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Elterncouch

Mein Jugend-Ich würde mich auslachen

Getty Images/Tetra images RF

Früher Rocker, heute Hemdenbügler

Sonntag, 21.01.2018   22:39 Uhr

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Früher wollte er Rockstar werden, heute bügelt Jonas Ratz in Pantoffeln seine Hemden. Werden alle Eltern unweigerlich zu Spießern? Und liegt es daran, dass unsere Kinder noch spießiger sind als wir?

Als ich den Kühlschrank öffne, kann ich es nicht mehr leugnen: Ich bin ein Spießer geworden. Denn ich habe den Kühlschrank nicht geöffnet, um, sagen wir mal, mir und meinen Kumpels von der Band ein neues Bier rauszuholen. Oder Tonic für den Gin. Nein, ich hole vier Rindersteaks (jeweils eins für Jana, Frederik, Oliver und mich). Und natürlich den Salat. Nun werde ich die nächste Stunde mit Kochen verbringen. Sonntagmittags, 12.30 Uhr.

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Davor habe ich gewaschen (Buntwäsche, 40 Grad), fünf Hemden gebügelt (in Pantoffeln!), den Müll rausgebracht und meine Pfeifensammlung poliert. Gut, einer der letzten beiden Punkte ist gelogen. Aber es fühlt sich gerade so an, als wäre es nicht mehr weit bis zum Häkeldeckchen auf dem Couchtisch. Was ist passiert?

Laut Wikipedia ist ein Spießer jemand, der sich durch "ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen und Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung" auszeichnet. Klingt ziemlich schrecklich. "Konformität mit gesellschaftlichen Normen"? Noch vor zwölf Jahren hatten wir sonntagmittags um diese Zeit immer Bandprobe in einem verranzten Keller, der nach Bier und Jungsschweiß stank. Wir spielten Thrashmetal, unser Sänger färbte sich den Bart mit rotem Mascara. Heute sitze ich mit meiner Familie am Tisch und esse Steaks.

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Ich bin verheiratet wie 67 Prozent aller Deutschen, wie in 35 Prozent aller deutschen Familien gibt es bei uns zwei Kinder, wie 78 Prozent der Deutschen arbeite ich und fahre morgens wie gefühlt 100 Prozent aller Stadtbewohner mit der U-Bahn - mehr "Konformität mit den gesellschaftlichen Normen" geht nicht. Ich fürchte, ich hab mich angesteckt. Und zwar bei meinen Kindern.

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Ein Rockstar-Leben? Undenkbar

Denn es ist so: Gibt es morgens mal nicht die Schüssel mit dem Affen für die Haferflocken, wird Oliver grantig. Und gehen wir spazieren, dann immer denselben Weg, dafür sorgen Frederik und Oliver schon. Und abends gibt es immer zwei Einschlafgeschichten, eine für jeden. Nicht eine für beide, nicht drei. Keine Experimente. Kinder sind eben strukturkonservativ. Meine jedenfalls. Läuft etwas nicht so wie gewohnt, wird es schwierig.

Ein Rockstar-Leben, von dem ich vor zwölf Jahren im Proberaum noch geträumt haben mag, wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt: Bis Mitternacht auf der Bühne beim Wacken-Festival, anschließend Bierdusche mit den Jungs von Sepultura, dann mit dem Privathelikopter nach Hause und am Morgen Oliver ein Brot für den Spätdienst in der Kita schmieren (Frischkäse, Schinken, geklappt)? Das ganze Wochenende im New Yorker Studio für das neue Album, zwei großkotzige Interviews und am Nachmittag Adventssingen in der Marienkäfer-Gruppe?

Vielleicht ist es eine Frage der Perspektive. Ja, ich wasche dreckige Jungshosen, bügle Hemden und mache auffällig selten die Nächte zum Tag. Mein Proberaum-Ich aus dem Jahr 2005 würde mich wahrscheinlich ansehen, ein Bier öffnen und mich auslachen. Aber ist es rebellisch, schon mittwochs keine sauberen Hosen für Frederik mehr zu haben oder morgens vor lauter Restalkohol die Haferflocken für die Jungs neben die Schüssel zu schütten? Nee, das wäre wahlweise nervig oder traurig. Vielleicht ist es also gar nicht so schlecht, dass ich nur dachte, ich erziehe meine Kinder, während sie eigentlich mich erziehen?

Wahrscheinlich hatte Pete Townsend, der Frontmann von "The Who", damals in einem SPIEGEL-Interview von 1993 mehr recht, als er ahnte: "Das einzig Rebellische in der zerfallenen Gesellschaft ist es, eine Familie zu gründen. Nur dort findet man zu sich selbst."

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Jonas Ratz,
    Vater von Frederik (vier Jahre) und Oliver (anderthalb Jahre)

    Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).

    Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone

    Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.

    Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de.

  • Jonas Ratz eine E-Mail schreiben
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