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Sicherheitspanne vor WM-Spiel: Das Fan-Chaos von Maracanã

Aus Rio de Janeiro berichtet

Getty Images

Es war der zweite Vorfall beim zweiten WM-Spiel in Rio: Etwa hundert chilenische Fußballfans sind ohne Tickets ins Maracanã-Stadion eingedrungen. Mit einem Trick gelang es der Gruppe, die Sicherheitskräfte abzulenken und dann zu überrennen.

Das ist der Albtraum für die Sicherheitsexperten der WM: Rund hundert chilenische Fußballfans sind am Mittwoch ohne Ticket ins Maracanã eingedrungen, es kam zu Rempeleien, Panik, Menschen wurden verletzt.

Etwa eine Stunde vor Beginn des WM-Spiels Spanien gegen Chile ereigneten sich im Pressezentrum des Stadions chaotischen Szenen. Mehreren Dutzend Fans war es gelungen, einen Zaun zu überklettern, dann stürmten sie zwischen den Schreibtischen der Journalisten hindurch, verfolgt vom brüllenden Sicherheitspersonal. Zunächst versuchten sie, eine provisorische Wand zu durchbrechen, offenbar in dem Glauben, dass dahinter ein Weg zu den Tribünen führe. Dann rannten sie wieder in die andere Richtung, wo sie erneut auf eine provisorische Wand trafen. Erst nach rund 15 Minuten gelang es den Sicherheitskräften, die Fans zur Aufgabe zu bewegen. In einem Flur mussten sie sich eng gedrängt auf den Boden setzen und auf die Polizei warten.

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Insgesamt wurden fünf Menschen verletzt. Eine Frau habe sich den Arm gebrochen, teilte die Feuerwehr mit, die für die ärztliche Versorgung zuständig ist. Zwei Wände brachen zusammen und eine Glastür zersplitterte.

Konfusion, Schreie, Festnahmen

Die Gruppe hatte die Aktion offensichtlich gut geplant. Die Fans umrundeten zunächst das Stadion in der Innenstadt von Rio de Janeiro, so als seien sie auf der Suche nach dem richtigen Eingang, berichtet die Zeitung "O Globo". Dann schlugen sie zu: Einige der Fans taten so, als bräuchten sie dringend einen Notarzt. Die Sicherheitskräfte waren abgelenkt, und die Mehrheit der chilenischen Anhänger stürmte los.

Einige Eindringlinge irrten durch die Katakomben des Stadions und drangen schließlich bis in die Nähe des Spielfelds vor. Dort versuchten sie, über eine Treppe auf die vollbesetzte Tribüne zu kletterten. Fünf Chilenen wurden überwältigt und abgeführt.

Fotostrecke

6  Bilder
WM-Stadion in Rio: Chilenen tricksen Sicherheitskräfte aus
Für die Sicherheit im Stadion sind die Fifa und das Comitê Organizador Local (COL) zuständig. In einer offiziellen Stellungnahme der Fifa wurde das Vorgehen als Akt der Gewalt verurteilt. Reporterin Sara Peschke, die für SPIEGEL ONLINE über das Spiel berichtet, filmte, wie die Fans im Gänsemarsch abgeführt wurden. Insgesamt wurden 85 Fans an die Militärpolizei in Rio übergeben, sie müssen Brasilien nun innerhalb von 72 Stunden verlassen.

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Auch beim ersten WM-Spiel im Maracanã hatte es bereits ein Sicherheitsproblem gegeben: Bei der Partie Argentinien gegen Bosnien-Herzegowina waren einige argentinische Fans ins Stadion eingedrungen. Sie kletterten über ein Tor und eine provisorische Wand, wurden dann aber festgesetzt. Neun Argentinier wurden festgenommen. Nun werden sich Fifa und COL Fragen gefallen lassen müssen, wie und warum es in dem Stadion, in dem am 13. Juli das Finale stattfindet, erneut zu einem Sicherheitsproblem kommen konnte.

"Dann haben wir entschieden, dort einzudringen"

Offenbar war es die pure Verzweiflung, die nun die chilenischen Fußballfans zu der Tat getrieben hat: Sie hatten schlicht keine Tickets bekommen, das Spiel war ausverkauft. "Wir waren bereit, 1000 Reais (330 Euro) für ein Ticket zu zahlen, aber wir haben keins bekommen. Dann haben wir entschieden, dort einzudringen", sagte ein chilenischer Fan der Zeitung "Estado de São Paulo". Ein anderer Fan sagte der Nachrichtenagentur AP, er sei Tausende Kilometer gereist, um seine Mannschaft zu sehen. "Die Fifa ist eine Mafia", brüllten derweil Chilenen, die von der Polizei abgeführt wurden.

Mehr als 38.000 WM-Tickets sind laut Fifa nach Chile verkauft worden, die Chilenen sind die siebtstärkste Fangemeinde bei der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien.

Im Vorfeld der WM hatte es große Diskussionen um den Umbau des Maracanã gegeben. Zum einen, weil das ehemalige größte Stadion der Welt, in dem einst Fußballfeste mit bis zu 200.000 Zuschauern stattfanden, nun nur noch 74.689 Plätze hat. Zum zweiten, weil die Kosten für den Umbau des Stadions explodiert sind. Um den Fifa-Vorgaben zu entsprechen, wurden rund 1,4 Milliarden Reais in das Stadion gesteckt, das entspricht etwa 470 Millionen Euro.

Die chilenischen Fans verpassten nicht nur ein spannendes Spiel, sondern auch ein sensationelles Ergebnis: Chile besiegte den Favoriten Spanien 2:0. Der Weltmeister hat keine Chancen mehr, das Achtelfinale zu erreichen und muss nach der Vorrunde nach Hause fahren.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. ....
Nirvana 05 19.06.2014
U.a. in Argentinien bei großen Konzerten oder im Stadion immer wieder erlebt. Die, die keine Karte auftreiben können, tun sich zusammen und stürmen die Location an der schwächsten Stelle. Wenn da 150-200 Mann angerauscht kommen, schaffen es die meisten auch rein und tauchen in der Menge unter. Wer pech hat wird per Schlagstock gestoppt. Nicht schön, vor allem wenn man irgendwo ungünstig rumsteht, aber doch recht üblich.
2. Warum denn auch nicht?....
CrazyZ 19.06.2014
...es waren ja auch um ein vielfaches mehr freie Plätze, sichtbar gewesen, für das Sponsoren-Pack, von denen sich die meisten während des Spiels nicht einmal auf dem gleichen Kontinent befanden!!
3. Die Macht des Volkes
moe.dahool 19.06.2014
...vollstesVerständnis meinerseits! Wenn doch die Menschen in allen Teilen der Welt und für andere, wichtigere Dinge so "aufstehen" würden. Man stelle sich vor, hunderte von Menschen stürmen die Jobcenter...
4.
baerry 19.06.2014
75.000 Plätze und ganze 38.000 Karten werden verkauft. Das schaffen (einige) Mannschaften in unserer 2. Liga alle zwei Wochen.
5. Hat Frau Peschke ...
Thorkh@n 19.06.2014
... nichts von der improvisierten extrem wackeligen Gerüsttreppe mit bekommen?
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