Unterernährte Waisenkinder in Minsk Julia, 20 Jahre, Gewicht: 11,5 Kilo

In weißrussischen Waisenhäusern wurden Menschen mit Behinderungen dramatisch unterversorgt. Nach öffentlichem Druck hat die Regierung reagiert - wenn auch zögerlich.

Alexander Vasukovich

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Am Anfang ging es nur um Sport. Aleksej Momotow, Arzt in einem Waisenhaus in Minsk, organisierte im Sommer 2016 ein Fußballturnier, um Spenden für sein Heim aufzutreiben. Er bat die Journalistin Katerina Sinjuk von der Zeitung "Imena", über die Wohltätigkeitsveranstaltung zu berichten.

Sinjuk fuhr nichtsahnend ins Kinderheim in der Vyhockaha-Straße 16. Was sie dort sah, versetzte sie in Schockstarre: In den Betten lagen bis auf die Knochen abgemagerte, offensichtlich mehrfachbehinderte junge Menschen, die bewegungslos vor sich hindämmerten.

"Das ist unsere Wika", stellte Momotow ihr eine junge bettlägerige Frau vor. "Sie ist 19 Jahre alt und wiegt 14,5 Kilogramm." Dann war da noch Julia, 20, 11,5 Kilo. Und Nikita, 13, 16 Kilo. Zusammengekrümmt, mit Kissen und Decken in eine möglichst schmerzfreie Position gebracht.

Sinjuk versuchte, das grausige Szenario einzuordnen, zu verstehen, wie es dazu kommen konnte. Momotow beteuerte, die Waisen würden vorschriftsmäßig ernährt. Ein Fotograf machte Aufnahmen der gräulich-breiigen Kantinenkost, die täglich in stattlichen Portionen serviert wurde. "Die Kranken vertragen dieses Essen aber gar nicht", erklärte der Arzt. Viele Heiminsassen würden sich erbrechen und dadurch kontinuierlich an Gewicht verlieren.

Die Mehrzahl leidet demnach an infantiler Zerebralparese, einer frühkindlichen Hirnschädigung, die zahlreiche Komplikationen mit sich bringt - spastische Lähmungen, Epilepsie, aber auch schwere Schluckstörungen und Verdauungsprobleme.

"Im Prinzip müssten mindestens 50 der hier lebenden 127 Kinder kalorienreiche Spezialnahrung bekommen. Die ist aber im Budget der staatlichen Einrichtung nicht vorgesehen", so Momotow. Aber wie konnte das Personal dabei zusehen, wie Kinder und Erwachsene abmagerten? Warum hat niemand früher Alarm geschlagen?

Er habe zunächst auf Anraten eines österreichischen Kollegen die Wirkung von flüssiger Zusatznahrung bei zwei Kindern getestet, sagte Momotow dem Nachrichtenportal tut.by. Deren Zustand habe sich innerhalb kurzer Zeit spürbar verbessert. Ein autoaggressives Mädchen habe aufgehört, sich selbst zu verletzen. "Daraus haben wir geschlossen, dass das Kind einfach hungrig war - obwohl es täglich die von offiziellen Stellen berechnete Kalorienmenge bekommen hatte." Die Kalkulation galt aber offenbar nur für gesunde Heimkinder.

Zwei der Kinder starben laut Momotow, obwohl sie die Sondennahrung bekommen hatten. Dennoch glaubte er weiter an deren Effizienz. Um eine Versorgung mit der teuren Import-Flüssignahrung sicherzustellen, wandte er sich an eine Palliativmedizinerin im Gesundheitsamt. Die erklärte, alle Kinder müssten genau untersucht werden, bevor man über eine Verordnung entscheide.

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Unterernährte Waisenkinder in Minsk: "Wika, 19 Jahre alt, 14,5 Kilo"

Im Krankenhaus jedoch soll man die Kinder abgewiesen haben, weil ihr "Rehabilitationspotenzial" zu niedrig sei. "Die Leute gehen davon aus, dass die Kinder ohnehin bald sterben, sie werden behandelt wie Gemüse", empört sich die Journalistin Sinjuk.

Momotow hätte den Weg durch die Instanzen gehen, sich bei den Vorgesetzten beschweren können. Doch viel zu oft sei er in der Vergangenheit an Bürokratie und Desinteresse gescheitert. "Ich liebe Kinder sehr, aber auch mein Enthusiasmus hält nicht ewig."

Das Fußballturnier brachte kaum Geld ein, also schaltete der Mediziner auf der Crowdfunding-Plattform Talaka.by eine Seite und bat unter dem Stichwort "Ernährung ist Leben" um Spenden. 67.997 Rubel kamen innerhalb kürzester Zeit zusammen, umgerechnet 33.182 Euro.

