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Willkommenskultur im Wendland: Früher Castorbekämpfer, heute Flüchtlingshelfer

Von Juri Auel, Lüchow-Dannenberg

Flüchtlinge im Wendland: Die Tücken des Helfens Fotos
SPIEGEL ONLINE

Der Kampf gegen die Atomtransporte hat die Menschen im Wendland zusammengeschweißt. Heute profitieren die Flüchtlinge von den gewachsenen Strukturen.

Klaus Zimmermann kommt gerade zur Essenszeit. Draußen ist es schon dunkel, in der Kantine der grauen Containerstadt riecht es nach Fertigreis und Currysoße. Ein Mann in Warnweste sitzt am Eingang und kontrolliert die Campausweise der Hungrigen. Klaus Zimmermann huscht an ihm vorbei, schüttelt Hände, klopft auf Schultern. Den offenherzigen älteren Herrn mit Hut und grauem Bart kennen viele hier.

Klaus Zimmermann ist tatsächlich Zimmermann, 75 Jahre alt und einer von vielen freiwilligen Helfern im niedersächsischen Wendland. Fünf Jahre ist es her, dass der vorerst letzte Castorbehälter ins Zwischenlager nach Gorleben rollte. Damit endete für die Bevölkerung eine lange Ära des Protests gegen den strahlenden Abfall vor ihrer Haustür.

Die Symbole des Widerstands sind geblieben. "Atomkraft? Nein danke"-Sticker kleben im Wendland auf Stoßfängern, Ampelmasten und Straßenlaternen. Und auch die Netzwerke, die Menschen dort über Jahrzehnte gesponnen haben, funktionieren noch. "Früher haben wir gegen die Castoren gekämpft, heute kümmern wir uns um die Flüchtlinge", sagt Klaus Zimmermann.

Er hält Ausschau. Der Kinderlärm macht es schwer, sich zu konzentrieren. "Ich suche jemanden aus Somalia", sagt er. Ein Bekannter hat ihn angerufen und gesagt, es sei ein 17-Jähriger ohne Begleitung nach Deutschland gekommen. Dann ein Tipp: Die Frauen mit den lila und rosa Kopftüchern an einem der vorderen Tische sollen auch aus Somalia sein.

Das Englisch reicht, um sich zu verständigen. Die Frauen sagen zu, wenn nötig für den Jungen zu übersetzen. Zimmermann nickt zufrieden.

Ein Knotenpunkt im dichten Helfernetz

In der Dannenberger Innenstadt hat er zusammen mit seiner Frau das Café Zuflucht gegründet - eine Begegnungsstätte für Einheimische und Flüchtlinge. Es ist nur eine von vielen Aktivitäten von Zimmermann. Die Verwaltung ruft ihn an, wenn wieder jemand Fahrräder gespendet hat. Zimmermann holt die Räder ab, lässt sie reparieren und verteilt sie unter den Geflüchteten. Er ist zu einem Knotenpunkt im dichten Hilfsnetzwerk seiner Region geworden.

In einer Lagerhalle auf dem Gelände des Camps entsteht gerade auf sein Bestreben hin ein kleiner Fitnessraum. "Die Jungs wollen was zu tun haben", sagt er. Zimmermann schraubt selbst die Stellwände für die Trainingsecke zusammen. "Ich muss nur rübergehen und fragen, mir hilft sofort jemand." Er arbeitet umsonst, das Material bezahlt das Rote Kreuz.

Wenn man sich nach dem Grund für sein Engagement fragt, fragt er zurück. "Hast du mal Bilder von dort gesehen, wo die herkommen?" Er lag selbst im Keller, als die Alliierten die letzten Bomben auf Leipzig warfen, erzählt er.

Auch Christa Lehrer und Angelika Blank helfen aus Überzeugung. Die beiden Frauen haben ihre alten Kontakte aus Castorzeiten aufgefrischt und kümmern sich gemeinsam mit 15 anderen um zehn Flüchtlinge. Pöbelnde Wutbürger, die Angst vor den Fremden haben? "Hat es auf keiner Bürgerversammlung hier gegeben", erzählt die Lokaljournalistin Angelika Blank.

