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WM-Fans: "Ist ja der Anfang, kann ja noch werden"

Von Nora Gantenbrink, Berlin

Der Frauenfußball schleicht sich vorsichtig in die Herzen der Deutschen: Millionen TV-Zuschauer verfolgten das Spiel der deutschen Frauen, fast 74.000 Fans feierten im Olympiastadion - doch auf Berlins Straßen ist die Stimmung zum Auftakt der WM mau.

Fanfest: Herzen und Hulla-Hulla Fotos
dapd

Berlin - Den Typ, der im durchgeschwitzten Sweatshirt in der U8 Richtung Herrmannplatz fährt, interessiert die Frauenfußball-WM dreißig Minuten vor dem Anpfiff des Eröffnungsspiels "unjefähr so viel wie'n Haufen Hundescheiße!". Und nur damit dass niemand falsch versteht, ruft er beim Aussteigen: "Und ick bin keen Fetischist!"

In Berlin erwartet der deutsche Damen-Kader im Berliner Olympiastadion Kanada zum Eröffnungsspiel. Es ist der erste Schritt Richtung WM-Titel 2011.

Im Vorfeld dieser Weltmeisterschaft wurde viel geschrieben, und man hat das Gefühl, auch alles gesagt. Diese WM ist wichtig und sie wird immer wichtiger werden, je mehr Spiele das Frauen-Nationalteam gewinnt und je mehr Menschen diese verfolgen, mitfiebern, mitfeiern.

Hans steht etwas zögerlich an der Ampel Ecke Veteranenstraße, weist mit dem Kopf in Richtung Magnet Bar und fragt seine Freundin: "Schatz, wollen wir rübergehen, das Eröffnungsspiel gucken?" "Ne, ich bin müde, ich hab Hunger und will heim", motzt der Schatz um kurz vor sechs und zieht Hans heim. Ende der Ansage.

Die Autos sind Deutschlandfahnen-frei

Ein paar Meter weiter sitzen Menschen dichtgedrängt auf Bierbänken und Bierkästen. Die Fußballkneipe "FC Magnet Bar" ist rappelvoll. "Das ist schon ein guter Anfang hier, übertrifft meine Erwartungen vollkommen", sagt Andreas Sürken, der Besitzer der Bar. Aber klar seien es bei der Männer-WM noch mehr Besucher gewesen.

Die großen Pilgerströme hin zu den Public-Viewing-Plätzen von grölenden Menschen in Schwarz-Rot-Gold-Weiß bleiben in der Hauptstadt bislang aus. Hinter den Menschen auf den Bierbänken trödeln Touristen lang, nebenan pokert ein Männerquartett konzentriert vor einer Dönerbude. Die vorbeifahrenden Wagen sind Deutschlandfahnen-frei.

Es gibt keine Fanmeile am Brandenburger-Tor, keinen Party-Sammelpunkt, aber ein paar Kneipen -wie die Magnet Bar, die das Eröffnungsspiel übertragen. Und während das geschieht, bleiben immer wieder Mütter mit Kinderwagen stehen, Fahrradfahrer halten an und eine Handvoll Trödeltouristen fragt: "Und? Was machen unsere Damen?"

An dem Tag, an dem das Sommermärchen in Deutschland begann, sah man kaum ein Fahrzeug ohne Deutschlandflagge, während der Spiele waren die Supermärkte und Straßen leer, und Deutschland versank außerhalb von Fernsehgeräten, dem Stadion und Public-Viewing-Plätzen in einen Dornröschenschlaf. Aber Frauen- und Männerfußball vergleichen, das gilt generell als verpönt, obwohl das auch die Gäste in der Magnet Bar tun: "Das ist unser Mario Gomez", jubelt einer, als das erste Tor von Kerstin Garefrekes fällt. Und " Birgit Prinz", erklärt ein anderer, "ist so was wie der Gerd Müller bei den Männern!".

"Die türkischen Hochzeiten machen auf jeden Fall mehr Krach"

Carla ist mit ihren Freunden Philipp, Claus und Moritz in die Magnet Bar gekommen. Mehr ihnen zuliebe als sich selbst, denn Frauenfußball guckt sie sonst nicht. Von WM-Stimmung hat sie bislang in Berlin nicht besonders viel mitbekommen: "Die türkischen Hochzeiten vor meiner Tür machen auf jeden Fall mehr Krach!" "Ist ja auch noch der Anfang, kann ja noch werden", sagt Moritz.

Viele der Gäste in der Magnet Bar sind aus Neugierde gekommen, einige aber auch aus Überzeugung. "Ich guck Frauenfußball sehr, sehr gern", sagt Horst Priem. Die deutschen Damen hätten zwar seiner Meinung nach noch etwas unsicher gespielt, aber sonst "schon top!". Horst Priem ist, was die Weltmeisterschaft betrifft, ganz zuversichtlich: "Tolle Pässe, tolle Tore!"

