Tornado-Gefahrengebiet der USA: Solidere Häuser sollen Sturmmonster abhalten

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AP/dpa

Schon zum zweiten Mal wurde die Stadt Moore in Oklahoma von einem Tornado verwüstet, doch die Behörden scheinen aus dem Desaster wenig gelernt zu haben. So gibt es keine öffentlichen Schutzbunker oder strikte Bauvorschriften. Am sichersten sei der Mensch "in einem gut gebauten Wohnhaus", heißt es.

Moore - Dutzende Menschen starben in Moore im US-Bundesstaat Oklahoma, als ein Tornado über die 55.000-Einwohner-Stadt hinwegpflügte. Noch immer ist die genaue Zahl der Todesopfer nicht bekannt. Rettungskräfte und Freiwillige suchen verzweifelt nach Schülern der Plaza Towers Elementary School, die von dem Wirbelsturm komplett zerstört wurde. So schnell sie konnten, gruben sie in drei Meter hohen Schuttbergen. Einige Kinder konnten lebend gerettet werden - von anderen fehlt noch immer jede Spur. Insgesamt holten die Rettungskräfte in den vergangenen Stunden mehr als hundert Überlebende aus den Trümmern.

47 Jahre alt war das langgezogene, einstöckige Haus mit der gelben Fassadenverkleidung. Als der Wirbelsturm mit einer Geschwindigkeit von 321 Kilometern pro Stunde auf das Gebäude traf, riss er zunächst das Dach mit sich und ließ dann die Mauern einstürzen. Mindestens sieben Kinder starben, berichtet NBC News unter Berufung auf die Behörden.

"Unglücklicherweise war es eine der älteren Schulen in der Stadt, und die Konstruktion war nicht so gebaut, wie sie es hätte sein sollen", sagte Bürgermeister Glenn Lewis.

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Tornado-Schäden: "Unglücklicherweise eine der älteren Schulen"
Gebaut wurde die Schule aus Schlackenbeton, der weniger stabil ist als zum Beispiel Stahlbeton. Ob das Haus sturmsicher gemacht wurde, ist derzeit nicht bekannt. Fest steht: Es gab keinen Sturmschutzkeller. Die Kinder haben sich vermutlich nach dem Alarm in fensterlosen Zimmern oder Wandschränken versteckt, wie es die Notfallpläne vorsehen, die vom städtischen Katastrophenschutz erstellt wurden. Der Schulleitung war es noch gelungen, Kinder der vierten, fünften und sechsten Klassen in eine etwa 300 Meter entfernte Kirche zu bringen. Die jüngeren Schüler allerdings blieben dem Lokalsender KFOR zufolge in dem Gebäude.

Jetzt werden Fragen laut: Warum wurden nicht alle Kinder gemeinsam in Sicherheit gebracht? Gerade einmal 16 Minuten blieben den Verantwortlichen nach der Warnung. War die Zeit zu knapp?

Mit durchschnittlich 1253 Tornados pro Jahr sind die Vereinigten Staaten weltweit am häufigsten von Wirbelstürmen bedroht. Ein Großteil davon ereignet sich in der berüchtigten "Tornado Alley" im Mittleren Westen der USA.

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Moore: Luftbilder der Tornado-Katastrophe
Obwohl die Gemeinde Moore bereits am 3. Mai 1999 von einem heftigen Tornado heimgesucht wurde, wurden die Bauvorschriften nicht verschärft. Die Stadt verfügt nicht über öffentliche Sturmschutzräume - und das ist offenbar gewollt. "Die Menschen sind nirgendwo weniger gefährdet als in einem gut gebauten Wohnhaus", heißt es auf der Webseite der Stadt.

Weil die Warnzeit bei Tornados in der Regel bei etwa 15 Minuten liege, könnten die Betroffenen gerade mal das Wichtigste einpacken und ihr Haus verlassen. Die Anfahrt zu einem öffentlichen Bunker, mögliche Staus und der damit einhergehende Zeitverlust erhöhten die Lebensgefahr: "Die Erfahrung zeigt, dass Autos NICHT der Ort sind, an dem man bei bedrohlichen Wetterbedingungen sein will."