Applaus für die ankommenden Flüchtlinge

Im Gegenteil.Als die Flüchtlinge in ihr Containerdorf auf dem Gelände einer Polizeikaserne eingezogen sind,, steigerte sich die Hilfsbereitschaft gar zur Begeisterung. Eine applaudierende Masse empfing die Geflüchteten. Nicht alle Helfer waren davon begeistert. "Das sind traumatisierte Menschen, die da ankommen", sagt jemand aus der Szene. "Was gibt es da zu jubeln?"

Die Freiwilligen stehen an vorderster Front, wenn sich zwei Kulturen im Alltag begegnen, wenn mitteleuropäische Hektik auf nahöstliche Gastfreundschaft trifft. "Mal eben vorbeikommen um nur schnell etwas abzuklären - das geht da nicht", erzählt Christa Lehrer. "Man wird eingeladen, Platz zu nehmen, dann gibt es Cappuccino oder Tee."

Und abzuklären gibt es viel. Besonders, wenn es um die Irrungen und Wirrungen der deutschen Bürokratie geht. Oft wissen nämlich selbst die Helfer nicht mehr weiter. "Das Kurioseste war das mit der Geburtsurkunde", sagt Christa Lehrer.

Die Kommunikationstrainerin wollte so ein Dokument für das Kind eines jungen kurdischen Ehepaars aus Syrien auf dem Standesamt abholen. Doch Refaat und seine Frau Avin konnten sich nicht richtig ausweisen. Die abgelaufenen syrischen Ausweise mussten sie abgeben, als sie ihren Antrag auf Asyl gestellt haben.

Kampf um die Geburtsurkunde

Die Aufenthaltsgestattung, die sie dafür bekommen haben, reicht fürs Ausweisen bei der Polizei. "Dem Standesamt genügt das aber nicht als Identitätsnachweis", sagt Christa Lehrer. Deswegen stellte das Amt lediglich eine Geburtsbescheinigung aus. Was das jetzt genau für die junge Familie bedeute, habe man ihr nicht erklären können. "Ich war frustriert, dass ich da nicht weiterkam."

Neulich sind zwei Briefe eingetroffen. Das Baby der Familie hat seine Steuer-ID erhalten, obwohl es ohne Geburtsurkunde gar keine geklärte Identität besitzt. Die Mutter, sagt Lehrer, habe dafür einen Rentenbescheid bekommen, auf dem explizit stehe, dass er für Asylbewerber nicht gelte. "Ich habe nur gelacht", sagt die Helferin.

Christa Lehrer hat etwas, das ihr in solchen Momenten Kraft gibt. Etwas, das sie antreibt, wenn sie mit einer Frau aus Syrien zum Zahnarzt geht und später mit Sozialamt und Gesundheitsamt darüber verhandelt, wer denn nun die Rechnung übernimmt. Oder wenn sie auf eigene Kosten eine Familie 30 Kilometer zum einzigen Laden der Region fährt, der Lebensmittel aus ihrer Heimat führt.

Die Wendländerin hat einige Zeit für die Katastrophenhilfe gearbeitet. Sie war unter anderem im Irak, der Türkei und Bosnien unterwegs. "Ich habe da so viel Gastfreundschaft erfahren", sagt sie, "wenn ich davon etwas zurückgeben kann, ist alles gut."

Auch Angelika Blank engagiert sich gern. Doch die Freiwilligen müssten aufpassen, die Geflüchteten nicht zu verwöhnen. "Das hat nichts mit dem Gejammer der AfD zu tun", stellt sie klar. Aber es gebe Familien, die nicht einfach seien.

"Die rufen an und sagen, sie müssen jetzt sofort einkaufen", erzählt sie. "Da muss man dann auch mal sagen 'nein, jetzt geht es nicht.'"

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