Farrow vs. Allen Schuld und Bühne

Haben Sie Ihr Urteil schon gefällt? In der öffentlichen Schlammschlacht zwischen Dylan Farrow und Woody Allen sind wir alle ahnungslose Richter am Pranger der öffentlichen Meinung. Wir werden dazu gemacht, ob wir wollen oder nicht.

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Ich habe Mitleid mit Dylan Farrow. Sie war das Scheidungskind prominenter Eltern, die sich vor 21 Jahren einen schmutzigen, vor weltweiter Öffentlichkeit ausgetragenen Trennungskrieg lieferten.

Damit nicht genug. Sie spielte, damals sieben Jahre jung, in dieser Schlammschlacht auch noch eine Schlüsselrolle. Von klein auf, behauptet ihre Mutter Mia Farrow, habe Woody Allen das Mädchen sexuell missbraucht. Auf beiden Seiten wurden Sachverständige bemüht, den Nachweis dafür oder dagegen zu liefern. Wahr oder nicht, der behauptete, nie bewiesene Missbrauch wurde zu einem zentralen Bestandteil der Biografie von Dylan Farrow, bis heute. Es kann nicht leicht gewesen sein, damit aufzuwachsen.

Am 1. Februar veröffentlichte die "New York Times" einen offenen Brief von ihr, der zugleich erschütternde Zeugenaussage und erneute Anklage gegen ihren Vater Woody Allen ist. Sie schildert darin den Missbrauch, mit mehr als genug Details. Sie erzählt von ihren daraus resultierenden Problemen in späteren Jahren: seelische Narben, Depressionen, Selbstverletzungen.

Sie schreibt, dass sie nicht mehr ertragen könne, welche Wertschätzung Allen in der Öffentlichkeit genieße. Woody Allen sei "der lebende Beweis dafür, wie unsere Gesellschaft die Überlebenden sexueller Übergriffe im Stich" lasse.

Über dem Brief zeigt die "New York Times" das Bild einer jungen Frau mit Augen, denen man die Verletzung ansieht. Ich persönlich zweifele nicht im Geringsten daran, dass sie ein Opfer war und ist. So oder so.

Aussage gegen Aussage

Aber ich habe auch Mitleid mit Woody Allen. Sechs Tage nach Dylans offenem Brief beantwortete er die Anschuldigungen auf gleicher Bühne. Es ist ein eloquenter, sensibler Text, in dem man ebenfalls die Verletztheit des Schreibenden spürt.

Allen schreibt höchst überzeugend davon, wie immer wieder falsche Anschuldigungen gegen ihn erhoben worden seien. Mit welchem Hass seine ehemalige Ehefrau ihn verfolgt und seine Kinder gegen ihn aufgebracht habe. Wie er diese dadurch verlor. Wie nun erneut Anschuldigungen erhoben würden, die vor 21 Jahren schon widerlegt worden seien.

Allen schreibt: "Natürlich habe ich Dylan nicht missbraucht." Und dass er hoffe, sie werde eines Tages erkennen, wie die Manipulationen seiner hassenden Ex-Ehefrau sie um die Chance gebracht hätten, einen liebenden Vater zu haben. Und dass er ihr glaube, dass sie glaube, missbraucht worden zu sein.

Da bleibt nur noch eine Frage offen: Was glauben Sie?

Im Namen des Volkes

Denn nur darum geht es. Es ist der Grund, warum dieser Streit nicht vor einem ordentlichen Gericht stattfindet, sondern auf einer publizistischen Bühne. Wir sind die letzte Instanz in einem Verfahren, das mit unserem Urteil endet.

Denn Sie und ich sind die Richter in diesem veröffentlichten Streit, in dem uns so ausführliche, berührende Zeugenaussagen frei Haus geliefert werden. Dazu Kommentare und Aussagen von Involvierten, vor allem aber von zahlreichen in keiner Weise Beteiligten, die auch kein Stück weiser sind als wir. All diese Texte und Aussagen verlangen von uns ein Urteil, für das uns letztlich jede Grundlage fehlt.

Das ist eine Zumutung.

Denn anders als unsere professionellen Kollegen an ordentlichen Gerichten bekommen wir Richter am öffentlichen Gerichtshof keine Beweise zu sehen, wir können auch keine Fragen stellen. Die Aussagen der Beteiligten sind zugleich Anklage, Zeugenaussage und Plädoyer.

Wer als erstes Dylans Brief liest, wird sich mit einiger Wahrscheinlichkeit mit ihr solidarisieren. Was sie schreibt, klingt absolut ehrlich und authentisch. Und natürlich fühlen wir im Zweifelsfall eher mit dem Opfer, das unsere Solidarität braucht, so wie es Schutz gebraucht hätte.

Wer als erstes Allens Replik liest, wird sich mit einiger Wahrscheinlichkeit mit ihm solidarisieren. Sollte wahr sein, was er sagt, wäre er wie seine Tochter ein Opfer. Und wissen wir nicht, dass Missbrauch ein Vorwurf ist, der selbst dann zum unauslöschlichen Stigma wird, wenn er völlig haltlos ist?

Wir werden hier zu Mitspielern einer medial vermittelten Manipulation. Viel zu oft werden Urteile von uns verlangt, die wir weder fällen können noch sollten. Sich davon frei zu machen, ist aber äußerst schwer.

Das gilt bei Stars, die solche Dispute auf großer Bühne ausfechten, genauso wie in unseren kleinen oder großen sozialen Netzen. Stellung zu beziehen, Meinungen zu bilden, Urteile zu fällen und Steine zu werfen, ist oft gerade dann die einfachere Option, wenn die Entscheidungsgrundlage fehlt.

Ich persönlich habe keine Ahnung, wem ich in dieser Tragödie einer zerrütteten Familie glauben kann oder soll. Aber ich glaube, dass sie zum einen nicht auf die Bühne gehört, zum anderen aber ein Urteil verdient. Nur sollten nicht wir die Richter sein.

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