Widerstand gegen Hospiz: Im Angesicht des Todes

Von Nora Gantenbrink und

Ein Hospiz sorgt im Hamburger Süden für Ärger. Nachbarn fürchten mehr Verkehr, den Anblick von Leichenwagen, einen Wertverlust ihrer Immobilien. Zwei Anwohner haben einen Anwalt eingeschaltet. Wie nah darf der Tod den Menschen kommen?

Hospiz in Hamburg-Harburg: Streitobjekt am Blättnerring Fotos
SPIEGEL ONLINE

Im Blättnerring zwitschern die Vögel. Kinder schaukeln hinter roten Ziegelsteinhäuschen. BMWs parken vor den Häusern, Alarmanlagen hängen an den Seitenwänden. Geht man die idyllische Spielstraße bis zum Ende durch, steht man vor einem der Gemeindehäuser der Kirche Sinstorf. In einem Schaukasten wird die Kinder-Bibel-Woche beworben. Das Christentum ist hier präsent, die Nächstenliebe nur bedingt.

Denn in den vergangenen Wochen ist das Gemeindezentrum am Blättnerring 18 zum Politikum geworden. Das Deutsche Rote Kreuz Harburg will es der Kirchengemeinde abkaufen und ein Hospiz daraus machen, das erste in Hamburg südlich der Elbe. 2,8 Millionen Euro soll das Projekt kosten. Fast 15 Jahre hat man nach einem geeignetem Standort gesucht, im Blättnerring schien man ihn gefunden zu haben: ruhig gelegen, gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, für einen Umbau geeignet. Der soll im zweiten Quartal beginnen, Ostern 2013 die Eröffnung stattfinden. Geplant sind Zimmer für zwölf Patienten.

Mit Anwalt gegen die Sterbenden

Die Kirchengemeinde befürwortet das Projekt. "Die Gemeindemitglieder müssen lernen, dass dieses Haus ein Ort des Lebens ist und kein Friedhof", sagt Pastorin Hella Lemke. Gleichzeitig versteht sie die Ängste der Anwohner.

Auch die Verwaltung ist für den Bau. Harburgs Bezirksamtsleiter Thomas Völsch nennt das geplante Hospiz "eine gute Einrichtung". Unterstützung kommt auch aus der Politik. "Eine solche hilfreiche Einrichtung fehlt bisher noch in Harburg", sagt Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks.

Wer in der Umgebung des Blättnerrings nachfragt, bekommt fast nur positive Reaktionen auf das Hospiz. Aber manche Anwohner haben Bedenken - und Angst.

"Ich würde meinen Kindern gern den Anblick des Todes ersparen", sagt eine Mutter, die in der Straße wohnt. "Wenn ich morgens beim Frühstücken aus dem Fenster schaue, möchte ich nicht, dass mir die Wurst im Hals stecken bleibt," meint eine andere Frau. "Ich habe selbst Krebserfahrungen in meiner Familie. Ich möchte nicht tagtäglich damit konfrontiert werden."

Zwei Anwohner haben einen Anwalt engagiert, um ihren Vorbehalten Nachdruck zu verleihen. Der Jurist hat dem DRK ihre Kritik in einem Brief mitgeteilt.

Zum einen fürchten sie mehr Lärm, mehr Verkehr und volle Parkplätze in der Straße, wo nur Schritttempo erlaubt ist. Der Harburger DRK-Kreisgeschäftsführer Harald Krüger kann das nicht nachvollziehen. "Das Gemeindezentrum sorgt auch für Verkehr, zum Beispiel wenn Eltern ihre Kinder zu Kursen bringen und abholen." Regelmäßig zum Hospiz fahren würde nur etwa ein halbes Dutzend Mitarbeiter. Selbst mit Angehörigen und sonstigen Besuchern sei nicht zu erwarten, dass das Verkehrsaufkommen steigen werde.

Immobilienmakler halten befürchteten Wertverlust für Quatsch

Außerdem fürchten die Nachbarn einen Wertverlust ihrer Häuser. "Das ist absoluter Quatsch", sagt Petra Schröder Gätjen. Sie arbeitet in Harburg für das Immobilienunternehmen Engel & Völkers und wohnt seit mehr als 30 Jahren im Süden Hamburgs. "Was da vorgebracht wird, ist unglaublich, ich bin entsetzt." Wertverluste seien absolut nicht zu erwarten.

Wenn man das Hospiz in der Nachbarschaft nicht verhindern kann, will man es wenigstens nicht sehen. Im Schreiben des Anwalts ist von einem Sichtschutz die Rede, "aber ich weiß nicht, wie und wo der sein soll", sagt DRK-Mann Krüger. "Wir werden ein Hospiz nicht hinter Mauern verstecken." Aber selbstverständlich sei man bereit, etwa durch Sträucher einen Sichtschutz beim Eingang für Kranken- und Leichenwagen zu schaffen, "damit Anwohner nicht in Leichenwagen mit offener Klappe schauen müssen".

