Hilfsangebot Wie kann ich einen Flüchtling bei mir aufnehmen?

Unterkünfte für Flüchtlinge sind überfüllt. Nun spielen viele Menschen mit dem Gedanken, privaten Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Aber wie funktioniert das genau? Antworten auf die zehn wichtigsten Fragen.

Flüchtlinge campieren vor dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LaGeSo): Überfüllte Unterkünfte
DPA

Flüchtlinge campieren vor dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LaGeSo): Überfüllte Unterkünfte

Von und


Mindestens 800.000 Asylbewerber kommen in diesem Jahr schätzungsweise nach Deutschland. Überall im Land sind Unterkünfte überfüllt. Vielerorts werden Zelte und Container aufgestellt, um die Flüchtlinge unterzubringen. Aber es geht auch anders: Viele Bürger überlegen, leer stehende Wohnungen privat zu vermieten oder Flüchtlinge bei sich zu Hause aufzunehmen. Doch was muss man dabei beachten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

1. Ich möchte einen Flüchtling aufnehmen. An wen muss ich mich wenden?

Wer dazu bereit ist, sollte sich an die zuständige Behörde wenden, meist das örtliche Sozialamt. In manchen Städten gibt es aber auch spezielle Einrichtungen, die Flüchtlinge bei der Wohnungssuche unterstützen. In Berlin ist das zum Beispiel das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk (EJF). Eine Liste aller Sozialämter in Deutschland finden Sie hier.

Jeder Eigentümer, der einen Flüchtling aufnehmen will, muss ein Mietangebot mit Informationen zur Wohnung abgeben und einen Eigentumsnachweis erbringen. Erfüllt die Unterkunft die Vorgaben - etwa bei den Mietkosten -, wird ein Besichtigungstermin vereinbart.

2. Ist meine Immobilie geeignet?

Wenn Sie genug Platz haben, dann ja. Der Standard Ihrer Wohnung sollte gut genug für "normale Mieter" sein. Es gelten folgende Richtlinien: Zwei Personen sollten mindestens 30 Quadratmeter zum Leben haben. Wohnungen dürfen in Deutschland nicht überbelegt werden, auch nicht mit Flüchtlingen. Wenn die Wohnung unmöbliert ist, übernimmt in Berlin zum Beispiel das Sozialamt die Kosten für die Erstausstattung. Ob Ihre Wohnung geeignet ist, können Sie anhand dieser für Berlin gültigen Übersicht abschätzen.

3. Soll ich vermieten, oder kann ich das auch kostenlos anbieten?

Natürlich können Sie Flüchtlinge auch kostenlos aufnehmen. Doch die Initiative Pro Asyl warnt, so "könnte ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Ihnen und den Aufgenommenen entstehen, das ungute Auswirkungen haben kann". Besser ist ein ganz normales Mietverhältnis. Dann sind nicht nur Dinge wie Kündigungsfristen festgelegt, sondern der Mieter bekommt wieder ein Gefühl für Selbstständigkeit und Unabhängigkeit.

Zeitlich begrenzte Mietverträge sind weniger hilfreich. Es geht ja um eine Unterbringung mit langfristiger Perspektive - und damit um einen Weg aus der Ungewissheit. "Unser Anliegen ist es, dass Flüchtlinge dauerhaft in Wohnungen vermittelt werden", heißt es etwa vom Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk in Berlin. So gibt es in der Hauptstadt die Vorgabe, dass bei befristeten Verträgen die Mindestmietdauer für eine nicht oder teilmöblierte Wohnung mindestens zwei Jahre betragen muss. Ein Mietvertrag für eine vollmöblierte Wohnung muss eine Mindestdauer von sechs Monaten haben.

4. Wer bezahlt die Miete?

Die Miete übernimmt in der Regel das zuständige Amt in der jeweiligen Stadt, ebenso die Heizkosten. Das gilt aber nicht unbegrenzt. Je nach Zahl der Personen gelten Höchstgrenzen für die Größe der Wohnung sowie die Miet- und Nebenkosten, die übernommen werden. In Düsseldorf sind das beispielsweise maximal 50 Quadratmeter für eine Person und höchstens 407 Euro. Zum Vergleich: In Berlin sind es 364,50 Euro, ebenfalls für 50 Quadratmeter. Für andere Dinge wie Lebensmittel oder Kleidung bekommen Flüchtlinge Geld vom Amt, solange sie keinen Job haben.

Im Normalfall unterschreibt der Mieter eine Abtretungserklärung. Er erklärt sich damit bereit, dass das Jobcenter oder das Sozialamt die Miete direkt an den Vermieter überweist.

5. Kann ich auch nur ein einzelnes Zimmer vermieten?

Ja. Es gelten ähnliche Regeln wie bei der Vermietung eines WG-Zimmers. Auch hier sollte ein Mietvertrag abgeschlossen werden, damit der Mieter Sicherheit hat und kein Abhängigkeitsverhältnis entsteht. Wer vom Vermieter keine Erlaubnis zur Untervermietung hat, muss diese natürlich erst einholen. Das Sozialamt oder das Jobcenter übernimmt auch hier die Mietkosten, in angemessenem Rahmen. Das können beispielsweise 250 Euro für ein möbliertes Zimmer sein.

