Plötzlicher Kontaktabbruch: Eisernes Schweigen

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Doris hat eine Busenfreundin, 34 Jahre lang. Monika ist immer da, bei der Hochzeit, bei der Taufe der Tochter, bei der Beerdigung des Bruders. Dann bricht sie den Kontakt von einem Tag auf den anderen ab. Ein Fallbeispiel für die dramatischen Folgen einer plötzlichen Funkstille.

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Doris mit ihrer Tochter Laura: "Das Schlimmste, was ich je erlebt habe"

22.11.2010, 11.17 Uhr: "Liebe Moni*. Bitte ruf mich an. Ich kann doch nur was ändern, was Dich ärgert, wenn Du mir sagst, was es ist. Ich muss heute Abend nach München fahren, und vielleicht rufst Du ja an. Ich warte sehnsüchtig darauf. Hab Dich lieb. Deine Dodo."

27.11.2010, 0.45 Uhr: "Liebe Moni. Ich denke jeden Tag an Dich und grüble darüber nach, warum Du nicht mit mir sprichst. Es belastet mich sehr. Bitte ruf mich bald an. Deine Dodo."

04.01.2011, 8.53 Uhr: "Liebe Moni. Ich wünsche Dir für das neue Jahr Glück, Gesundheit, Erfolg und Zufriedenheit. Deine Wünsche sollen in Erfüllung gehen. Ich habe nur einen Wunsch für 2011: Ich wünsche mir, dass wir zwei ein Gespräch führen und ich den Grund Deiner Verärgerung beseitigen kann. Alles Liebe. Deine Dodo."

05.01.2011, 21.31: "Liebe Monika. Dein Schweigen tut sehr weh. Ich denke an Dich. Deine Dodo."

Als das Schweigen nicht mehr zu überhören war, fürchtete Doris, verrückt zu werden. Sie war zu Monis Haus gefahren, hatte geklingelt, war vor der Einfahrt auf- und abgetigert, hatte SMS geschrieben, auf dem Handy angerufen und auf dem Festnetz, hatte ihr einen Zettel in den Briefkasten geworfen und eine gefühlte Ewigkeit im Auto in der Kälte ausgeharrt. Drinnen brannte Licht. Draußen hoffte Doris auf eine Erklärung.

Moni war immer speziell gewesen, die Frechste in der Berufsschule, die Lustigste sowieso. Eine Seelenverwandte, lebhaft, klug, freigiebig, zuverlässig, ein Organisationstalent, ein Alphatier. Jetzt schwieg sie.

Monika war immer da gewesen, wenn Doris sie brauchte, Doris war da, wenn Monika sie brauchte, und sie brauchten sich oft. Monika war Doris' Trauzeugin und Doris war Monikas. Doris ist die Patentante von Monikas Tochter und Monika die von Doris' Tochter. Mit zweitem Namen hat Doris ihre Tochter Monika genannt.

Sie haben gemeinsam Feste gefeiert, vor Lachen geweint und vor Glück und aus Verzweiflung auch. Als Doris' Bruder bei einem Autounfall ums Leben kam, war es Monika, die sie tröstete. Als es gut lief mit ihren Geschäften, haben sie angestoßen, als es schlecht lief auch.

"Es ist nichts Aktuelles"

Sie waren gemeinsam jung in den Achtzigern, freuten sich gemeinsam über die Wende, bekamen beide Töchter. Mehr als drei Jahrzehnte lang verliefen ihre Leben in parallelen Bahnen, kreisten um dieselben Themen. Die eine war ohne die andere nicht denkbar. Und nicht ohne deren Mann, deren Kinder, deren Eltern, deren Freunde. Doris glaubte, ihre Freundin zu kennen. Am 11. Oktober 2010 aber wurde Monika zu einer Fremden. Inzwischen ist sie eine Unbekannte.

Doris war an jenem Montag auf dem Weg ins Büro, als ihr klar wurde, dass Monika nicht nur nicht sprach, sondern schwieg. Dass es kein Zufall war, dass sie die Freundin seit deren Silberhochzeit nicht erreichen konnte, dass sie auf keine Nachricht geantwortet hatte, nicht einmal am Wochenende.

Am Abend des Festes war noch alles in Ordnung gewesen, sofern es im Rückblick überhaupt so etwas wie Ordnung geben kann, nun, da alles anders ist. Monika feierte mit Freunden, Doris konnte nicht dabei sein, sie lag im Krankenhaus, aber sie telefonierten, es war nett, vertraut, so wie immer. Es war das Letzte, was Doris von der Freundin hörte.

Dutzende Male wählte sie Monikas Nummern, erst aus Gewohnheit, dann aus Sorge, manches Mal aus Wut. Festnetz, Handy, Festnetz, nichts. Panik, Hilflosigkeit, Ohnmacht. Irgendwann probierte sie es mit unterdrückter Nummer.