Wer das Pech hat, über kein sturmfestes Haus zu verfügen, und etwa in einer Wohnwagensiedlung lebt, soll sich den Behörden zufolge aber doch auf den Weg machen.

Während man die Stärke eines Hurrikans schon vor seiner Ankunft berechnen kann, ist dies bei Tornados erst möglich, wenn Experten die Länge und Breite der Schadensspur vermessen und die Schäden evaluiert haben. Erst dann kann die Intensität von Tornados auf der sogenannten Fujita- oder F-Skala beziffert werden.

Das nationale Wetterradio (NWR) sendet 24 Stunden am Tag Vorhersagen und Warnungen des nächstgelegenen Wetterdienstes. Auch gibt es Wetterradios, die einen Signalton aussenden, wenn ein Tornado unterwegs ist. Nicht jeder besitzt jedoch so ein Gerät.

Sturmschutzkeller, Maueranker, Windabweiser

Bewohner der "Tornado-Gasse", die nicht in der Lage sind, ihr Haus kostenintensiv umzurüsten, sind dazu übergegangen, sich abseits von Bäumen und Mauern unterirdische Sturmkeller anzulegen. Kostenpunkt: rund 3000 Dollar. Etwa 2500 Häuser seien damit inzwischen ausgestattet, sagte der Leiter des Krisenstabs in Moore, Gayland Kitch, erst Ende April dem "Star Beacon". Das sind gerade mal zehn Prozent aller Gebäude, obwohl solche Baumaßnahmen von Washington mitfinanziert werden.

Es gibt zahlreiche konventionelle Methoden, das eigene Haus sturmsicher zu machen. Manchmal hilft es schon, die geltenden Bauvorschriften zur Gebäudeaerodynamik zu beachten, also Druck und Sogkräfte gering zu halten.

  • Hausbesitzer können Dächer und Giebel verstärken.
  • Sie können mit Metallbändern das gesamte Mauerwerk stützen oder Maueranker schrauben.
  • Sie können Windabweiser für ihre Fenster kaufen oder Spezialanfertigungen, die auch stärkstem Winddruck standhalten.

Angesichts der Verwüstungen, die der aktuelle Tornado in Moore angerichtet hat, darf man allerdings bezweifeln, ob diese der Wucht standgehalten hätten.

Steuerzahler kommt für Schäden auf

In Norman, Oklahoma, befindet sich der Überwachungsdienst National Severe Storms Laboratory (NSSL), der möglichst präzise Sturmwarnungen erarbeitet. Es gibt außerdem Tausende ehrenamtliche Wetterbeobachter, sogenannte Spotter, die sich im Netzwerk Skywarn organisiert haben, das es auch in Deutschland gibt. Ihre Informationen sind eine wichtige Ergänzung zu den Erhebungen der Wetterdienste. Außerdem sind sogenannte Storm Chasers unterwegs, Privatleute, die von dem Phänomen Tornado fasziniert sind und ebenfalls Daten sammeln.

Dennoch kommt der Alarm naturgemäß immer zu spät. Mit verheerenden Folgen. Wer das Desaster überlebt, ist oft mit enormen finanziellen Belastungen konfrontiert. So decken einige Gebäudeversicherungen in den USA Sturmschäden durch Hurrikans ab, nicht jedoch durch Tornados. In stark gefährdeten Regionen gewähren Assekuranzen nur bei hoher Selbstbeteiligung Versicherungsschutz. Deshalb sind viele Hauseigentümer auf die Unterstützung der Bundesstaaten und der Regierung in Washington angewiesen. Präsident Barack Obama stufte den aktuellen Tornado bereits als Katastrophe ein, was finanzielle Hilfe aus Washington möglich macht.

