Psychische Erkrankungen: Wenn Kinder zu Eltern werden

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Drei bis vier Millionen Mädchen und Jungen leben in Deutschland bei psychisch kranken Eltern. Frederike und Meike sind zwei von ihnen. Sie versuchen, die Aufgaben ihrer Mütter zu übernehmen, so gut es geht - und opfern dabei ihre Kindheit.

Kinder psychisch kranker Eltern: "Sie ist unberechenbar" Fotos
ZDF

Meike hat Angst, nach Hause zu gehen. Jedes Mal, wenn sie in die Straße einbiegt, in der ihr Elternhaus steht, pocht ihr Herz heftig, der Kopf wummert, die Kehle wird trocken. Im Zeitraffer läuft ein Film vor ihren Augen ab, von dem sie wünschte, sie hätte ihn nur geträumt.

Meike öffnet die Haustür, ruft in die Stille, schmeißt den Schulranzen neben ihre Turnschuhe im Flur. Sie schenkt sich in der Küche ein Glas Apfelsaft ein, trinkt, dann knallt es. Sie erschrickt, stürmt die Treppe hoch, auf den Fliesen im Badezimmer liegt die Mutter, überall Blut. Meikes Mutter hat sich die Pulsadern aufgeschnitten. Dann endet der Film in Meikes Kopf. Ihre Mutter hat überlebt.

Der Suizidversuch liegt vier Jahre zurück. "Diese Angst, dass ich sie noch einmal so finde, aber dann ist es zu spät, die kriege ich nicht in den Griff", sagt Meike. Sie ist 13 Jahre alt, ein großes, zerbrechliches Mädchen mit grünen Augen, blonden Haaren und Sommersprossen. Sie lebt mit ihren Eltern in einem Rotklinkerhaus in Dithmarschen, einer Region in Schleswig-Holstein.

Meikes Mutter leidet an Depressionen.

Meikes Mutter leidet an Depressionen. Zwischen drei und vier Millionen Kinder in Deutschland haben laut dem "Deutschen Ärzteblatt" (2010) psychisch erkrankte Eltern. Nach Angaben einer Forschungsgruppe der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2008 gibt es 740.000 Kinder, deren Eltern alkohol- oder drogenabhängig sind; 270.000 Mädchen und Jungen haben ein Elternteil, das an Schizophrenie erkrankt ist; 1,23 Millionen haben Mutter oder Vater mit sogenannten affektiven Störungen und bei 1,55 Millionen leidet ein Elternteil an Angststörungen.

Es ist ein anstrengendes Leben, in das Meike geboren wurde. Die Mutter war bereits vor ihrer Geburt ein schwermütiger, pessimistischer Mensch. Sie hoffte, die Gründung einer Familie würde sie aus ihrem trüben Gemütszustand zerren. Das Gegenteil war der Fall. Ärzte bestätigten: Meikes Mutter leidet an Depressionen, seit mehr als zehn Jahren ist sie nun in Behandlung.

"Sie ist unberechenbar"

Depressive und schizophrene Eltern sind emotional oft nicht erreichbar, sie reagieren nur verzögert auf kindliche Signale. Wie die "Zeitschrift für das gesamte Familienrecht" berichtet, erleben die Kinder zwei- bis dreimal häufiger als Kinder psychisch gesunder Eltern Vernachlässigung, Misshandlung und sexuellen Missbrauch. Die Mädchen und Jungen leiden unter Trennungsängsten, sie fürchten eine Verschlimmerung der Krankheit oder einen möglichen Suizid.

Mit jedem Jahr, das Meike älter wurde, hat sie mehr Verantwortung für ihre Mutter übernommen und ihr eigenes Sozialleben zurückgestellt. Heute, mit 13, kann sie vieles, was Gleichaltrige nicht können. Sie putzt, wäscht, bügelt, kocht, backt, räumt auf - und tröstet ihre Mutter, wenn die auf dem Sofa liegt, geplagt von tiefer Traurigkeit, gegen die sie nicht ankämpfen kann, weil ihr die Kraft dazu fehlt.