Wie in allen Wohngemeinschaften gilt: Wer enger zusammenwohnt, sollte darauf achten, dass die Chemie stimmt. Pro Asyl weist außerdem darauf hin, dass manche Menschen eine bestimmte Infrastruktur benötigen, zum Beispiel eine Asyl-Beratungsstelle in der Nähe oder Zugang zu psychologischer Betreuung. Die Initiative Flüchtlinge Willkommen konzentriert sich darauf, Betroffene bundesweit in Wohngemeinschaften zu vermitteln. 100 Menschen hat die Gruppe bereits in WGs untergebracht. Mittlerweile gibt es die Initiative auch in Österreich.

6. Welche Flüchtlinge dürfen in eine private Wohnung ziehen?

Das kommt auf den rechtlichen Status der Flüchtlinge an. Asylbewerber werden zunächst von den Behörden in einer Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht. Wer als Flüchtling nach der Genfer Flüchtlingskonvention anerkannt wird, bekommt die Erlaubnis, in eine Wohnung zu ziehen. Sie dürfen auch in eine andere Stadt oder ein anderes Bundesland umziehen.

Auch im laufenden Asylverfahren oder bei einer Duldung ist das möglich - das ist jedoch sehr schwierig und hängt von den Vorgaben und der Praxis in der jeweiligen Kommune ab. Weitere Informationen gibt es bei den Flüchtlingsberatungsstellen vor Ort. Eine Übersicht finden Sie hier.

7. Kann ich mir den Flüchtling aussuchen?

Als Vermieter können Sie selbst entscheiden, wer einzieht. Im besten Fall finden die Seiten selbst zueinander. Der Flüchtling, der eine Aufenthalts- und Wohnerlaubnis hat, wendet sich dann mit einem Antrag an die Behörden. Eventuell benötigt er dabei Ihre Hilfe. Eine gute Möglichkeit, sich kennenzulernen, sind Begegnungsstätten und Feste oder andere Angebote von lokalen Flüchtlingsberatungsstellen.

Man kann sich aber auch bei der Kommune melden (siehe Punkt 1). Das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk , das vom Berliner Sozialamt mit der Vermittlung beauftragt wurde, handhabt es so: Es wird ein Besichtigungstermin mit drei Bewerber-Parteien vereinbart, der Vermieter kann anschließend die Entscheidung treffen - der Mieter natürlich auch.

Die Initiative Flüchtlinge Willkommen versucht, bei der Vermittlung konkret auf die Mieter, Vermieter und die Wohnsituation einzugehen. Der Leipziger Pfarrer Andreas Dohrn hat das Projekt "Wohnungspaten" in Leben gerufen. Dort können sich Vermieter, ehrenamtliche Wohnungspaten und Übersetzer registrieren lassen.

Nachbarn, die mit dem Einzug von Flüchtlingen ein Problem haben, haben übrigens keine spezielle rechtliche Handhabe. Allerdings sollte man abwägen, wie feindlich die Atmosphäre ist und ob sie dem potenziellen Mieter zuzumuten ist.

8. Kann ich auch Kinder und Jugendliche aufnehmen?

Für Kinder und Jugendliche, die ohne ihre Eltern in Deutschland angekommen sind, gelten besondere Regelungen für Aufnahme und Unterbringung. Wenn Sie ein Kind oder einen Jugendlichen zum Beispiel als Pflegekind bei sich aufnehmen oder eine Vormundschaft übernehmen möchten, müssen Sie sich an das örtliche Jugendamt wenden. Es ist nach der Erstaufnahmeunterkunft für Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge (UMF) verantwortlich. Sie werden nach dem Jugendhilferecht betreut und in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe untergebracht. Mehr Informationen finden Sie beim Bundesfachverband UMF.

9. Muss ich meine Versicherungen angleichen?

Nein. Sofern es keine besondere Meldepflicht-Klausel gibt, müsse man der Versicherung nicht Bescheid geben, sagt Inka-Marie Storm vom Eigentümerverband Haus & Grund. "Ein Flüchtling ist ein ganz normaler Mieter."

10. Was ist, wenn ich merke, dass mir das zu viel ist?

Es gilt das allgemeine Mietrecht, also die Kündigungsfrist, die im (Unter-)Mietvertrag vereinbart wurde. Der Mieter muss für eine Kündigung keinen Grund angeben, Vermieter benötigen einen gesetzlich anerkannten Kündigungsgrund, beispielsweise Eigenbedarf.

Die Initiative Flüchtlinge Willkommen unterstützt ihre Wohngemeinschaften mit Paten, die bei Problemen vermitteln. Das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk in Berlin ist bis zu zwei Jahre nach Abschluss des Mietvertrags noch Ansprechpartner für Konflikte.

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.