WTC-Pächter Silverstein Ein Traum von einem Wolkenkratzer

Larry Silverstein war der Pächter des World Trade Center, als es am 11. September 2001 zerstört wurde. Er schwor den Wiederaufbau, machte sich halb New York zum Feind. Doch er sollte recht behalten.

AP

Von , New York


Lange bevor sie fielen, begehrte er sie. Im März 1987 war das, als Larry Silverstein sein bis dahin ehrgeizigstes Projekt fertigstellte, einen Wolkenkratzer namens 7 World Trade Center. Doch statt sich zu freuen, schaute er nur hoch und dachte: "Wäre es nicht unglaublich, wenn ich eines Tages auch die Twin Towers besäße?"

Diese Zwillingstürme standen ihm da direkt gegenüber, schlanke, wagemutige Weltwunder. Sie gehörten der Hafenbehörde Port Authority (PA), waren das Kernstück des World Trade Center. Und Silverstein wollte sie: Der Immobilienhai hatte in den Jahren zuvor zwar allerhand Mega-Geschäfte in Manhattan gelandet, doch die Twin Towers waren das Kronjuwel. Leider musste er sich vorerst mit dem kleinen Ableger begnügen.

Silverstein, 80, erzählt diese alte Geschichte, um zu illustrieren, wie er an diesen Ort gelangte. Er sitzt an diesem Tag fast an der gleichen Stelle wie damals, im 7 WTC, nur viele Stockwerke höher - und es ist nicht der einstige Skyscraper, der am 11. September 2001 zerstört wurde, sondern sein moderner Nachfolger. Und die Twin Towers stehen auch nicht mehr.

Der Blick aus Silversteins Büro geht heute tief hinunter auf die Großbaustelle von Ground Zero. 1 WTC, vormals Freedom Tower, hat bereits mehr als 75 Etagen. An der anderen Ecke wächst ein zweiter Turm empor, davor sind die Fundamente eines dritten sichtbar. Dazwischen liegen die zwei neuen Wasserbecken, die an die Twin Towers erinnern sollen, das 9/11-Memorial. Es wird zum kommenden Jahrestag eingeweiht.

Der Baulärm ist selbst hier oben zu hören, wo Silverstein über seine zehn Milliarden Dollar Bauinvestitionen wacht. Und die wichtigste davon ist eben die Wunde der Nation, die da unten heilt, Hammerschlag für Hammerschlag - und die zum Großteil Larry Silverstein gehört.

Es war die größte Immobilientransaktion in der Geschichte der USA

Es ist ein schwindelerregender, doch seltsam berauschender Anblick: Der Ort des Grauens - zehn Jahre danach ein Ort des Aufbruchs.

Diese zehn Jahre haben Silverstein mehr durchgerüttelt als die sieben Jahrzehnte zuvor. Nicht nur, dass auch er hier erst seinen größten Triumph erlebte und dann seinen größten Verlust. An Silversteins Person erhitzen sich bis heute die Gemüter: Er wurde zum Blitzableiter für die Trauer, Wut und Hilflosigkeit Amerikas - und zum Sündenbock fürs Behördenversagen.

"Das hat unser aller Leben verändert", sagt er. "Es hat verändert, wie wir denken, wie wir funktionieren und mit dem Leben umgehen."

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11. September 2001: Der Tag des Schreckens
Auf den ersten Blick wirkt Silverstein kaum gealtert, seine lederne Gesichtshaut scheint sogar noch straffer, sein weißgelb gefärbtes Haar sitzt wie ein Helm. Er trägt eine knallorangefarbene Krawatte zum beigen Anzug, als sei er auf dem Weg ins Casino. Doch er schlurft gebückt, nicht nur als Folge eines Autounfalls vor zehn Jahren, und wenn er redet, verliert er sich gerne in tattrig-mäandernden Anekdoten, bei denen seine Mitarbeiter leise seufzen oder verstohlen auf ihre Blackberrys schielen.

Nachdem Silverstein das ursprüngliche 7 WTC 1987 eingeweiht hatte, warf er sein Auge auf die Twin Towers. Die PA hatte jedoch kein Interesse, sie abzustoßen, und beschloss erst 1998, das Management des gesamten World Trade Center zu privatisieren.

