Wohnen in Deutschland Ohne euch ist alles doof

Immer mehr Deutsche leben allein, dabei gab es noch nie so viele Möglichkeiten, gemeinschaftlich zu wohnen. Drei Menschen erzählen, warum sie anders leben wollen als der Normalo.

Esperantos

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Es gibt Tage, da hat Carlotta Dering morgens keine Ahnung, wo sie ist. Nicht etwa, weil sie die Nacht zuvor gefeiert hätte, sondern weil ihr Schlafzimmer wenige Stunden zuvor noch am anderen Ende der Stadt lag. Dering wohnt auf einem Boot. Ihr Zuhause, zumindest für fünf Monate im Jahr, ist ein zwölf Meter langer Katamaran, den sie sich mit bis zu zehn Freunden teilt.

Die Schneiderin und Studentin gehört zu den Menschen, die sich bewusst für gemeinschaftliches Wohnen entschieden haben - und damit aus der Reihe fallen. Denn immer mehr Menschen in Deutschland wohnen allein.

Ob die Deutschen leidenschaftliche Einzelgänger sind oder notgedrungen allein leben, verraten die Zahlen nicht. Fakt ist aber: Laut Statistischem Bundesamt machen Singlehaushalte 41 Prozent aller Haushalte im Land aus. Vor 20 Jahren waren es noch 34 Prozent. Dabei gab es noch nie so viele Gestaltungsmöglichkeiten für gemeinschaftliches Wohnen. WGs, Baugruppen, Mehrgenerationenhäuser: Drei Menschen berichten von ihrem Leben in der Gemeinschaft.

Menschenmagnet auf dem Wasser

Carlotta Dering: Leben auf dem Katamaran
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Carlotta Dering: Leben auf dem Katamaran

Keine Mitbewohner zu haben, kann sich die 24-jährige Dering nicht vorstellen. "Ich bin gerne allein in meinem Zimmer. Aber ich mag es, wenn nebenan noch jemand ist, und ich einfach nur die Tür öffnen muss."

Seit vergangenem Jahr nutzt Dering ihre Zweier-Wohngemeinschaft im Berliner Stadtteil Moabit nur noch als Winterdomizil. Im Sommer ziehen sie und drei ihrer Freunde aufs Wasser um. Koje statt Schlafzimmer, Deck statt Balkon: Den Katamaran hat Derings Mitbewohner Carsten Riechelmann in jahrelanger Arbeit selbst gebaut.

Die vier festen Bootsbewohner leben und arbeiten in Berlin. Morgens fahren sie vom Boot aus zur Arbeit, abends finden sie sich wieder am Anlegeplatz ein. Meist liegt der Katamaran in Moabit. Da keine Dusche an Bord ist, sind die Bewohner auf ihren Freundeskreis im Kiez angewiesen, der auf dem Boot ein- und ausgeht. Der Katamaran sei ein Menschenmagnet, sagt Dering. "Im Sommer sind ständig mindestens zehn Menschen an Bord. Es ist ein sehr offenes Projekt." Und eines, das nur gemeinschaftlich funktioniert. Kapitän Riechelmann lässt seine Freunde kostenlos auf dem Boot wohnen - dafür beteiligt sich jeder an Reparatur- und Ausbauarbeiten.

"Die flachen Hierarchien sind angenehm. Und trotzdem haben wir einen Chef, das macht vieles einfacher", sagt Dering. Bisher sei es ihr nie zu viel geworden, ständig von so vielen Menschen umgeben zu sein. Im Gegenteil: "Im Winter muss man sich erst einmal wieder daran gewöhnen, dass man Freunde aktiv zu sich nach Hause einladen muss, weil sonst die Wohnung leer ist."

Zwei sind zu wenig

Christine Hassinger: Keine Lust auf eine Pärchenwohnung
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Christine Hassinger: Keine Lust auf eine Pärchenwohnung

Christine Hassinger findet es nur natürlich, dass Menschen die Gemeinschaft suchen. Die 31 Jahre alte Lehrerin aus Hamburg will nie wieder in eine Einzelwohnung zurück. Zwei Jahre lang habe sie allein gewohnt. "Allein fernsehen, allein essen: Das ist total traurig." Seit sie aus der Einzelwohnung geflohen ist, wohnt sie in einer Zweier-WG, die noch einen dritten Mitbewohner sucht, um die Gemeinschaft komplett zu machen.

Auch Hassingers Freund wohnt in einer WG. Nun überlegen die beiden zusammenzuziehen, "aber auf keinen Fall in eine Pärchenwohnung". Am Leben nur zu zweit reize sie nichts. "Da hängt man nur aufeinander, und es gibt mehr Potenzial für Streit."

Dieses Potenzial gebe es zwar auch in einer WG, besonders beim Thema Sauberkeit. Umso wichtiger sei es, seinen eigenen Raum zu haben. In ihrem kleinen WG-Haus steht Hassinger die komplette obere Etage zur Verfügung. "Da kann es mir egal sein, was mein Mitbewohner unten macht." Ansonsten gelte: Je verschiedener, desto spannender. "Es ist doch langweilig, wenn alle immer in einer Suppe rumköcheln."

Wenn Hassinger es sich aussuchen könnte, würde sie ein Wohnprojekt starten. Der Traum wäre ein eigenes Haus. Doch das sei gerade in Hamburg schwierig bis unmöglich.