"Zu guten letzten Lebenswochen gehört das Leben ums Hospiz"

Tod ist ein gesellschaftliches Tabuthema, und das Hospiz trägt es direkt ins Vorstadtidyll hinein. "Sterben ist für viele Menschen erstmal etwas, was ihnen Angst macht", sagt Pastorin Lemke. Mit einem Hospiz würden viele Menschen Trauer, Dunkelheit und Depressionen verbinden.

So fragte ein Vater bei einer Informationsveranstaltung am Mittwochabend, wie man die Kinder vor dem Anblick der vielen Leichenwagen schützen wolle. Andere Teilnehmer befürchteten, ein Hospiz könne die Stimmung in der Nachbarschaft drücken.

"Ich kann verstehen, dass der Gedanke an ein Hospiz seltsam ist", sagt auch DRK-Mann Krüger. Eine solche Einrichtung führe vor Augen, dass man selbst auch sterben müsse. Was den Anblick von Leichenwagen angehe, wolle man gerne "mit Eltern Kontakt aufnehmen und überlegen, wie man den Kindern vermittelt, was es mit dem Hospiz auf sich hat". Hospizpatienten wünschten sich gute letzte Lebenswochen. "Dazu gehört das Leben ums Hospiz, auch Kinderlachen, Musik von Nachbarn oder der Geruch einer Bratwurst vom Grillfest nebenan."

Krüger ist bemüht, die Diskussion möglichst nüchtern zu halten. Auf der Informationsveranstaltung seien 95 Prozent der mehr als hundert Teilnehmer für das Hospiz gewesen. "Mehr können wir nicht erwarten."

Und was, wenn die beiden Anwohner den Widerstand nicht aufgeben? Im Zweifelsfall würde es das DRK auf einen Prozess ankommen lassen. Doch so weit will Krüger nicht denken. Er kennt den Anwalt. Der hat versprochen, auf seine Mandanten einzuwirken, nach einer einvernehmlichen Lösung zu suchen. Darauf setzt Krüger: "Wir wollen gute Nachbarn sein."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 151 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ja,
CA-Fire 24.02.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEEin Hospiz sorgt im Hamburger Süden für Ärger. Nachbarn fürchten mehr Verkehr, den Anblick von Leichenwagen, einen Wertverlust ihrer Immobilien. Zwei Anwohner haben einen Anwalt eingeschaltet. Wie nah darf der Tod den Menschen kommen? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,817341,00.html
dass ist wider einmal ein "schönes" Beispiel für das Wertesystem in Deutschland. Aus Angst um ihre "Immobilienwerte" wird gegen die Entstehung einer humanitären Einrichtung protestiert, die es sterbenden ermöglicht, würdevoll und schmerzfrei ihr Leben zu beenden. Pfui Teufel, was für eine verkommene gesellschaft.
2. unglaublich
tinosaurus 24.02.2012
Es fällt mir schwer zu lesen, dass der Tod bereits so weit ausgegrenzt ist. An besten still und heimlich in einem Krankenhaus, wo die Todkranken nicht so auffallen und einem die Stimmung versauen. Diesen Menschen wünsche ich dann aber auch, dass sie im Falle des eigenen Todes ebenso allein und steril die letzten Stunden erleben "dürfen".
3. .
RosaHasi 24.02.2012
ich wünsche diesen ganzen feinen damen und herren einfach mal sich selbst um das schlachten ihres fleisches kümmern zu müssen. nach 2-3 hühnern und einem schwein werden diese leute ihre mäuler nicht mehr so aufreissen
4. Wertverlust
Fritz Motzki 24.02.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEEin Hospiz sorgt im Hamburger Süden für Ärger. Nachbarn fürchten mehr Verkehr, den Anblick von Leichenwagen, einen Wertverlust ihrer Immobilien. Zwei Anwohner haben einen Anwalt eingeschaltet. Wie nah darf der Tod den Menschen kommen? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,817341,00.html
Die wollen vll. nur einen Wertverlust für die potentiellen Erben verhindern. Ist es möglich, daß die dahinter stecken? Jeder normale Mensch weiß, am letzten hat Hemd ja keine Taschen.
5. Ich halte das für einzwiespältiges Thema...
Achmuth_I 24.02.2012
...und die Überschrift für mehr als unausgewogen. Wie auch im Text formuliert gibt es durchaus Gründe die gegen das Hospiz in direkter Umgebung sprechen. Wer möchte privat wirklich regelmäßig mit dem Tod konfrontiert werden? Zum Frühstück mal dem Leichenwagen nachwinken? Angehörige haben die dem Tode nahe sind und nebenher erleben wie andere Leichen regelmäßig abgeholt werden? Das hat nicht viel mit Geld zu tun. Andererseits wo sind die Befürworter die sagen "Ich will das, also helfe ich den betroffenen Anwohnern indem ich Ihnen ein Angebot zum derzeitigen Wert der WOhnung mache!" oder zumindest ein paar Euro zusätzlich spende. Der Wertverlust ist ja real. Andererseits - die Hospizidee ist sehr reizend und anziehend. Persönlich könnte ich mir meine letzten Tage so vorstellen. Dazu muss aber das Hospiz irgendwohin.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Tod
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 151 Kommentare