Silverstein stürzte sich in die Ausschreibung, im Verbund mit Westfield America, einem der weltgrößten Einkaufszentrumsbetreiber. Sie boten 3,2 Milliarden Dollar. Silverstein steuerte aus eigener Tasche 14 Millionen Dollar bei.

Doch der Zuschlag ging an den Immobilien-Investmentkonzern Vornado, der 50 Millionen Dollar mehr hinblätterte. Erst als Vornado nachträglich noch absprang, sicherte sich Silverstein den 99-jährigen Pachtvertrag. Es war die größte Immobilientransaktion in der Geschichte der USA. Das Datum: 24. Juli 2001.

Sechs Wochen später zerstörte der Terrorangriff die Türme und alle anderen WTC-Gebäude. 7 WTC stürzte als letztes ein, von Feuer und herabstürzenden Trümmern zerstört. Silversteins Firma verlor vier Angestellte: "Es war der absolute Horror."

Über Nacht wurde der Höhepunkt seiner Karriere zum Tiefpunkt. Alles, worauf er hingearbeitet hatte, seit er 44 Jahre zuvor seine erste Firma gegründet hatte, war dahin. Mehr noch: Das Schlimmste sollte erst kommen.

Es wäre die Zeit gewesen, die Früchte lebenslanger Arbeit zu ernten. Eigentlich wollte der gebürtige Brooklyner Konzertmusiker werden, besuchte die High School of Music and Art in Harlem, später die New York University.

Heftiger Widerstand gegen Silversteins Pläne

1957 gründete er mit seinem Vater Harry und seinem Schwager Bernard Mendik die Firma Silverstein Properties. Ihr erstes Gebäude war ein Industrieloft. Nach dem Tod des Vaters und Mendiks Ausstieg führte Silverstein das Unternehmen alleine weiter.

Bald gehörten ihm einige der prominentesten Wahrzeichen New Yorks. Etwa das historische Columbia Pictures Building an der Fifth Avenue, das er 1983 für 57,6 Millionen Dollar an Coca-Cola verkaufte - ein Gewinn von 400 Prozent.

Doch das World Trade Center war sein Stolz. Nach dessen Zerstörung stand er vor einer Entscheidung: Neubau oder Ausstieg? Mit seiner Frau Klara debattierte er, ob sie die Hölle New York nicht verlassen und um die Welt segeln sollten. Sie überredete ihn zu bleiben. "Der Pachtvertrag ließ mir sowieso keine Wahl", sagt er. "Ich war verpflichtet, wiederaufzubauen."

Denn auch nach dem Inferno von 9/11 musste er der PA weiter Pacht zahlen: 102 Millionen Dollar im Jahr, die er sonst durch Büromieten eingetrieben hätte. Nun war da nur noch eine rauchende Grube - ein ewiger Heldenfriedhof.

Der WTC-Komplex war mit 3,6 Milliarden Dollar versichert. Silverstein verklagte die 22 Versicherungskonzerne auf das Doppelte: Da die Türme von zwei Flugzeugen getroffen worden seien, habe es sich um zwei Schadensfälle gehandelt. Am Ende einer langen Verfahrenskette bekam er 4,7 Milliarden Dollar zugesprochen. Bis heute regt ihn das Thema auf, und er haut mit der Faust auf den Tisch.

Er machte sich halb New York zum Feind. Sie nannten ihn gierig, geizig, herzlos, selbst Bürgermeister Michael Bloomberg schimpfte anfangs auf ihn ein. Besonders hart sprangen die 9/11-Familien mit ihm um: Ihnen ging es ums Gedenken - er kümmere sich allein um Profit und Kommerz. "Larry muss weg", hieß eine Kampagne des Lokalblatts "Daily News".

Silverstein ließ sich nicht beirren, das Wirtschaftsblatt "Crain's" taufte ihn "den 80-jährigen Dynamo". Auch als es den nächsten Dauerzank zwischen den fast zwei Dutzend beteiligten Behörden gab, diesmal um Design und Finanzierung der Wiederbebauung. "Viele sagten, wir würden scheitern", sagt er heute triumphierend. "Wir haben sie Lügen gestraft."

