Mangelhafter Brandschutz Die Hintergründe zur Evakuierung in Wuppertal

70 Menschen mussten wegen mangelnden Brandschutzes ein Hochhaus in Wuppertal räumen. Warum wurde das Gebäude nicht längst saniert? Und wie reagiert die Politik? Der Überblick.

Hochhaus in Wuppertal
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Hochhaus in Wuppertal

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Warum haben die Behörden das Hochhaus in Wuppertal geräumt?

Das elfstöckige Gebäude in der Heinrich-Böll-Straße ist wegen mangelnder Brandschutzvorrichtungen unbewohnbar, wie Stadtsprecherin Ulrike Kusak sagt. Bei dem 1959 erbauten Gebäude sei 1960 Holzwolle als Dämmmaterial in den Fassaden verbaut worden. Das sei damals ein Standardmaterial gewesen, entspreche aber nicht mehr heutigen Maßstäben. "Wir haben die Immobilie seit 2010 auf dem Schirm", sagt Kusak, "seitdem wissen wir, dass es da massive Probleme gibt."

Warum wurde das Gebäude nicht längst saniert?

Die Stadt drängt Kusak zufolge seit Jahren darauf, die Fassade zu sanieren. Mehrfach seien Fristen gesetzt und Zwangsgelder angeordnet worden. Allerdings habe das Haus mehrfach den Besitzer gewechselt: "Das Spielchen fängt deshalb immer wieder von vorne an." Bei jedem neuen Eigentümer müsse es neue Fristen und zunächst niedrige Strafzahlungen geben - die stünden anfangs in keinem Verhältnis zu den drohenden Sanierungskosten. "Das ist wohl auch der Grund, warum da bislang nichts passiert ist", sagt Kusak.

Warum greift die Stadt erst jetzt durch?

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Hochhausräumung in Wuppertal: Auszug in Oberbarmen

Nach dem verheerenden Großbrand am Londoner Grenfell Tower habe das Bauordnungsamt entschieden, alle 70 Gebäude in Wuppertal, die höher als 22 Meter sind, zu überprüfen.

Aufgrund der Vorgeschichte habe man mit dem jetzt geräumten Gebäude begonnen, sagt Kusak. Am Montagmorgen habe sich herausgestellt, dass der Bau nicht einmal über eine Brandmeldeanlage verfüge, die bei Rauch im ganzen Haus Alarm auslöst und automatisch die Feuerwehr alarmiert. Daher sei die sofortige Räumung angeordnet worden.

Die Stadt selbst dürfe die Fassade nicht abnehmen, sagt Kusak. Ein Eingreifen im Fall eines Privatgebäudes sei nach den Regeln der sogenannten Ersatzvorname lediglich zulässig, wenn akut Gefahr im Verzug sei - das sei nach der Räumung des Hauses nun aber ohnehin nicht mehr der Fall.

Was passiert mit dem geräumten Hochhaus?

Der derzeitige Eigentümer, eine Gesellschaft mit Sitz in Berlin, soll sich bislang wenig kooperativ gezeigt haben. Kusak zufolge kündigte die Firma am Vormittag nun allerdings an, sich kurzfristig um das Problem zu kümmern: Man wolle die Mängel beim Brandschutz beseitigen. Anlass für diesen Sinneswandel ist vermutlich die neue Lage: Da das Haus von den Behörden als unbewohnbar eingestuft ist, müssen die etwa 70 Bewohner, von denen viele staatliche Leistungen wie Hartz IV beziehen, keine Miete mehr zahlen.

Die Behörden haben das Gebäude versiegelt und die Schlösser ausgetauscht, lassen das Haus von einem Sicherheitsdienst überwachen und stellen den bisherigen Bewohnern Ersatzwohnungen zur Verfügung. Die Kosten dafür trägt laut Kusak vorerst die Stadt. Es würden allerdings auch rechtliche Schritte geprüft, den Eigentümer in Haftung zu nehmen.

Wie geht es für die Bewohner weiter?

