Hosenstreit in New Jersey: Das Problem sitzt tief

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Tief sitzendes Beinkleid: Hosen hoch! Fotos
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Auf der Strandpromenade von Wildwood in New Jersey sind tief hängende Hosen verboten. Bürgerrechtler sehen darin einen Verfassungsbruch. Bürgermeister Ernie Troiano sagt: "Mir ist egal, welche Farbe dein Hintern hat. Ich will ihn nicht sehen."

Ernie Troiano möchte eines klarstellen: Er will keinen Ärger, nur ein bisschen Anstand. Schließlich geht es um Wildwood, seine Stadt, und deren Strandpromenade. Sie ist wichtig für den Touristenort, Millionen Gäste kommen jedes Jahr hierher an die Küste im Süden New Jerseys. Die sollen sich wohlfühlen.

Deshalb will Bürgermeister Troiano nicht hinnehmen, dass von manchen Hinterteilen auf der Promenade mehr zu sehen ist, als es für die allgemeine Befindlichkeit gut tut - zumindest nach Auffassung der Stadtoberen. Es sei an der Zeit, ein Zeichen zu setzen gegen den Verfall der Sitten. Wer die Moral heben will, muss irgendwo ansetzen. Und sei es an den Hosenbünden.

Deshalb hat Wildwood nun seit dem 9. Juli eine spezielle Verbotszone. Auf der Promenade sind "Saggy Pants" untersagt, sehr tief sitzende Hosen. Sie dürfen nicht mehr als drei Inches (rund 7,5 Zentimeter) unter der Hüfte hängen. "Es geht um die offensichtlichen Sachen. Wir werden nicht das Maßband anlegen", beschwichtigt Troiano.

"Respektiere wenigstens die Omas und Kinder"

Beim ersten Verstoß sind 25 Dollar fällig, bei Wiederholungstätern bis zu 200 Dollar und 40 Stunden gemeinnütziger Arbeit. "Man müsste aber schon ein großer Dummkopf sein, um es so weit kommen zu lassen", sagt Troiano.

Dem konservativen Amerika missfallen tief sitzende Hosen schon länger. Vor allem in der HipHop-Kultur ist die Mode verbreitet. Große Aufregung gab es, als der Ort Delcambre in Louisiana die "Saggy Pants" verbot. Auch Lehrer in Florida setzten sich schon für ordnungsgemäße Hosenbünde ein.

Nun hat der Konflikt Wildwood erreicht. Troiano ist seit 2003 Bürgermeister. Auf der Promenade seien viele Familien mit Kindern unterwegs. "Denen kann man schwer erklären, warum der Hintern eines Halbstarken aus der Hose hängt", sagt der 62-Jährige. Die Mode der tief sitzenden Hosen habe sich in Gefängnissen entwickelt. Er verstehe nicht, wie man das glorifizieren könne. "Wenn du dich selbst nicht respektierst, respektiere wenigstens die Omas und Kinder auf der Promenade." Die Leute sollten einfach ihre Hose hochziehen, "das ist doch keine große Sache".

Zwölf bis 15 Polizisten patrouillieren nun jeden Tag. Laut Troiano gibt es bislang keinerlei Probleme. Die Vorschrift werde befolgt. Er habe Dutzende positive Zuschriften erhalten. Einige Gäste hätten gesagt, sie seien wegen des Verbots nach Wildwood gekommen.

"Die Polizei sollte sich nicht verhalten wie die Modepolizei"

Der Bürgermeister ist zufrieden. Wildwoods Promenade ist wieder familienfreundlich, wie er es nennt. Fragt sich nur, wie lange die Stadt ihre Linie durchhält. Die Organisation American Civil Liberties Union (ACLU) empfindet das Verbot als Eingriff in die verfassungsmäßig garantierten Bürgerrechte.

"Die Polizei sollte sich wie die Polizei verhalten, und nicht wie die Modepolizei", sagt Udi Ofer, ACLU-Chef in New Jersey. "Regierung und Polizei haben kein Recht zu diktieren, was gute oder schlechte Mode ist." Man könne Menschen nicht in ihrer persönlichen Entfaltung einschränken, nur weil diese anderen nicht gefalle.