Als erstes zog er 7 WTC hoch, außerhalb von Ground Zero: "Da lagen keine Toten, deshalb konnten wir sofort graben." 2006 wurde es eingeweiht. Im Streit um das restliche Areal gab er dann das Pachtrecht für den "Freedom Tower" auf, der das höchste Gebäude der USA werden soll. Den baut nun die PA, als 1 WTC.

"Und hier sind wir wieder", sagt er. "Nach all dem Hin und Her geht es nun rasend schnell. Wenn wir Glück haben, sind wir 2016 fertig."

Von den himmelsstürmenden Ideen des Masterplaners, des Berliner Architekten Daniel Libeskind, ist freilich wenig übrig geblieben. Was jetzt am Ground Zero entsteht, ist eher nüchtern: Eine Gruppe gläserner, stählerner Klötze, entworfen von den Stars der Branche, aber ohne übergreifende, ikonische Vision.

Trotzdem sieht Silverstein das künftige WTC als ein "neues Rockefeller Center", als Magnet für Geschäft und Konsum. "Ich bin dankbar", sagt er, "dass ich das alles doch noch erleben kann."

Dann ist er fertig mit seiner Geschichte und schweigt so plötzlich, wie er zuvor ungebremst geredet hat. Seine Mitarbeiter schauen von ihren Blackberrys auf. Durch die Fenster dringt nur das rhythmische "Klong" der Bauhämmer.

insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
Deali, 29.08.2011
1. .
Zitat von sysopLarry Silverstein war der Pächter des World Trade Centers, als es am 11. September 2001 zerstört wurde. Er schwor den Wiederaufbau, machte sich halb New York zum Feind. Doch er sollte recht behalten. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,782153,00.html
Larry Silverstein ist einer der größten Nutznießer des Attentats. Rein zufällig war er am 11.09.2001 nicht entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten in dem Gebäude. Ob er Recht hat will ich nicht beurteilen - für mich hat er mit Sicherheit Schuld!
RAmonbudi 29.08.2011
2. dieser Mann ist mit seinem kaufmännischen Gespür
einfach unerreicht und Legende. Ein schönes Gebäudeensemble und zugleich Mahnmal an diesen historischen Ort. Danke Larry.
Interessierter0815 29.08.2011
3. .
Zitat von sysopLarry Silverstein war der Pächter des World Trade Centers, als es am 11. September 2001 zerstört wurde. Er schwor den Wiederaufbau, machte sich halb New York zum Feind. Doch er sollte recht behalten. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,782153,00.html
Da kann er ja froh sein, dass er noch rechzeitig eine Milliardenversicherung für FLugzeugattentate abgeschlossen hat. Die Geschichte stinkt auch nach fast 10Jahren noch bis zum Himmel. Und von diesen Wall Street Gangstern glaub ich nicht EIN Wort.
!!# 29.08.2011
4. Ich verstehe Ihren Beitrag nicht ganz
Zitat von DealiLarry Silverstein ist einer der größten Nutznießer des Attentats. Rein zufällig war er am 11.09.2001 nicht entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten in dem Gebäude. Ob er Recht hat will ich nicht beurteilen - für mich hat er mit Sicherheit Schuld!
Woran soll der Pächter schuld sein: 1- Dass er noch lebt? 2- War er Ihrer Meinung nach an der Planung des Attentats beteiligt? Wenn ja, hätten Sie zufällig Beweise dafür?
derknecht 29.08.2011
5. naja
Denke mal nicht dass er an der Planung beteiligt war. Ich vermute nur dass er mal nen Anruf bekommen hat und danach die Versicherung gegen Anschläge abgeschlossen hat. Und bis nicht alle Akten und Beweise veröffentlich wurden, bleib ich auch der Meinung dass er mehr Nutzen daraus gezogen hat als Schaden genommen. Und dass er auch eingweiht wurde. Irgendjemand muss ja dafür gesorgt haben, dass die sogenannten Bauarbeiten(bei welchen die Sprengsätze verlegt wurden) auch genehmigt wurden
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