"Sie ist unberechenbar", sagt Meike. Sie sitzt am Esstisch in einer geräumigen Küche, an den Wänden hängen bunte Bilderrahmen mit Familienfotos. "Wer ist unberechenbar?", fragt ihre Mutter. "Ich? Oder meine Krankheit?" - "Beides", sagt Meike.

Meike liebt ihre Mutter, und sie leidet mit ihr. Manchmal ist sie aber auch einfach nur wütend, und manchmal schämt sie sich. Ihre Sorge, Klassenkameraden könnten diese Geschichte lesen, ist groß. Deswegen will sie nur bei ihrem Zweitnamen genannt werden.

Frederike ist mutiger. Sie war neun Jahre alt, als ihre Mutter an Depressionen erkrankte. Über ihre Schuldgefühle und die selbstauferlegte Verantwortung für ihre beiden jüngeren Brüder Niklas und Moritz spricht die 14-Jährige in der TV-Dokumentation "Mein verrücktes Leben - Von starken Kindern und kranken Müttern", die das ZDF im Rahmen seiner "37 Grad"-Reihe ausstrahlt. Entstanden ist ein einfühlsamer Film über die ungeheure Belastung der betroffenen Kinder - und ihre Sorge um die kranken Eltern.

"Sie bemüht sich, da zu sein", sagt Frederike über ihre Mutter, "aber sie kann es nicht richtig." So versucht das Mädchen wenigstens für ihre Geschwister die Mutterrolle einzunehmen - und bleibt selbst auf der Strecke. Die Zeit für Freunde und Hobbys ist rar, die Sehnsucht nach einer heilen Familie groß. "Ich vermisse das Familiengefühl", sagt Frederike im Film.

Erhöhtes Risiko, eine psychische Störung zu entwickeln

Meike kennt die Lücke, die ein krankes Elternteil ins Familiengefüge reißt. "Ich bin entweder alleine oder mit meinem Vater zu zweit - auch wenn meine Mutter da ist." Ihr Vater flüchtet sich in den Job, und begründet es mit dem hohen Lebensstandard, den er seiner Tochter bietet. Das große Haus, die modernen Elektroartikel, das großzügige Taschengeld sollen Entschädigung sein für die fehlende Mutter. "Ich kann ihm nicht übel nehmen, dass er den Job vorschiebt, um nicht jeden Tag ab drei Uhr hier zu hocken. Manchmal ist es einfach nur öde und traurig hier."

Viele kranke Eltern können ihre Erzieherrolle nicht erfüllen, weil sie aufgrund ihrer Erkrankung ihren Job, ihren Partner, ihr soziales Umfeld verlieren. Die Arbeitskollegen ihres Vaters und Nachbarn wissen nicht, dass Meikes Mutter an schweren Depressionen leidet. "Sie liegt ja nur im Bett oder auf der Couch, wenn es ihr dreckig geht", sagt Meike. "Ich verkrieche mich dann, fühle mich wie in Watte, weit weg von der Realität. Mir ist dann alles egal", sagt die Mutter, ihre Haut ist aufgedunsen von den Medikamenten. Sie sieht der Frau, die aus den Bilderrahmen herüber lächelt, nur entfernt ähnlich.

Manchmal würde Meike am liebsten davonrennen. "Aber ich schaffe es nicht mal, mir meinen ganzen Kummer von der Seele zu heulen." Eine Therapeutin hilft ihr, sich mehr zu öffnen, egoistischer zu sein.

Meike will stark sein, weil sie es sein muss - für sich und für ihre Mutter. "Sie kann ja nichts dafür, dass sie so ist, wie sie ist. Sie macht es ja nicht mit Absicht", sagt Meike und legt die Hand auf den Oberschenkel ihrer Mutter, die weint.

Kinder von psychisch kranken Eltern haben ein stark erhöhtes Risiko, im Laufe ihres Lebens selbst eine psychische Störung zu entwickeln, berichtet das "Deutsche Ärzteblatt". Die Angst, ein Leben wie die eigene Mutter zu führen, sei groß, sagt Meike. Größer, als nach Hause zu kommen.

