SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

26. Juni 2011, 22:39 Uhr

WM-Fans

"Ist ja der Anfang, kann ja noch werden"

Von Nora Gantenbrink, Berlin

Der Frauenfußball schleicht sich vorsichtig in die Herzen der Deutschen: Millionen TV-Zuschauer verfolgten das Spiel der deutschen Frauen, fast 74.000 Fans feierten im Olympiastadion - doch auf Berlins Straßen ist die Stimmung zum Auftakt der WM mau.

Berlin - Den Typ, der im durchgeschwitzten Sweatshirt in der U8 Richtung Herrmannplatz fährt, interessiert die Frauenfußball-WM dreißig Minuten vor dem Anpfiff des Eröffnungsspiels "unjefähr so viel wie'n Haufen Hundescheiße!". Und nur damit dass niemand falsch versteht, ruft er beim Aussteigen: "Und ick bin keen Fetischist!"

In Berlin erwartet der deutsche Damen-Kader im Berliner Olympiastadion Kanada zum Eröffnungsspiel. Es ist der erste Schritt Richtung WM-Titel 2011.

Im Vorfeld dieser Weltmeisterschaft wurde viel geschrieben, und man hat das Gefühl, auch alles gesagt. Diese WM ist wichtig und sie wird immer wichtiger werden, je mehr Spiele das Frauen-Nationalteam gewinnt und je mehr Menschen diese verfolgen, mitfiebern, mitfeiern.

Hans steht etwas zögerlich an der Ampel Ecke Veteranenstraße, weist mit dem Kopf in Richtung Magnet Bar und fragt seine Freundin: "Schatz, wollen wir rübergehen, das Eröffnungsspiel gucken?" "Ne, ich bin müde, ich hab Hunger und will heim", motzt der Schatz um kurz vor sechs und zieht Hans heim. Ende der Ansage.

Die Autos sind Deutschlandfahnen-frei

Ein paar Meter weiter sitzen Menschen dichtgedrängt auf Bierbänken und Bierkästen. Die Fußballkneipe "FC Magnet Bar" ist rappelvoll. "Das ist schon ein guter Anfang hier, übertrifft meine Erwartungen vollkommen", sagt Andreas Sürken, der Besitzer der Bar. Aber klar seien es bei der Männer-WM noch mehr Besucher gewesen.

Die großen Pilgerströme hin zu den Public-Viewing-Plätzen von grölenden Menschen in Schwarz-Rot-Gold-Weiß bleiben in der Hauptstadt bislang aus. Hinter den Menschen auf den Bierbänken trödeln Touristen lang, nebenan pokert ein Männerquartett konzentriert vor einer Dönerbude. Die vorbeifahrenden Wagen sind Deutschlandfahnen-frei.

Es gibt keine Fanmeile am Brandenburger-Tor, keinen Party-Sammelpunkt, aber ein paar Kneipen -wie die Magnet Bar, die das Eröffnungsspiel übertragen. Und während das geschieht, bleiben immer wieder Mütter mit Kinderwagen stehen, Fahrradfahrer halten an und eine Handvoll Trödeltouristen fragt: "Und? Was machen unsere Damen?"

An dem Tag, an dem das Sommermärchen in Deutschland begann, sah man kaum ein Fahrzeug ohne Deutschlandflagge, während der Spiele waren die Supermärkte und Straßen leer, und Deutschland versank außerhalb von Fernsehgeräten, dem Stadion und Public-Viewing-Plätzen in einen Dornröschenschlaf. Aber Frauen- und Männerfußball vergleichen, das gilt generell als verpönt, obwohl das auch die Gäste in der Magnet Bar tun: "Das ist unser Mario Gomez", jubelt einer, als das erste Tor von Kerstin Garefrekes fällt. Und " Birgit Prinz", erklärt ein anderer, "ist so was wie der Gerd Müller bei den Männern!".

"Die türkischen Hochzeiten machen auf jeden Fall mehr Krach"

Carla ist mit ihren Freunden Philipp, Claus und Moritz in die Magnet Bar gekommen. Mehr ihnen zuliebe als sich selbst, denn Frauenfußball guckt sie sonst nicht. Von WM-Stimmung hat sie bislang in Berlin nicht besonders viel mitbekommen: "Die türkischen Hochzeiten vor meiner Tür machen auf jeden Fall mehr Krach!" "Ist ja auch noch der Anfang, kann ja noch werden", sagt Moritz.

Viele der Gäste in der Magnet Bar sind aus Neugierde gekommen, einige aber auch aus Überzeugung. "Ich guck Frauenfußball sehr, sehr gern", sagt Horst Priem. Die deutschen Damen hätten zwar seiner Meinung nach noch etwas unsicher gespielt, aber sonst "schon top!". Horst Priem ist, was die Weltmeisterschaft betrifft, ganz zuversichtlich: "Tolle Pässe, tolle Tore!"

Auch Andreas Sürken glaubt, dass noch größeres WM-Fieber aufkommen kann, wenn die Vorrunde vor- und die deutsche Mannschaft noch dabei ist. Er wird ohnehin alle Spiele live übertragen, egal was passiert. Jetzt ist erst mal Gelassenheit angesagt. Das deutsche Damenteam hat heute seinen Teil zur Frauenfußball-Euphorie getan. In die Magnet Bar kommen jetzt die ersten Gäste, die den " Polizeiruf 110" mit der neuen Kommissarin sehen wollen. "Heute", sagt ein Gast, "ist Frauenpower-Tag!".

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH