Wickelfront: Die Freuden der Elternzeit

Eltern werden? Kinderleicht, dachten SPIEGEL-Autor Dieter Bednarz und seine Frau, als sie jenseits der 40 eine Familie gründeten. Doch die Tücke des Erziehungsalltags steckt im Detail. Wie man an der Wickelfront überlebt, erzählt der Vater dreier Töchter jetzt in einem neuen Buch.

Jede Geschichte hat einen Anfang und ein Ende. Manche beginnen mit einem Ende, das ein Anfang ist, bei manchen nimmt der Anfang kein Ende. Meine Geschichte fängt morgens an, wenn für normale Menschen der Tag beginnt, für mich aber ist er dann schon gelaufen.

Die Chefs und ihre beiden Leibeigenen: Die Jüngste, Rosa (vorn), die Zwillinge Lilly und Fanny und die Eltern, Esther Göttling und Dieter Bednarz
Dirk Eisermann/DPA

Die Chefs und ihre beiden Leibeigenen: Die Jüngste, Rosa (vorn), die Zwillinge Lilly und Fanny und die Eltern, Esther Göttling und Dieter Bednarz

Morgens um sieben, für andere ist die Welt noch in Ordnung, stehe ich schon mittendrin in meinem täglichen Überlebenskampf, das heißt: Eigentlich sitze ich. Die erste Niederlage von vielen an diesem Tag droht mir an einem kleinen Ort, gerade dort, wo im alten Rom selbst der Kaiser zu Fuß hinging, ganz allein, ohne Sänftenträger, ohne Gefolge. Allein! Ich bin sicher, der Kerl hat es genossen, auf dem Örtchen mal seine Ruhe zu haben. Die hätte ich auch gern. Ich gäbe ein Kaiserreich für Ruhe.

Mein Reich ist allerdings nicht einmal groß genug, um die Tageszeitung voll zu entfalten. Das macht aber auch nichts, denn zum Lesen komme ich ohnehin nicht, nicht einmal zum schnellen Sichten der Schlagzeilen. Früher hatte ich auf meinem Örtchen eine ganze Bibliothek. "Ulysses" habe ich da in einem Monat weggelesen, so viel Zeit hatte ich.

Jetzt würde ich in vier Wochen nicht einmal die Stelle schaffen, an der ich heute so gern mit Leopold Bloom tauschen würde: "Auf dem Kackstuhl hockend, entfaltete er seine Zeitung und schlug auf den entblößten Knien die Seiten um", beschreibt James Joyce die entspannte Variante des Stuhlgangs. Beneidenswert, sich seinem Innersten so ungestört widmen zu dürfen wie der gute Poldy. Aber der ist ja auch kinderlos.

Mich bekümmert, dass das kleine Schild "Bloom's Place" an unserer WC-Tür nur noch ein Stück Erinnerung an meine Junggesellenwohnung ist. "Das Lesen macht den ganzen Menschen", hat die Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing einmal geschrieben. So ein ganzheitliches Gefühl hatte ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr.

Aber noch ist dieser kleine Platz mein Platz. Wenig mehr als ein Quadratmeter ist alles, was mir geblieben ist von unserer geräumigen Altbauwohnung.

Früher hatte ich mal ein großes Arbeitszimmer. Das ist schon lange weg. Meine Steuererklärung erledige ich jetzt an einer Spanplatte auf den Heizungsrippen in unserem sogenannten Wohnzimmer. Stehpulte sollen ja gut sein für die Wirbelsäule. Aber selbst dieses Wenige verliere ich gerade an drei Zwerge, die den Aufstand proben.

"Dann kannst du sie ja gleich vergiften!"

"Wenig macht die Art des besten Glücks", tröstet mich meine Frau mit Nietzsche. Und verschwindet lautlos in die Kleiderkammer. Ich hingegen hocke da, mit heruntergelassenen Boxershorts, die eigene Brut an den Hacken, im Wortsinne. Bedrängt werde ich von meinen Töchtern Lilly und Fanny, den zweieinhalbjährigen Zwillingen, und ihrer jüngeren Schwester Rosa, ein Jahr alt.

Aus reiner Notwehr habe ich kürzlich alttestamentarische Härte gezeigt und der Bande mal vorgeführt, was in dem blauen Behälter steckt, den ich vor dem Rasieren immer so schüttele. Dauerhaft auf Distanz halten konnte ich sie mit meinem Schaumwerfer nicht. Aber die weißen Kleckse in ihren Gesichtern haben sie zumindest zeitweilig in die Flucht geschlagen. Dafür eröffnete meine Frau eine neue Front: "Dann kannst du sie ja gleich vergiften!", wies sie mich zurecht - und schaltete mir zur Strafe noch das Licht aus. Im Wiederholungsfall will sie mich vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zerren. So ist es, wenn eine Mutter nicht nur Anwältin ihrer Kinder ist, sondern auch Volljuristin.

Andererseits würden mich wohl auch einige dieser modernen Pädagogen an den Pranger stellen. In deren Augen beraube ich meine Kinder der großen Chance, von ihrem Vater durch direkte Anschauung die autonome Notdurft-Verrichtung zu erlernen.

"Damit ein Kind trocken und sauber wird, braucht es kein Topftraining, sondern Vorbilder", schreibt der Schweizer Kinderarzt und Experte für Entwicklungspädiatrie, Remo Largo: "Wenn seine Eigeninitiative erwacht, beginnt es Interesse an der Toilette zu zeigen. Es will dabei sein, wenn Eltern und Geschwister auf die Toilette gehen."

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  • Montag, 23.02.2009 – 09:33 Uhr
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