Wie das Wharton Risk Management Center berichtete, sollen die US-Steuerzahler allein in den Jahren 2000 bis 2008 etwa 62 Prozent aller Schäden aus Naturkatastrophen bezahlt haben. Die Hauptquelle für Hilfs- und Wiederaufbaugelder ist die Federal Emergency Management Agency (Fema). Sie gab allein 2012 mehr als sieben Milliarden Dollar.

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insgesamt 127 Beiträge
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1. Präzision
noalk 21.05.2013
Ich bin beeindruckt von der Genauigkeit, mit der hier die Windgeschwindigkeit des Tornados angegeben wurde: 321 km/h. Anscheinend haben die Amis sehr präzise messende Geräte. Weniger beeindruckend wird das allerdings, wenn man von km/h auf mph umrechnet, dann sind es nämlich (fast) exakt 200 Meilen pro Stunde. Also doch nur geschätzt. Dafür aber exakt umgerechnet. Ich bin beeindruckt!
2. Da
forumgehts? 21.05.2013
Zitat von sysopSchon zum zweiten Mal wurde die Stadt Moore in Oklahoma von einem Tornado verwüstet, doch die Behörden scheinen aus dem Desaster wenig gelernt zu haben. So gibt es keine öffentlichen Schutzbunker oder strikte Bauvorschriften. Am sichersten sei der Mensch "in einem gut gebauten Wohnhaus", heißt es. Wirbelsturm in Oklahoma: Wie die "Tornado Alley" gegen den Sturm kämpft - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/wirbelsturm-in-oklahoma-wie-die-tornado-alley-gegen-den-sturm-kaempft-a-901038.html)
haben die Behörden doch Recht, und dem würde auch jeder Amerikaner zustimmen. Jeder weitere Kommentar wäre Einmischung in die Freiheitsrechte des Individuums.
3. Small wonder
ekkehart-martin 21.05.2013
Wenn man sich die Infrastruktur bezüglich Telefon- und Stromleitungen in nahezu jeder amerikanischen Klein- und Mittelstadt ansieht denkt man man sei in einem Entwicklungsland. Gleiches gilt für die meisten Wohngebäude. Aber dem Durchschnittsamerikaner wird vorgegaukelt, dass es so sein müsse. Man befinde sich ja schließlich in "Gods own country" Aber was kann man in einem Land das nach dem Aussterben der letzten Generation gut ausgebildeter eingewanderter Facharbeiter praktisch keine Qualität mehr kennt erwarten.
4. Warum?
MiniDragon 21.05.2013
all das Bohai
5. Warum?
MiniDragon 21.05.2013
all das Bohai
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Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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Tornados
Definition
Tornados sind Wirbelstürme. Sie entstehen bei großen Temperaturunterschieden und treten in Mitteleuropa häufig zusammen mit Gewittern auf. Dabei stülpt sich aus der Gewitterwolke ein rüsselartiger Wolkenschlauch. In den USA erreichen Tornados im Extremfall Windgeschwindigkeiten von mehreren hundert Kilometern pro Stunde - meist sind es etwa 120 Kilometer pro Stunde. Den im Volksmund gebräuchlichen Begriff Windhose benutzen Meteorologen selten, weil er das meist folgenreiche Wetterphänomen ihrer Ansicht nach verniedlicht.
Entstehung
Tornados können wegen ihres zum Teil sekundenschnellen Entstehens oft nicht vorausgesagt werden. In europäischen Breiten löst sich das Phänomen in der Regel nach wenigen Minuten wieder auf. Ein Tornado bildet sich nach Angaben von Experten nur unter bestimmten Konstellationen. Wichtige sind große Wolken, Gewitter und unterschiedliche Windrichtungen in unterschiedlichen Höhen. In diesem Gefüge entsteht eine rotierende Bewegung in der eigentlichen Wolke, die nach unten herauswächst und als eine Art Rüssel sichtbar wird.