"Na, hast du es geschafft?" war das erste, was Monika sagte.

Kein Wort zu den vielen SMS. Kein Wort zu den Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. Kein Wort dazu, was vorgefallen war seit dem Telefonat am Abend ihrer Silberhochzeit. "Warum rufst du mich nicht zurück?" - "Darüber möchte ich jetzt nicht reden", sagte die Freundin, die 34 Jahre lang über alles geredet hatte. "Es ist nichts Aktuelles."

Doris spulte in ihrem Kopf 34 Jahre vor und zurück, auf einmal war alles von Bedeutung. Sie suchte in ihrer Erinnerung nach unüberlegten Halbsätzen, falsch verstandenen Scherzen, zu ernst genommenen Diskussionen, nie aufgeklärten Missverständnissen, verborgenen Vorwürfen, überhörten Signalen. Sie fand nichts.

"Ich wurde das Problem nicht los"

Sie besuchte Monikas Mann während einer Messe, bat um eine Erklärung, bekam keine. Sie kontaktierte Monikas' Tochter bei Facebook, hoffte auf einen Hinweis, erhielt ihn nie. Doris, Geschäftsfrau, Mutter, Freundin, 54 Jahre alt, machte sich immer kleiner auf der Suche nach einer Antwort. Sie bettelte, sie flehte.

Schweigen ist Macht, und Schweigen ist auch Kommunikation. Wer den Kontakt plötzlich abbricht, bleibt beim anderen erst recht präsent. Ohne Erklärung war Doris dazu verdammt, um Monika zu kreisen. Zu rätseln, zu mutmaßen, zu hoffen. Dass Monika die Anruferin mit unterdrückter Nummer ist. Dass sie sich unverhofft meldet, am Geburtstag vielleicht, oder an Weihnachten. Dass sie irgendwann plötzlich vor der Tür steht.

"Ich habe all meine Kraft gebraucht, um das Thema im Alltag runterzudrücken", sagt Doris. Sobald sie zur Ruhe kam, wurde Monika größer in ihrem Kopf. "Ich wurde das Problem nicht los." Monika hatte die Kontrolle übernommen, obwohl sie gar nicht da war.

Doris kam mit der Freundin die Zuversicht abhanden, die Fröhlichkeit. "Ich hatte Angst, daran zu zerbrechen", sagt sie. "Ich war nicht mehr ich selbst."

Den Tod ihres Bruders hatte sie irgendwann verwunden, obwohl ihre Beziehung sehr eng war. Obwohl der Unfall so plötzlich kam und so sinnlos erschien, "totgefahren auf der Autobahn". Er und sie, sie hatten eine gemeinsame Realität, auch im Tod. "Was Monika mir antut, ist schlimmer als das." Monikas Schweigen machte es ihr unmöglich, Abschied zu nehmen.

Vier Monate nach Beginn der Funkstille setzte Doris sich im Februar 2011 an den Computer und schrieb einen Brief an Monika. "Wenn man mich fragen würde, wer die wichtigsten Menschen in meinem Leben sind, dann würde ich Deinen Namen in einem Atemzug mit Laura nennen." Laura ist ihre Tochter.

Doris schämte sich. Das Schweigen der Freundin wurde zu ihrem Makel. Sie fand ihre eigene Geschichte unglaubwürdig. Sie traute sich nicht, darüber zu sprechen. Es dauerte mehr als ein Jahr, bis sie verstand: Der Abschied von Monika ist für immer. Sie lebt, wohnt in ihrem Haus, wenige Kilometer entfernt. Für Doris aber ist sie unerreichbar.

"Ich habe damit abgeschlossen", den Satz sagt Doris inzwischen oft. So, als müsse sie sich die Trennung selbst glaubhaft machen. Wenn Monika morgen vor der Tür stehen würde, sie würde sie abweisen. Ihre einzige Möglichkeit, mit der Situation umzugehen, ist selber den Kontakt abzubrechen. Auch zu handeln, statt nur zu warten.

"Ich trage eine Kette um den Hals mit einem kleinen Herzen dran. So bist Du trotzdem bei mir, auch wenn Du es nicht willst", schrieb Doris im Februar 2011 in ihrem Brief. Monika hatte ihr die Kette geschenkt. 15 Jahre lang hatte sie sie getragen, vor vier Wochen hat Doris sie abgenommen.

Sie liegt jetzt zusammen mit anderen Geschenken der Freundin im Schrank. Von 34 Jahren ist ein Kästchen geblieben, halb so groß wie ein Schuhkarton.

* Name der Freundin von der Redaktion geändert.


Über Doris' Geschichte hat Tina Soliman eine TV-Dokumentation gedreht. Sie ist zu sehen in der Reihe "37 Grad": Abgetaucht - Wenn Menschen den Kontakt abbrechen, Dienstag, 22.15 Uhr, ZDF

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