Motorsport, Musik und reichlich "Bölkstoff" Es kesselt wieder in Hartenholm

30 Jahre nach der Erstauflage des Werner-Rennens sind Comiczeichner "Brösel" und der Kieler Gastwirt "Holgi" wieder gegeneinander angetreten. Das Duell Porsche gegen Motorrad endete überraschend.

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Aus Hartenholm berichtet


Neben der Motocross-Strecke messen sich Männer im Mofawerfen, Metal schallt herüber, über allem schwebt schwarzer Rauch - und der Geruch nach Bier. Der Rauch kommt vom Tractor Pulling, bei dem Traktoren einen Bremswagen über 100 Meter ziehen. Der Schnellste gewinnt, der Bremswagen möchte ungern bewegt werden. Der Hopfengeruch kommt vom Bölkstoff, der in rauen Mengen die rund 50.000 Kehlen der Besucher des Werner-Rennens hinunterrinnt.

Auf dem Flugplatz im schleswig-holsteinischen Hartenholm kesselt es wieder: Vor genau 30 Jahren lieferten sich hier der Erfinder der Werner-Comics, Rötger "Brösel" Feldmann, auf seiner Horex und der Kneipenwirt Holger "Holgi" Henze im 1968er Porsche 911 T ihr legendäres Duell.

Es sollte klären: Wer ist schneller? Der "Red Porsche Killer" oder der Sportwagen? Die Realisierung der Idee, ausgeheckt im Kieler Club 68 und im Werner-Comicband "Eiskalt!" zu Papier gebracht, zog 1988 rund 200.000 Menschen an die Rennstrecke. Viele davon hatten keine Tickets, der Besucheransturm überforderte die Veranstalter, es herrschten Woodstock-artige Verhältnisse in Hartenholm, Brösel verschaltete sich und Holgi gewann.

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Werner-Rennen: Es kesselt wieder

An der Rennstrecke damals auch zugegen war Holger Hübner, der Erfinder des Heavy-Metal-Festivals Wacken Open Air, das seit 1990 in der Gemeinde Wacken in Schleswig-Holstein veranstaltet wird. Das Spektakel in Hartenholm war für Hübner die Initialzündung, um das Festival auf die Beine zu stellen: "Das Werner-Rennen war für uns als Heavy-Metal-Fans der erste Kick in Richtung Wacken: Werner war schon damals Kult - da mussten wir alle hin", sagt Hübner. "Ab da gab es für uns nur die drei großen Themen: Woodstock, Wacken und Werner."

Die Ausrichtung der Neuauflage 2018 ist für Hübner daher ein "Ritterschlag", drei Jahre dauerte die Planung. "Ziel war, ein Festival zu machen, das wie ein großes Familientreffen ist und die Kombination von Motorsport und Musik in den Norden bringt."

Entstanden ist eine Motorsportveranstaltung auf 46 Hektar mit rund 3500 Fahrern, einer guten Portion Nostalgie, 50.000 Besuchern, die sich auf dem "Nobelacker" oder im "Holgi-Fan-Camp" aufhalten - und auch die Bands BAP und Torfrock sind nach 30 Jahren wieder dabei. 50 Kilometer Bauzaun sorgen diesmal für geordnetere Verhältnisse. Die schätzen auch die angereisten Fans - auch wenn die Wehmut an die vergangene Freiheit durchscheint.

"Früher war alles freier, jeder hat Spaß gehabt, keiner hat sich wehgetan. Aber jede Zeit hat seins", sagt Peter Ocken und ergänzt: "Damals bin ich mit dem Moped herfahren, jetzt hab ich ja mein Wohnmobil." Im Zelt könne er ja auch gar nicht mehr schlafen. Sein Sohn Paul, ebenfalls vom Werner-Virus infiziert, ist mit dabei. Nerven ihn manchmal die Geschichten der Eltern über verlorene Freiheiten und die Verklärung der Vergangenheit? "Ja, manchmal", sagt er.

Harald Ihme war ebenfalls 1988 dabei: "Die meisten sind ja hier mitgealtert. Auf dem Campingplatz sind viele auch so um die 50. Damals war ich einer von den Chaoten. Ich habe an der Tankstelle im Auto geschlafen, da bin ich gar nicht bis zum Campingplatz gekommen", sagt der 54-Jährige und resümiert: "Viel getrunken, nichts gegessen." Diesmal sei alles besser organisiert, das wisse man zu schätzen.

"Alle sind gut drauf und alle sind gleich dämlich"

Ausgestorben scheint der Werner-Kult jedenfalls nicht zu sein. Das kann auch der Bauzaun nicht verhindern. Zwischen "Kulteisen" mit "Fuck for TÜV"-Nummerschildern, sehr viel schwarzer Kleidung, Harley-Aufnähern, unzähligen Werner-Devotionalien und als Grill umfunktionierten Motorrädern unterwegs sind auch Lena Muest sowie Andi und Thomas Goldenstein - alle ganz deutlich unter 50. "Wir sind Werner-Fans, seit wir denken können, und mit den Filmen aufgewachsen", erzählt das Trio, das in der Freizeit gemeinsam Motorrad fährt. "Die Kombination aus Motorsport und Musik ist für uns hier beim Rennen das Besondere. Das kannten wir so bisher noch nicht."

Michel Hartung, 23 Jahre, Thies Petersen, 23, Elise Dam, 18, und Lewe Ross Hillermann, 22, aus Nordfriesland liefern den prägnantesten Stimmungsbericht: "Uns gefällt's hier, alle Leute sind gut drauf und alle sind gleich dämlich."

Und alle schauten am Sonntagnachmittag dann gebannt auf die Rennstrecke. Dort ereignete sich für die Werner-Gemeinde Historisches, als der drei Meter lange "Red Porsche Killer", angetrieben von vier Horex-Motoren, seinem Namen alle Ehre machte und den roten Sportwagen von Holger Henze schlagen konnte.

"Schreibt nicht, Brösel hat gewonnen. Das Team hat gewonnen. Wenn das Team nicht arbeitet, hat der Fahrer verschissen", sagte der Sieger im Anschluss - und ging gemeinsam und solidarisch mit seinem Kontrahenten auf den hölzernen "Schmähturm". Dort erwartete beide eine Dusche aus einem 1000-Liter-Tank. Gefüllt. Mit Katzenkacke. Die Grundlage für eine Revanche ist gelegt.

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