Gemeinsam alt werden

Monika Nolte: Mit 89 Mitbewohnern in einem Mehrgenerationenhaus
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Monika Nolte: Mit 89 Mitbewohnern in einem Mehrgenerationenhaus

Den Traum vom Wohnprojekt hat Monika Nolte, 60, bereits 2009 verwirklicht. In Köln hat sie gemeinsam mit dem Bewohnerverein Ledo e.V. und einer Immobilien-AG ein Mammutprojekt gestemmt: 3800 Quadratmeter, drei Häuser, 64 Wohnungen - barrierefrei, für Menschen mit und ohne Behinderung. Der jüngste Bewohner des Mehrgenerationenhauses ist gerade auf die Welt gekommen, der älteste ist 82 Jahre alt.

Sechs Jahre dauerte es von der Idee bis zur Schlüsselübergabe. Am Anfang standen 30 Mitglieder aus zwei Selbsthilfegruppen mit einem simplen gemeinsamen Ziel: anders leben. "Uns war Vielfalt wichtig. Wir wollten barrierefrei wohnen, mit Jung und Alt. Als Menschen mit Handicap wollten wir nicht in einem Behinderten-Ghetto leben und nicht ins Altersheim abgeschoben werden. Also eigentlich ganz normal."

Genauso normal leben die rund 90 Bewohner des Ledo-Projekts heute. 13 Rollstuhlfahrer zählt die Gemeinschaft. Der Großteil der Bewohner ist jünger als 60 Jahre. Singles, Paare, Kinder: Wer Hilfe braucht, kann bei den Nachbarn klingeln. Wer Anschluss sucht, schaut sich im Aufenthaltsraum oder im Innenhof der Anlage um. Und wer seine Ruhe haben möchte, macht einfach die Tür zu. "Wichtig war uns, dass wir weder Pflegestelle noch Babysitter-Vermittlung sind. Wir leben zusammen, aber niemand wird hier zu etwas gezwungen."

Das Konzept kommt an, die Liste der Anwärter auf Wohnungen im Komplex ist lang. In den vergangenen Jahren habe sich viel verändert, sagt Nolte. Es gebe immer mehr Baugruppen, dazu politische Beschlüsse für mehr Wohnprojekte. "So etwas wie bei uns ist längst kein Nischenprodukt mehr."

Auch Bootsbewohnerin Dering kann sich gut vorstellen, später in einem Mehrgenerationenhaus zu wohnen - jedoch nur mit selbstbestimmtem Leben und Rückzugsort. "Ich mag Gemeinschaft, aber man muss nicht alles im Gremium entscheiden. Dafür bin ich auch nicht Hippie genug."

Jetzt überwintert Dering wieder in ihrer Zweier-WG. Der Katamaran ist in einer Werft geparkt, erst im Frühjahr wird er wieder zu Wasser gelassen. Doch auch die WG ist weit davon entfernt, eine normale Wohnung zu sein: Sie verbindet Schlafräume, Ateliers und einen Veranstaltungsraum. Dering hält das nur für logisch. Sie habe sich schließlich längst daran gewöhnt, ungewöhnlich zu wohnen.



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insgesamt 15 Beiträge
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remcap 02.12.2015
1. Nur eine Meinung von vielen..
jeder Mensch soll doch in seinen Lebensabschnitten so wohnen wie er will. Entscheident dafür ist die sich dauernd veränderte Lebenssituation der Menschen: Job, Kind, schlechte Menschen....etc. zwingen einen dazu seine Einstellungen zum Leben rasch zu ändern. Dann ist das ganze nicht mehr so Hipp !
notbehelf 02.12.2015
2. Zensus 2011
Zensus 2011 Nur jeder sechste Bewohner eines Ein-Personen-Haushaltes ist jünger als 30, mehr als jeder Dritte dagegen schon im Rentenalter. Besonders stark steigt allerdings in der Altersklasse 30 bis 59 die Zahl der alleinlebenden Menschen. Dass die Singles im Vergleich den meisten Platz haben, hat vor allem eine Ursache, so die Statistiker: Viele würden nicht umziehen wollen, wenn die Kinder aus dem Haus sind und später auch der Partner stirbt, vor allem Wohneigentümer nicht.
Eros1981 02.12.2015
3. Ich bleibe lieber in meiner Singlewohnung
Mir persönlich wäre es zu anstrengend, mich Tag für Tag in meiner Wohnung mit anderen Menschen auseinandersetzen zu müssen. Ich bin froh, dass ich in meiner Singlewohnung meine Ruhe habe. Außerdem bin ich Hartz4-Empfänger, da kommt es für mich eher nicht in Frage mit jemandem zusammenzuziehen. Dann müssten die anderen Mitbewohner mich ja finanziell aushalten, da es vom Jobcenter als Bedarfsgemeinschaft gesehen wird. Macht wohl eher keiner mit.
krise0815 02.12.2015
4.
Um in einer WG leben zu können, muss man das entsprechende Gen haben, sonst funktioniert das nicht. Es gibt auch Leute, die bezahlen lieber einen neuen Kleinwagen bar als sich ein Mittelklassemodell zu leasen.
meinmein 02.12.2015
5. zu spät
Als Student wohnte ich in einer WG, später hatte ich für 16 Jahre meine eigene Familie, nach der Scheidung wieder 10 Jahre WG. Danach Singlewohnung, weil mit zunehmendem Alter einem die WG-Mitglieder auf die Nerven gehen und man intoleranter gegenüber dem WG-Schmarotzer wird. Jetzt als Rentner in eine WG? Niemals, alte Leute sind so unerträglich!
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