Wildschweinplage in Berlin "Die Sau muss abgeknallt werden"

In Berlin ist die Sau los: Tausende Wildschweine wühlen sich durch die Vorgärten und stören den Verkehr - und es werden immer mehr. Schuld an der Plage der Borstentiere könnte der Klimawandel sein. Oder die Wende. Oder Klaus Wowereit.

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Berlin - Schon Joachim Ringelnatz kannte die Sorgen der Hauptstädter: "Du altes Schwein im Trüffelbeet / Weißt du auch stets, wie gut's dir geht?" Ziemlich gut, finden die Berliner, zu gut. Denn leider kommen mit den niedlichen Frischlingen auch die weniger putzigen, älteren Borstentiere in die Vorgärten. Oder auf Sportplätze. Oder auf Friedhöfe.

Im Westen Berlins trampeln die Sauen mal wieder über den Spandauer Friedhof. Ein Schild mit der Aufschrift "Betreten aus Pietätsgründen untersagt" weist auf eine "anonyme Belegungsfläche" hin, auf der bis vor einigen Tagen saftiger Rasen wuchs und die nun einem Acker gleicht. Hundert Meter entfernt versucht Revierförster Matthias Eggert vorerst vergeblich, die elf Wildschweine aus ihrem Versteck in den Büschen aufzuscheuchen. "Die sind heute so was von phlegmatisch", sagt er und stapft durch das Dickicht.

8000 bis 10.000 Wildschweine leben rund um Berlin. Sie ziehen S-Bahn-Gleise entlang, sammeln sich vor Bushaltestellen und laufen bei ihren Stadtrundgängen schon mal durch Glastüren.

Die Wildschweine auf dem Friedhof sind immer noch wenig bewegungsfreudig. "Hopp, hopp", ruft Eggert laut und schnalzt mit der Zunge. Er atmet tief ein, der Geruch der Wildschweine ist durchdringend, "riecht wie Maggi". Zweige knacken unter Eggerts Schuhen. Plötzlich hört er ein Grunzen, er bleibt stehen. Die Tiere brechen endlich los zur Lichtung. Dort steht sein Kollege, ein Stadtjäger - und zielt.

"Die Bürgerwehr haben wir schon aufgestellt"

Mit einer Sondererlaubnis dürfen rund 40 ehrenamtliche Stadtjäger in Berlin die Wildschweine in Wohnsiedlungen, Parks oder Friedhöfen schießen. Denn die Population muss "abgeschöpft" werden, wegen der Schäden und der Verkehrsunfälle. Etwa 10.000 Wildschweine rannten im vergangenen Jahr auf Deutschlands Straßen und wurden getötet.

Das würde Riko Mielke sicher gefallen. "Die Sau muss abgeknallt werden", echauffierte sich der Kleingärtner mit dem Holzfällerhemd und dem Zweifingerbart im lokalen Fernsehsender "Berlin.TV". Dort drohte er vor acht Jahren mit Selbstjustiz, weil der Staat seinen Schrebergarten nicht vor den marodierenden Tieren schützen könne: "Die Bürgerwehr haben wir schon aufgestellt. Und dann knallt's."

Der Moderator und CDU-Politiker Heinrich Lummer konnte nur noch hilflos entgegnen: "Tja, so kann's kommen, wenn man die Sau rauslassen will." Er wusste nicht, dass aus Kleingärtner Riko Mielke einige Jahre später Horst Schlämmer werden würde.

Keine Antibabypille für Wildschweine

Denn Hape Kerkeling hatte ein jahrtausendealtes Problem erkannt, das nun die Berliner quält. Schon Homer klagte in seiner Odyssee über die "erdaufwühlenden Schweine". Und nun das: Von einer Explosion der Wildschweinbestände spricht das Institut für Wildtierforschung in Hannover. Wo im Frühjahr 100 Tiere lebten, gebe es im Spätsommer 400. Das entspricht einer Vermehrungsrate von 300 Prozent - vor zehn Jahren waren es nur 200 Prozent.

Schuld an der fröhlichen Fortpflanzung könnte, wie an so vielem, der Klimawandel sein. In den milden Wintern sterben weniger Jungtiere an Krankheiten wie Lungenentzündung, sagt Gunter Sodeikat vom Institut für Wildtierforschung. Außerdem trügen Eichen oder Buchen öfter üppige Früchte als früher - ideale Bedingungen also für die gefräßigen Wildschweine.

Andere suchen die Gründe für die Plage in größeren zeitgeschichtlichen Zusammenhängen: dem Fall der Mauer. "Mit der Wende kamen sie rüber", brüllte auch Riko Mielke. Und Klaus Wowereit kann nichts dagegen tun. Das Auftreten der Wildtiere im Stadtgebiet könne nicht grundsätzlich zurückgedrängt werden, teilte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung im April mit. Zu den Sorgen von Riko Mielke kommt laut Experten eine größere Gefahr: Je höher die Population der Wildschweine, desto größer wird die Gefahr der Schweinepest.

In der Stadt profitieren die Tiere weniger vom Klimawandel als von Komposthaufen, Knollen und Katzenfutter. So schnüffeln sich die Schweine mit dem ausgeprägten Geruchssinn durch Parks mit saftigen Pflanzen, Wurzeln und Bodenlebewesen, sie wühlen sich durch Wohnsiedlungen mit Mülltonnen und Blumenbeeten. Aus Wildschweinen, die auf dem Land 30 Kilogramm wiegen, werden in der Stadt schon mal doppelt so schwere Brocken.

Die Stadt als Menü

"Der Wald ist ein Topf, die Stadt ein Menü", sagt Eggert. Ein- bis zweimal in der Woche muss er in seinem 780-Hektar-großen Revier von Potsdam bis Tegel ausrücken, muss Bürger beruhigen und die Wildtiere töten. Eggert ist einer der wenigen Förster in Berlin, die auch als Stadtjäger arbeiten. Rund 2000 Wildschweine haben die Jäger im vergangenen Jahr in Berlin und den umliegenden Wäldern geschossen, davon 491 allein im Stadtgebiet. "Die Wildschweine betäuben und in den Zoo bringen können wir nicht", sagt Eggert. "Und eine Antibabypille für Wildschweine gibt es noch nicht."

Immerhin eine Sau hat er heute mit seinem Kollegen erlegt, sie liegt unter einer Eiche auf dem von der Sonne gescheckten Waldboden. Vor der Nase liegt ein Tropfen Blut. Eggert prüft den Bauch, die Zitzen. "Die hat keine Milch, also keine Frischlinge." Die Jäger schießen vor allem die einjährigen Tiere. Die "Leitbache", so heißen die führenden Säue, verschonen sie. "Das ist wie bei den Menschen", sagt Eggert. "Die Alten erziehen die Jungen. Wenn wir die Alten schießen, laufen die Jungen rum wie Halbstarke."

Das Wildschwein nimmt er selbst aus, pro Kilogramm Fleisch bekommt er einen Euro. Die Trophäen interessieren ihn nicht, sagt Eggert, aber "so eine schöne Keule mit Rotkohl, die schmeckt schon".

Damit sie nicht ein ähnliches Schicksal ereilt, sollten die Wildschweine es daher mit Joachim Ringelnatz halten: "Du, spring nicht über Schranken / Die höher als du selbst bist, sind / Vergiss nie, täglich wie ein Kind / Für alles tief zu danken."



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