Das Verbot verletzt nach Überzeugung der Organisation den ersten Verfassungszusatz der USA, der unter anderem die Meinungsfreiheit garantiert. Darunter fällt laut ACLU auch Kleidung.

Troiano sagt: "Das ist nicht Freiheit, das ist Herumlaufen, während dir der Hintern aus der Hose hängt." Ganz abgesehen davon: Er habe ebenfalls Bürgerrechte - zum Beispiel, nicht das Hinterteil anderer Leute ansehen zu müssen.

Die ACLU befürchtet zudem, das Verbot könne ein Wegbereiter für institutionellen Rassismus sein. Ofer glaubt, die Polizei werde Klempner mit Handwerkerdekolleté in Ruhe lassen und stattdessen junge farbige Männer überprüfen.

Bürgerrechtsorganisation erwägt Klage

Troiano nennt das lächerlich und bizarr. "Mir ist egal, welche Farbe dein Hintern hat. Ich will ihn nicht sehen." Er wisse nicht, wo die ACLU sich herumgetrieben habe. Aber auf der Promenade könne es nicht gewesen sein. "Dort gibt es genauso viele weiße wie spanische und schwarze Jungs, deren Hosen runterhängen."

Der Konflikt scheint unauflöslich - auch, weil Bürgermeister und ACLU auf unterschiedlichen Ebenen argumentieren. So erinnert der Zwist an Dialoge zwischen Eltern und Kindern: "Es ist doch wohl nicht zu viel verlangt, dass du…", heißt es von den einen. "Ihr könnt mir nicht verbieten, dass…", kontern die anderen. Troiano geht es um Rücksicht, der ACLU ums Prinzip.

Der "Saggy Pants"-Konflikt könnte deshalb vor Gericht landen. Laut Ofer erwägt die ACLU, gegen das Verbot zu klagen. Troiano sagt, er habe sich diesen Streit nicht gesucht. Aber er werde ihn austragen. "Ich würde vor Gericht für dieses Verbot kämpfen. Aber ich hoffe, so weit kommt es nicht."

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1. Bürgerrechtler sehen?
Niamey 26.07.2013
Zitat von sysopAuf der Strandpromenade von Wildwood in New Jersey sind tief hängende Hosen verboten. Bürgerrechtler sehen darin einen Verfassungsbruch. Bürgermeister Ernie Troiano sagt: "Mir ist egal, welche Farbe dein Hintern hat. Ich will ihn nicht sehen." Wildwood in New Jersey verbietet tief sitzende Hosen auf Promenade - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/wildwood-in-new-jersey-verbietet-tief-sitzende-hosen-auf-promenade-a-912415.html)
Welche 5 % der Bürger die wohl vertreten? Die anderen 95% sollten die dann eben auch verklagen wenn sie sich durch unbedeckte Ärsc... belästigt fühlen! Das würde ich übrigens unter dem Gesichtspunkt "Erregung öffentlichen Ärgerniss" auch tun! Die individuellen Rechte enden dort wo die Rechte der Allgemeinheit verletzt werden Mal ein vernünftiger Bürgermeister.
2. Doppelmoral
blauer-planet 26.07.2013
Dank Prism 3 wird die zweite Gesichtsh?lfte bald Namentlich identifiziert sein. Moral erzwungen sein und Gleichschaltung erfolgen kónnen. Dank an Prism alles fuer den Arsch.
3. ...
e-ding 26.07.2013
Schön sind die Dinger wirklich nicht aber das ist Geschmacksache. Wüssten die Träger um die Entstehung und Bedeutung dieser Mode in amerikanischen Gefängnissen, wären sie wohl auch etwas zurückhaltender. Aber verbieten? Nee, wir sind doch nicht bei den Grünen. ;)
4. Absurd
deragnostiker 26.07.2013
Im "Land der Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten" wird mir nun vorgeschrieben, wie ich meine Hosen zu tragen habe? Schlicht absurd und provinziell!
5. Wie war das beim Minirock?
nachbar 26.07.2013
Erst ein Riesenaufschrei, heute Normailtät. Mode ist wandelbar und war noch nie jederzeit jedermans Geschmack. Es gab und gibt immer Anderdenkende. Und was die Modeentwicklung in Gefängnissen angeht - kommt nicht auch das Tattoo -anteilig- daher?
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