Weltmeister-Feier am Brandenburger Tor Brot und Spieler

Endlich Weltmeister. Götze, Neuer, Lahm, sie haben den Titel. Ach was: Ganz Deutschland ist Weltmeister. Vor dem Brandenburger Tor feierten Hunderttausende die Mannschaft von Joachim Löw. Und sich selbst.

Von und

Getty Images

Der Bundestrainer nimmt nicht mal die Sonnenbrille ab, als er endlich die Worte sagt, die sie hier am Brandenburger Tor so dringend hören wollen. "Wir sind alle Weltmeister." Ein Satz, der ungefähr so große Erlösung bringt wie Götzes Siegtor im Finale von Rio. Die Massen auf der Berliner Fanmeile toben und sind gleichzeitig besänftigt. Darauf haben sie gewartet, die Fans aus Salzgitter, Greifswald und vom Bodensee. Einmal dabei sein, einmal Weltmeister sein.

Lange mussten sie auf ihre Helden warten, die Frauen in kurzen Hosen und mit Deutschlandfahnen auf den Fingernägeln, Familienväter mit fiesem Sonnenbrand im Gesicht und kleinen Kindern auf den Schultern. Auf dem Boden liegen nach sechs Stunden Wartezeit Plastikbecher, oben auf der Bühne performen Helene Fischer ("Atemlos durch die Nacht"), DJ Ötzi und Andreas Bourani in Dauerschleife. Es ist das Portfolio des Ballermann-Musikprogramms. Eine nur begrenzt weltmeisterliche Auswahl. Dazwischen ein Moderator, der die Massen mit dem Elan eines Animateurs in einem Drei-Sterne-Resort auf den Balearen zur Party antreibt. Da hat Mertesacker seine Karnevalstruppe. Fußballgott, Fahnen hoch - Alaaf.

Es gibt viel Haut und viele Tattoos zu sehen, es riecht nach Schweiß, Zigaretten und Sonnencreme - die historische WM-Party vor dem Brandenburger Tor hat die Konsistenz eines Samstagnachmittags im Freibad. Unermüdlich tragen Werbeleute Rasseln und Fahnen in die Menge, malen schwarz-rot-goldene Streifen auf die erhitzten Gesichter.

Fotostrecke

32  Bilder
Rückkehr der DFB-Elf: Party mit den Weltmeistern
Schon am Morgen am Flughafen Tegel war es so gewesen: Die Fans konnten so gut wie nichts sehen - und waren dennoch völlig verzückt. Als Löw und seine Spieler um kurz nach zehn aus ihrem gigantischen Siegerflieger stiegen, waren die Fußball-Helden für die vielen Fans von der Besuchertribüne aus eher zu erahnen als zu erkennen, dann startete der schwarze Weltmeister-Bus auch schon Richtung Fanmeile.

"Das Scheißding"

Dort stehen eine halbe Million Menschen Arm an Arm, trotzdem bekommt kaum einer mit, was um ihn herum geschieht. Hinter den Massen tragen die Sanitäter im Minutentakt Kreislaufopfer aus der Gefahrenzone. Ein bisschen Wasser, durchatmen, dann wieder drauf auf Deutschlands größte Open-Air-Schlager-Party.

Video-Trailer zum großen SPIEGEL-ONLINE-Datenspezial
Endlich betreten die Spieler die Bühne. Bastian Schweinsteiger war 2006 schon mal da, als Deutschland WM-Dritter wurde. 2008 war er noch mal da, nach dem zweiten Platz bei der Europameisterschaft. Sechs Jahre und drei weitere Turniere musste er warten, bis er die Sammlung komplettieren konnte. Endlich Erster, endlich allen Grund, sich in Berlin bejubeln zu lassen. "Jetzt haben wir das Scheißding", ruft er und meint die wichtigste Trophäe des Fußballs.

Als Neuer endlich auf die Bühne kommt, sind die Massen wie im Wahn. Es knallt und klatscht, über die verschwitzten Gesichter regnet schwarz-rot-goldenes Konfetti. "Die Nummer eins", brüllt die Nummer eins ins Mikrofon. "Die Nummer eins der Welt sind wir."