Solange die brennbare Holzwolle in der Fassade steckt, darf sich niemand länger als eine Stunde im Haus aufhalten. Bewohner können in Begleitung städtischer Mitarbeiter persönliche Gegenstände aus den Wohnungen holen, ab Montag werden dafür eigens Termine vergeben. "Alles bis zur Größe eines Fernsehers können die Leute mitnehmen", sagt Kusak. Einziehen könnten die Bewohner erst wieder, wenn die Dämmung entfernt ist. Das könne Wochen oder Monate dauern, sagt Kusak, aber: "Wir sind jetzt frohen Mutes, dass da zeitnah was passiert."

Welche Brandschutzmaßnahmen gelten in Deutschland für Fassaden?

Das Baurecht der 16 Bundesländer orientiert sich an der "Muster-Hochhaus-Richtlinie". Sie sieht vor, dass brennbare Dämmplatten an Hochhäusern in der Regel nicht verbaut werden dürfen - oder zumindest mit nicht brennbaren Materialien umschlossen sein müssen.

Bei Gebäuden mit einer Höhe von weniger als 22 Metern sind sie dagegen erlaubt. Allerdings sind dann waagerechte Brandriegel aus nicht brennbarer Steinwolle vorgeschrieben, die ab dem Erdgeschoss alle zwei Stockwerke eingefügt werden. Sie sollen verhindern, dass ein Brand die gesamte Fassade erfassen kann. Ihre Schutzwirkung ist allerdings umstritten.

Die Grenze von 22 Metern ist nicht willkürlich gewählt. Bis zu dieser Höhe kann die Feuerwehr Rettungsaktionen über ihre Leitern durchführen. Bewohner, die über dieser Grenze wohnen, müssen über Sicherheitstreppenräume fliehen können. Bei Gebäuden mit einer Höhe von mindestens 30 Metern sei zudem ein separater Feuerwehraufzug wichtig, sagt der Frankfurter Feuerwehrchef Reinhard Ries.

Was fordert die Feuerwehr?

Als Konsequenz aus der Brandkatastrophe von London verlangen Feuerwehrexperten auch in Deutschland besseren Brandschutz. Dabei gehe es explizit um Häuser unterhalb der Hochhausgrenze, also Häuser zwischen 7 und 22 Metern, sagt Ries. "Wir können nur hoffen, dass der Warnschuss aus London endlich ernst genommen wird."

"Unsere konkrete Forderung lautet: Das Erdgeschoss muss so verkleidet sein, dass es nicht brennbar ausgestaltet ist und dass es nach jedem Geschoss einen Brandriegel gibt", sagt Ries. Die Hamburger Feuerwehr fordert, dass die Vorschriften für Häuser über 22 Meter auch für kleinere Gebäude eingeführt werden.

Gibt es Reaktionen auf politischer Ebene?

Das Bundesbauministerium will überprüfen, ob in Deutschland andere Gebäude einem ähnlichen Brandrisiko ausgesetzt sind wie das betroffene Hochhaus in Wuppertal. Einer Sprecherin zufolge soll in Zusammenarbeit mit den Bundesländern eine Datenbank aufgebaut werden, denn Bauordnungsrecht und Brandschutz sind in Deutschland Ländersache. Es solle erhoben werden, "welche Häuser und wie viele Häuser ein ähnliches Gefährdungspotenzial haben".

Die Bauministerkonferenz werde "kurzfristig erheben, wo es solche Bauten geben kann", sagte Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD). Sie habe deswegen bereits mit dem Vorsitzenden der Konferenz gesprochen, Sachsen-Anhalts Landesminister Thomas Webel (CDU).

Außerdem werde das Bundesbauministerium den Ländern vorschlagen, die bislang sechsjährige Überprüfungsfrist für Dämm- und Brandschutzvorgaben zu verkürzen, sagte die Ministeriumssprecherin. Laut einer Mitteilung wies Hendricks auch auf die Vorteile hin, die eine Angleichung der verschiedenen Landes-Bauordnungen hätte. Sie rief alle Eigentümer von potenziell gefährdeten Hochhäusern auf, die kommunalen Bauaufsichten zu informieren.

Zuvor hatte es schon in einzelnen Bundesländern Initiativen zur Überprüfung gegeben, etwa in Bayern. Der Sprecher des Bremer Bauressorts, Jens Tittmann, forderte eine länderübergreifende Arbeitsgruppe zum Thema Brandschutz.

Mit Material von dpa und AFP



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