe es keinen Frieden.
Gleichzeitig rief das Oberhaupt der katholischen Kirche zur Wachsamkeit gegenüber dem Missbrauch von Religion auf. Es sei "wahr, dass in der Geschichte der Monotheismus als Vorwand für Intoleranz und Gewalt gedient" habe. Auch sei wahr, "dass Religion erkranken" könne, wenn der Mensch meine, selbst die Sache Gottes in die Hand nehmen zu müssen und "so Gott zu seinem Privateigentum" mache. Aber auch "wenn Missbrauch der Religion" in der Geschichte unbestreitbar sei, so "ist es doch nicht wahr, dass das Nein zu Gott den Frieden herstellen würde".
Wie in den vergangenen Jahren begann die eigentliche Mitternachtsmesse bereits um 22 Uhr. So hat der 85 Jahre alte Papst vor der Erteilung des Segens "Urbi et Orbi" am ersten Weihnachtsfeiertag mehr Zeit zur Erholung.
Einige Stunden zuvor hatte Benedikt eine Kerze als Symbol des Friedens auf einem Fenstersims seiner Privatgemächer angezündet. Der große Platz vor dem Petersdom erstrahlt in weihnachtlichem Glanz: Nur wenige Schritte neben einem 24 Meter hohen Weihnachtsbaum wurde am Abend die Weihnachtskrippe enthüllt - beide stammen aus Süditalien.
In Deutschland riefen die großen christlichen Kirchen zu mehr Solidarität mit Schwächeren auf und warnten vor einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft. "Die Armen bleiben zurück und der Reichtum in der Hand einiger weniger nimmt weiter zu. Das ist eine gefährliche Entwicklung", sagte der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, den Dortmunder "Ruhr Nachrichten".
Ähnlich äußerte sich auch die evangelische Kirche. Menschen gerieten hierzulande zunehmend ins Abseits und drohten dauerhaft abgehängt zu werden, betonte der oberste Repräsentant der protestantischen Christen, der Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Nikolaus Schneider. Zudem appellierte er zu Solidarität mit Griechenland und anderen von der Euro-Schuldenkrise hart getroffenen Ländern. "Europa ist mehr als ein Wirtschaftsraum. Europa ist ein Friedensprojekt", so Schneider.
Zuvor schon hatte Bundespräsident Joachim Gauck die Deutschen dazu aufgerufen, näher zusammenzurücken. Jugendgewalt, die Schere zwischen Arm und Reich sowie die alternde Gesellschaft bereiteten ihm Sorgen, sagte er in seiner Weihnachtsansprache.
max/dpa/dapd/Reuters
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