Auch Andreas Sürken glaubt, dass noch größeres WM-Fieber aufkommen kann, wenn die Vorrunde vor- und die deutsche Mannschaft noch dabei ist. Er wird ohnehin alle Spiele live übertragen, egal was passiert. Jetzt ist erst mal Gelassenheit angesagt. Das deutsche Damenteam hat heute seinen Teil zur Frauenfußball-Euphorie getan. In die Magnet Bar kommen jetzt die ersten Gäste, die den " Polizeiruf 110" mit der neuen Kommissarin sehen wollen. "Heute", sagt ein Gast, "ist Frauenpower-Tag!".

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1. Das ist eine falsche Sichtweise
Pollowitzer 26.06.2011
"Der Frauenfußball schleicht sich vorsichtig in die Herzen der Deutschen" - Da wird eher von den Medien versucht was in die Köpfe der Verbraucher zu pumpen - da gehts um Geld und sonst wenig - Frauenfußball ist doch öde ...aber wenn es was zu verdienen gibt...
2. Wieviel Freikarten?
Mülheimer, 26.06.2011
Zitat von sysopDer Frauenfußball schleicht sich vorsichtig in die Herzen der Deutschen: Millionen TV-Zuschauer verfolgten das Spiel der deutschen Frauen, fast 74.000 Fans feierten im Olympiastadion - doch auf Berlins Straßen ist die Stimmung zum Auftakt der WM mau. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,770653,00.html
Kann mir mal jemand sagen wieviele Freikarten für das Eröffnungsspiel verteilt wurden? Ist ja bei Frauen-Länderspielen so üblich um die vielen freien Plätze zu vertuschen. Was heißt übrigens Eröffnungsspiel? Es war doch das zweite Spiel des Tages!
3. Und wenn noch 1000 Artikel hier erscheinen
Phil2302 26.06.2011
sehe ich trotzdem keinen Grund mir das anzuschauen. Wer ein gewisses Niveau von den Männern gewohnt ist und sich nicht aus reiner "Hauptsache dabei"-Manier die Spiele anschaut, für den ist das hier auch kein Sommermärchen. Und Frauen, die Männerfußball schon nicht mögen, werden sich nicht urplötzlich für den Sport interessieren nur weil eine Frau dort unten kickt.
4. Du triffst den Nagel auf den Kopf!
+LY 26.06.2011
Dieselbe Erfahrung in meinem Dunstkreis, D kommt aus seiner "Frauenfeinlichkeit" nicht raus, oder stimmt nicht, handfeste Geld-und Ruhm-Interessen stehen an erster Stelle: Zwanziger und Blatter gaben mit ihren unsäglichen Pressekonferenzen die Richtung an: - Gnadenerweisung dem Frauenfußball, - Wir brauchen keine Geld-Konkurrenz für die Männer - Nach der WM ist sowieso alles vorbei, und die Bundesliga fängt an, Ballack vs. Löw bringt doch eher Quote. Das Öff.Rechtl. Fernsehen zieht nach: - Die Frauen-Clubs in D unterstützen, gleich berechtigte Übertragungen, Sportschau-Integriert?, gähn-gähn, - Unser Thema zur WM der Frauen?, was denn sonst, Sexappeal, wie sehen die Fingernägel aus, welches Haarspray, welche Haarspange, welcher Lidschatten, Wimperntusche...die Hosen sind kürzer, die präsentierten Werbepartner, Mega-eklig, die Frau als Ware... ARD & ZDF, Ihr seid sowas von eklig, kümmert Euch gefälligst um weibliche Moderatoren, 4 Jahre Zeit gehabt, statt die abgehalfterten Frauen-Hasser-Männer zu präsentieren, die, wie heute zu sehen und hören, die weiblichen Experten am Moderatorentisch ständig respektlos behandeln und mobben. Hallo, wir sind im 21. Jhdrt, die Frauen in D sind zahlenmäßig größer, im Grunde genommen wichtiger als die Männer, und hat nicht jeder Mann eine Frau als Mutter???
5. Das Tralala der WM 2006 brauchen wir nicht wieder.
hauptkommissartauber 26.06.2011
Ganz ehrlich: Wer braucht schon eine Fan-Meile? Dass die Damen so erfolgreich Fußball spielen und dass jetzt hoffentlich mehr Mädchen Sport machen, ist eine positive Entwicklung. Ganz ehrlich. Als ich in den 90ern groß geworden bin, war es noch so: Wir Jungen vom Dorf waren ständig in Bewegung, mussten ständig Sport machen, vor allem Fußball. Und die Mädchen saßen nur beisammen, rauchten und quatschten dummes Zeug. Ich fand das schon damals bedauernswert. Ich konnte noch nicht einmal erkennen, dass die Mädchen überhaupt sowas wie echte Interessen gehabt hätten. Vielleicht waren die Durchschnitt besser in der Schule, vielleicht auch weil sie angepasster waren. Bei Jungen konnte man aber eher benennen, was da außerschulisch noch für Aktivitäten und Interessen da waren. Hätte ich eine Tochter entsprechenden Alter, würde ich die zum Fußballspielen mitnehmen. Oder Basketball. Oder zu anderen schönen Sportarten. Wer glaubt, Sport machen sei unweiblich, der hat sie nicht alle. Ich freue mich auch für unsere Nationalmannschaft, dass sie vor so einer tollen Kulisse mit über 70000 Zuschauern spielen können. Vor Jahren wäre das noch undenkbar gewesen. Vielleicht ist das der endgültige Durchbruch für den Frauenfußball.
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Fotostrecke
Sieg gegen Kanada: Mbabi und Garefrekes lassen Deutschland jubeln
Deutsche WM-Rekord-Spielerinnen
Name Spiele Zeitraum
Birgit Prinz 23 1995-2011
Bettina Wiegmann 22 1991-2003
Ariane Hingst 17 1999-2011
Maren Meinert 16 1995-2003
Renate Lingor 15 1999-2007
Sandra Minnert 14 1995-2007
Martina Voss 13 1991-1999
Kerstin Stegemann 13 1999-2007
Kerstin Garefrekes 13 2003-2011
Sandra Smisek 12 1995-2007
Heidi Mohr 12 1991-1995