Sondenkost ist sinnvoll

Die Behandlung von Heranwachsenden mit Zerebralparese ist komplex und erfordert eine enge Zusammenarbeit von Kinderärzten, Therapeuten und Erziehern. In Deutschland legt man großen Wert auf Physiotherapie - und die fand in Minsk offenbar gar nicht statt.

"Es ist wichtig, dass der Patient durchbewegt wird und mindestens zwei- bis dreimal die Woche Physiotherapie erhält", sagt der Neuropädiater Steffen Berweck von der Schön-Klinik in Vogtareuth. "Je früher man damit beginnt, umso besser." In der Regel würden die Eltern zusätzliche Übungen mit ihren Kindern durchführen - etwas, das Betreuer im Heim nur bei entsprechender Personalstärke leisten können.

Die Gabe von Sondenkost oder die kalorische Anreicherung normaler Nahrung mit Kohlenhydraten oder Fett hält Berweck für sinnvoll. Weil Schluckstörungen bei Zerebralparese häufig vorkämen, könne es sein, dass einige Kinder sich beim Essen verschluckten oder Nahrung in die Luftröhre gerate. "Das Risiko ist es aber wert, wenn die Alternative hungern ist."

Bei Kindern mit schweren Schluckstörungen müsse in frühem Lebensalter über die Anlage einer perkutanen Gastrostomie (PEG) nachgedacht werden. Dabei gelangt die Nahrung über eine Sonde von außen direkt in den Magen.

Sinjuk schrieb Ende 2016 einen Artikel über das Heim - ein Aufschrei ging durchs Land. Der Direktor des Kinderheims, Waleri Siwzow, sprach von Lügen - dabei wussten die Behörden der Journalistin zufolge seit 20 Jahren um die desolaten Zustände in den Heimen. Siwzow rühmte sich, umgerechnet rund 96.000 Euro im Jahr für die Versorgung der Kinder mit Lebensmitteln zur Verfügung gehabt zu haben - rund zwei Euro pro Kind am Tag. Der Heimleiter wurde inzwischen entlassen - dies als Einlenken der Regierung zu interpretieren, wäre aber wohl naiv.

Kritik an einer staatlichen Institution ist in Weißrussland immer gefährlich. Dabei scheut die Regierung um Alexander Lukaschenko offenbar nicht davor zurück, Kinder zum Spielball der Politik zu machen. Wie die "Deutsche Welle" berichtet, wurde Oppositionellen und missliebigen Journalisten wiederholt mit staatlichem Kindesentzug gedroht.

Mehrere Heimleiter wurden entlassen

Im Fall der "verhungerten Kinder" wurden Ermittlungen in insgesamt zehn Einrichtungen landesweit eingeleitet, mehrere Heimleiter wurden entlassen. Momotow traf sich mit Vertretern des Gesundheitsministeriums, er und die Journalistin Sinjuk mussten einem Staatsanwalt Rede und Antwort stehen. Was sie denn vorhätten, wollte der wissen, warum sie ihr schönes Land in so schlechtem Licht darstellten?

"Die Reaktionen war sehr emotional", sagt Sinjuk. Zunächst hätten die Verantwortlichen das Problem negiert, dann aber erkannt, dass etwas getan werden müsse. Ein Einjahresplan für die Verbesserung der Lebensbedingungen im Waisenhaus wurde erstellt. In Zukunft soll die benötigte Flüssignahrung aus dem Minsker Stadtbudget bezahlt, die Effizienz der Maßnahmen regelmäßig überprüft werden. Am 20. April beschloss die Regierung, die Ausgaben für alle staatlichen Kinderheime zu erhöhen - um fünf Prozent bei Lebensmitteln und 20 Prozent bei Hygieneartikeln.

"Für mich zählt das Ergebnis", sagt Sinjuk. "Die Waisenkinder haben im Durchschnitt zwei Kilo zugenommen und es gibt ausreichend Zusatznahrung. Ich schaue in ihre Augen und sehe, dass es ihnen besser geht. Wir haben das Richtige getan."

Lange Zeit sei die Existenz behinderter Menschen in Weißrussland verdrängt worden - auch in den Medien. Erst seit Kurzem spüre man eine Veränderung, private Hilfsorganisation würden gegründet, Awareness-Kampagnen gestartet. "Von Inklusion kann aber noch keine Rede sein - wir müssen erstmal lernen, wie wir Heimkinder vernünftig ernähren."



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