"Mein verrücktes Leben - Von starken Kindern und kranken Müttern", Dienstag, 22.15 Uhr, ZDF

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, jedes 30. Kind in Deutschland wachse bei einem psychisch kranken Elternteil auf. Diese Zahl bezieht sich lediglich auf Kinder schwer erkrankter Eltern. Wir haben die Angaben im Text präzisiert.

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insgesamt 170 Beiträge
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1. leichtigkeit
MadameMia 03.07.2012
Ich bin so ein Kind. Ich denke ich verbinde damit ziemlich vieler meiner Emotionen, aber ich kann doch bemängeln, wie man schreiben kann, dass Meike keinen Mut hat. Nur weil sie Angst davor hat, dass in die Aussenwelt zu tragen, dass hat auch etwas mit Selbstschutz zu tun, denn sie ist nicht die Krankheit ihrer Mutter, und sollte sich damit auch nicht darstellen. Ich bemängel diesen Ausdruck sehr, denn was ist schon Mut, wenn man ihn nicht vorgelebt bekommt!
2. psychisch krank
d.decas 03.07.2012
Zitat von sysopDrei bis vier Millionen Mädchen und Jungen leben in Deutschland bei psychisch kranken Eltern. Frederike und Meike sind zwei von ihnen. Sie versuchen, die Aufgaben ihrer Mütter zu übernehmen, so gut es geht - und opfern dabei ihre Kindheit. Wie Kinder psychisch kranker Eltern leiden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,841687,00.html)
es ist so einfach in unserer Gesellschaft den Status "psychisch krank" zu erlangen und schon hat man eine Ausrede für sein Versagen. Das Elternhaus ist schuld, die Umstände oder die Schule- immer sind andere schuld und die Person legt Verantwortung für die Kinder in andere Hände. Ich möchte diese sogenannten "psychisch Kranken" gerne auf einen realen Überlebenskurs schicken, anschließend sind sie selbstbewußt und geheilt und übernehmen die Verantwortung die sie ihrer Familie schuldig sind!
3. optional
spon-facebook-1405902068 03.07.2012
Ich finde, dass es keinen Grund gibt sich zu schämen. Sie kann nichts dafür, dass ihre Mutter an einer Krankheit leidet. Ganz im Gegenteil: Sie kann stolz auf sich sein, dass sie so ein starkes Mädchen ist und hat meiner Meinung nach Anerkennung und Respekt verdient.
4. Rechenfehler!
loud_olph 03.07.2012
Zitat von sysopZwischen drei und vier Millionen Kinder in Deutschland haben psychisch erkrankte Eltern. [...] So lebt folglich etwa jedes 30. Kind mit einem psychisch kranken Elternteil zusammen.
Das würde bedeuten, dass in Deutschland zwischen 90 und 120 Millionen Kinder leben. Wo liegt denn nun der Rechenfehler? Wenn wirklich 3 bis 4 Millionen Kinder psychisch kranke Eltern haben, dürfte (bei geschätzten 20 Millionen Minderjährigen in Deutschland) etwa jedes 5. Kind betroffen sein. Das wären mit 20 % äußerst viele! Wäre wirklich "nur" jedes 30. Kind betroffen, würde sich die Gesamtsumme auf etwa 600 000 reduzieren. Das wären immer noch zuviele, aber mich würden doch mal die genauen Daten interessieren.
5. unfassbar
Ostwestfale 03.07.2012
Zitat von d.decases ist so einfach in unserer Gesellschaft den Status "psychisch krank" zu erlangen und schon hat man eine Ausrede für sein Versagen. Das Elternhaus ist schuld, die Umstände oder die Schule- immer sind andere schuld und die Person legt Verantwortung für die Kinder in andere Hände. Ich möchte diese sogenannten "psychisch Kranken" gerne auf einen realen Überlebenskurs schicken, anschließend sind sie selbstbewußt und geheilt und übernehmen die Verantwortung die sie ihrer Familie schuldig sind!
Kann man kranke Menschen noch mehr verhöhenen als Sie es hier tun? Was sind Sie von Beruf? Scharlatan, Wunderheiler oder wie würden Sie sich bezeichnen? Formulierungen wie "sogenannte psychisch Kranke" zeigen wessen Geistes Kind Sie sind.
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