Drei Jahre "Wir schaffen das" "Die Euphorie ist verflogen"

Zerbrochene Feldbetten, eine wachsende Anspruchshaltung und gefährliche Lücken in der Betreuung: Olav Stolze, seit 2015 Leiter einer Hamburger Flüchtlingserstaufnahme, zieht Bilanz.

Erstaufnahmeeinrichtung in Rahlstedt
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Erstaufnahmeeinrichtung in Rahlstedt

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Stolze, vor genau drei Jahren sagte Angela Merkel in ihrer Sommerpressekonferenz den Satz "Wir schaffen das." Damals kamen Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland. Haben Sie sich damals vorgenommen, der Bundeskanzlerin zu helfen?

Olav Stolze
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Stolze: Den Satz habe ich damals gar nicht so wahrgenommen. Mir ist erst wirklich bewusst geworden, was gerade passiert, als plötzlich überall die vielen Geflüchteten waren und Erstaufnahmen eröffnet wurden. Da habe ich meinem Arbeitgeber, dem Malteser Hilfsdienst, gesagt, dass ich da gern helfen würde.

SPIEGEL ONLINE: Und wie wurden Sie eingesetzt?

Stolze: Ich habe im November 2015 im Hamburger Westen eine Notunterkunft in einer Sporthalle übernommen, die ehrenamtliche Helfer zwei Wochen zuvor eröffnet hatten. Die Feldbetten waren zusammengebrochen, rund 250 Menschen schliefen auf dem Fußboden, es gab viel zu wenige sanitäre Anlagen. Büros, Infrastruktur existierten auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Ordnung in dieses Chaos gebracht?

Stolze: Wir haben Etagenbetten bestellt, Compartments mit Bauzäunen und Plastikplanen abgeteilt, Container für Büros aufgestellt. Das hat zwei Monate gedauert. Dass die Umstände schwierig waren, war für die Geflüchteten gar nicht so wichtig. Mir haben damals viele gesagt: Für mich zählt, dass ich beim Einschlafen weiß, ich wache am nächsten Morgen unversehrt auf.

SPIEGEL ONLINE: Und wie war die Stimmung unter den Helfern?

Stolze: Euphorisch. Wir konnten gar nicht alle engagieren, die uns ehrenamtlich unterstützen wollten. Als wir im Oktober 2016 aus der Sporthalle in eine Containerunterkunft im Osten Hamburgs umzogen, war diese Euphorie verflogen. Genauer gesagt: Wir bekommen heute kaum noch Bewerbungen von freiwilligen Helfern. Ehrenamtliche müssen wir für unsere Projekte gezielt suchen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich noch verändert, wenn Sie das erste und das zweite Jahr Ihrer Arbeit vergleichen?

Stolze: Rund 80 Menschen sind aus der Sporthalle mit in die Erstaufnahme nach Rahlstedt gezogen. Die waren froh darüber, dass sie nun im Zweierzimmer untergebracht wurden. Aber das hält nicht so lange. Die Anspruchshaltung ist gewachsen. Man konnte im zweiten Jahr mit Sicherheit, Kleidung, Essen und einem Schlafplatz keinen Blumentopf mehr gewinnen.

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SPIEGEL ONLINE: Was heißt das genau?

Stolze: Heute sind die Geflüchteten, die neu zu uns kommen, von Anfang an viel besser informiert über ihre Rechte und Möglichkeiten. Manche fragen schon nach vier Wochen, wann sie in eine Folgeunterkunft verlegt werden. Sie erwarten Hilfe bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, sie möchten zum Arzt begleitet werden, kritisieren das Essen, fragen, warum es so wenig Freizeitangebote gibt, und fordern Dolmetscherdienste ein. Die Menschen, die 2015 kamen, waren insgesamt deutlich geduldiger.

SPIEGEL ONLINE: Die Bewohnerstruktur der Erstaufnahmen hat sich stark verändert. Heute, im Jahr drei nach dem Herbst 2015, leben dort kaum noch Syrer, sondern viele Menschen, die keine Bleibeperspektive in Deutschland haben.

Stolze: Wir geben allen ein Zuhause auf Zeit und urteilen nicht darüber, ob die Fluchtgründe dem deutschen Asylrecht entsprechen. Es kommt aber inzwischen öfter vor, dass der ein oder andere Bewohner uns seine wahre Motivation erzählt: Er sei nach Deutschland gereist, weil er sich eine bessere medizinische Behandlung erhoffe oder bessere Bildungschancen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Aufgaben gehen über die Unterbringung hinaus: Sie helfen den Geflüchteten zum Beispiel auch dabei, sich im Behördendschungel zurechtzufinden. Wo finden die Menschen diesen Service, wenn sie aus der Erstaufnahme ausgezogen sind?

Stolze: In den Folgeunterkünften gibt es viel weniger Personal als in Erstaufnahmen, also auch eine lückenhaftere Betreuung. Die Probleme der Menschen werden aber nicht weniger. Jede Lücke, die wir lassen, die füllt ein anderer. Wenn die Geflüchteten scheitern, kann der Weg in den Extremismus oder in die Kriminalität führen.

SPIEGEL ONLINE: Der Auszug aus einer Erstaufnahme ist also kein Beleg für eine gelungene Integration.

Stolze: Integration beginnt mit dem Auszug doch erst. Viele schaffen es auch allein, sie sprechen gut Deutsch, suchen sich selbst eine Wohnung, finden einen Arbeitsplatz. Andere brauchen hingegen noch sehr lange einen zuverlässigen Ansprechpartner. Aber eine regelhafte Betreuung für sie ist in Hamburg nicht vorgesehen.

SPIEGEL ONLINE: Was also wäre zu tun?

Stolze: Die von uns geleitete Unterkunft hier in Rahlstedt schließt Ende Januar 2019 ihre Tore, wie schon viele andere Hamburger Erstaufnahmen zuvor. Damit werden Mitarbeiter freigesetzt, die sehr viel Erfahrung in der Flüchtlingsarbeit gesammelt haben. Auf die Expertise dieser Profis wird weitestgehend verzichtet. Das halte ich für einen großen Fehler.

SPIEGEL ONLINE: Können ehrenamtliche Helfer die Integrationsarbeit übernehmen?

Stolze: Ich finde es wichtig und richtig, wenn die Geflüchteten ehrenamtliche Paten haben, die Fragen beantworten, Behördenschreiben erklären, Formulare ausfüllen, ihnen zeigen, wie sie einen Sportverein finden oder Hausaufgabenhilfe für die Kinder. Viele Geflüchtete brauchen aber Unterstützung und Hilfe darüber hinaus. Dies sicherzustellen ist Aufgabe des Staates. Meines Erachtens darf der Staat die Verantwortung für eine gelungene Integration nicht weitgehend der Zivilgesellschaft übertragen.

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