Die Interviews mit Trainer Joachim Löw und den Spielern sind kaum zu verstehen. Ist aber auch egal, Hauptsache jubeln und johlen. Noch leicht angezählt von den Feierlichkeiten in Rio de Janeiro und dem elfstündigen Rückflug nach Deutschland toben die Sieger über die Bühne. Toni Kroos lässt Rekordtorjäger Miroslav Klose hochleben, Lukas Podolski schwärmt von der "geilsten Zeit seiner Karriere", und Linksverteidiger Benedikt Höwedes, lange ein Wackelkandidat im Team, dankt dem Bundestrainer für das geschenkte Vertrauen. Große Gefühle, große Worte. Umso ärgerlicher, dass sie in der Akustik fast untergehen.

Siegesfreude schlägt in Übermut um

Unmissverständlich sind die kleinen Choreographien, die sich die Spieler für ihren großen Auftritt vor den 400.000 Zuschauern ausgedacht haben. "So gehen die Gauchos", machen sich Mario Götze, André Schürrle und Co. in geduckter Position über den Finalgegner Argentinien lustig. Und auch die Einmarschformation der Brasilianer, die sich in ihrem Pathos Schulter an Schulter gefasst haben, wird parodiert. Das ist der Moment, in dem Siegesfreude in Übermut umschlägt. Diese Spottgeste hätten sich die Nationalspieler sparen können. Es sind Bilder, die um die Welt gehen und die in Südamerika genau registriert werden dürften.

Mit ein paar Tagen Abstand werden das die Spieler möglicherweise ähnlich sehen. Noch während sich die Spieler beim obligatorischen "An Tagen wie diesen" in den Armen liegen, brechen die ersten Fans auf. Hat es sich gelohnt?

Ja, die Stimmung war geil, sagt ein junger Mann aus Niedersachsen mit Götze-Trikot und pinker Sonnenbrille. Es ist sein Geburtstag. "Ich kann es kaum glauben, dass wir hier sind." Hat er Götze gesehen? Nein. Und Löw? Auch nicht. Aber er hat seine Freundin hochgehoben. Und die hat für alle ein Bild gemacht.

Mitarbeit: Florian Gathmann



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 245 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
UweKarl 15.07.2014
1. dazu ist mir nur einst eingefallen
das wäre unter einem Präsidenten Zwanziger nicht passiert
regensommer 15.07.2014
2.
Ich denke das war das richtige Niveau was die Masse braucht. Mehr Anspruch darf gar nicht sein. Es soll ja niemanden überfordern. Anspruchsvolleres kann der durchschnittliche 4 Sterne Bierbauch auch nicht verarbeiten.
dyonisius 15.07.2014
3.
"So gehen die Gauchos" machen sich Mario Götze, André Schürrle und Co. in geduckter Position über den Finalgegner Argentinien lustig. bei aller freude über den titel, wer sich über den Besiegten lustug macht, hat offensichtlich moralische Defizite. Nicht von der so im AuslanD geschätzten "Zurückhaltung" deutscher Repräsentanten.
warndtbewohner 15.07.2014
4. Gröhlende Massen.....
im Fußballwahn, hirnverbrannte ohne Ende die noch jubeln wie hier ein paar Balltreter mit Geld zugeschüttet werden und gleichzeit der dicke Reibach bei der Industrie neue Rekorde verzeichnet. Diese Dumpfbacken haben nichts außer Fußball im Kopf. Wer Hirn hat geht da nicht hin und feiert in gemäßigtem Rahmen..
fenixblack 15.07.2014
5.
Mein Gott, erst ist die Nationalelf tagelang gut genug die erste Seite mit trivialen Dingen zu füllen und jetzt ist plötzlich alles wieder proletenhaft und unnötig. Tut mir Leid liebe Redaktion, aber das ist ganz schwacher Journalismus.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.