Die Favoriten der Frauenfußball-WM
Brasilien - der ewige Zweite
Fifa-Weltrangliste: 3.
WM-Teilnahmen: 6
Bestes WM-Ergebnis: Zweiter (2007)
Letzte Turniere: Sudamericano 2010: Sieger, Olympia 2008: Finale, WM 2007: Finale
Trainer: Kleiton Lima
Stars: Marta, Christiane (beide Sturm), Maurine (Mittelfeld)
Taktik: 3-4-1-2 oder 3-4-3
Stärken: variables Spiel, extrem torgefährlich, Marta
Schwächen: Defensive, fehlende Siegermentalität?
Deutschland - der Titelverteidiger
Fifa-Weltrangliste: 2.
WM-Teilnahmen: 6
Beste WM-Ergebnis: Weltmeister (2003, 2007)
Letzte Turniere: EM 2009: Sieger, Olympia 2008: Dritter, WM 2007: Sieger
Trainerin: Silvia Neid
Stars: Birgit Prinz (Sturm), Fatmire Bajramaj (Mittelfeld), Nadine Angerer (Tor)
Taktik: 4-2-3-1, offensiv ausgerichtet
Stärken: große Torgefahr von allen Position, hervorragend eingespielt, sehr flexibel
Schwächen: der Druck der Heim-WM
England - der Aufsteiger
Fifa-Weltrangliste: 10.
WM-Teilnahmen: 3
Beste WM-Ergebnis: Viertelfinale (1995, 2007)
Letzte Turniere: EM 2009: Finale, Olympia 2008: nicht dabei, WM 2007: Viertelfinale
Trainerin: Hope Powell
Stars: Kelly Smith (Sturm), Rachel Yankey (Linksaußen), Faye White (Abwehr)
Taktik: 4-2-3-1 nach deutschem Vorbild
Stärken: technisch versiert, taktisch gut geschult
Schwächen: Torfrauen, viele junge Spielerinnen
Japan - der Geheimfavorit
Fifa-Weltrangliste: 4.
WM-Teilnahmen: 6
Beste WM-Ergebnis: Viertelfinale (1995)
Letzte Turniere: Asienmeisterschaft 2010: Dritter, Olympia 2008: Vierter, WM 2007: Vorrunde
Trainer: Norio Sasaki
Stars: Homare Sawa (Mittelfeld), Yuki Nagasato, Kozue Ando (beide Sturm)
Taktik: 4-4-2, offensiv
Stärken: schnelles Kombinationsspiel, Technik
Schwächen: körperlich unterlegen, bei WMs bislang immer schlecht
Schweden - die Wundertüte
Fifa-Weltrangliste: 5.
WM-Teilnahmen: 6
Beste WM-Ergebnis: Zweiter (2003)
Letzte Turniere: EM 2009: Viertelfinale, Olympia 2008: Viertelfinale, WM 2007: Vorrunde
Trainer: Thomas Dennerby
Stars: Lotta Schelin (Sturm), Charlotte Rohlin (Abwehr), Caroline Seger (Mittelfeld)
Taktik: 4-4-2
Stärken: klare Ordnung, Zusammenspiel im Angriff
Schwächen: kaum konstante Leistungen, mangelhafte Chancenverwertung
USA - der Olympiasieger
Fifa-Weltrangliste: 1.
WM-Teilnahmen: 6
Beste WM-Ergebnis: Weltmeister (1991, 1999)
Letzte Turniere: Gold Cup 2010: Dritter, Olympia 2008: Sieger, WM 2007: Dritter
Trainerin: Pia Sundhage (Schweden)
Stars: Abby Wambach (Sturm), Christie Rampone (Abwehr), Hope Solo (Tor)
Taktik: 4-4-2, variabel
Stärken: Defensive, schnelles Umschalten, sehr athletisch
Schwächen: Passspiel phasenweise zu ungenau

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