Yoga für die Kleinen Kind, entspann dich!

Schon die Jüngsten üben Entspannung im Lotussitz, singen Mantras auf Gurmukhi: In Deutschland ist Yoga für Kinder Trend. Doch wie sinnvoll ist das meditative Reck-dich-streck-dich für die Kleinsten? Experten warnen, dass unsachgemäße Unterweisung ernste Gefahren birgt.

Die Kunstschützen

Von Monika Hippold


Hamburg - Ella, braune Zöpfe, pinkfarbener Pullover, Jeansrock, verschränkt ihre Beine auf der blauen Turnmatte in den Schneidersitz. Sie legt ihre kleinen Füße auf die dünnen Oberschenkel und schließt die Augen. Eine Minute sitzt sie so im Lotussitz, der Basisstellung für die Meditation.

Ella, fünf Jahre alt, macht Yoga.

Seit drei Jahren nimmt Ella in ihrer Kindertagesstätte "Kind und Kegel" im noblen Hamburger Stadtteil Eppendorf am sogenannten Yoga-Tag teil. Das Angebot ist ein Hit: Insgesamt sind es 23 Zwei- bis Fünfjährige, die dort regelmäßig ihre Arme zum Sonnengruß ausstrecken oder wie Schmetterlinge flattern. Drei Kurse à 45 Minuten stehen jeweils auf dem Plan.

Yoga-Lehrerin Miriam Wessels gibt die Kommandos, die Augen ihrer Schüler sind ernst und konzentriert auf die 40-Jährige gerichtet. Aus einem CD-Player tropft Meditationsmusik, Ella und der kleine Lennox kennen die Worte der Sängerin Jiwanpal Kaur seit langem auswendig und stimmen leise in das Mantra ein. "Ong Namo, Guru Dev Namo", singen die Kinder auf Gurmukhi, einer indischen Heiligensprache, "ich begrüße die kosmische Energie und das Licht".

Esoterische Tiefenentspannung für die Kleinsten - in Deutschland ist Kinder-Yoga zunehmend Trend.

Rund 1500 Yoga-Lehrer bieten landesweit Kurse speziell für die jüngste Zielgruppe an, in Kindertagesstätten, Grund-, Gesamt- und Ganztagsschulen gehört das indische Reck-und-streck-dich fest zum Sportprogramm, selbst die Kleinsten kommen oft schon mit Erfahrung aus Mutter-und-Kind-Kursen in den Unterricht.

An der Frage, wie und wann Yoga für Kinder sinnvoll oder gar gefährlich ist, scheiden sich jedoch die Geister.

Marcus Stück untersuchte 1994 als erster Wissenschaftler Kinder-Yoga empirisch. "Die Übungen steigern das Selbstbewusstsein und die Konzentrationsleistung von Schülern", sagt der Psychologe, Dozent der Universität Leipzig. Allerdings sei nicht garantiert, dass Yoga per se richtig gelehrt werde. Der Beruf ist nicht gesetzlich geschützt, einen Gradmesser für die Qualität eines Lehrenden gibt es nicht. Die Ausbildungsdauer liegt zwischen drei Wochen und drei Jahren. "Am Ende", klagt Experte Stück, "steht auf jedem Abschlusszertifikat das Gleiche, 'Yoga-Lehrer für Kinder'."

Entspannungssport als Wellness-Masche

Die Kursangebote unterscheiden sich denn auch enorm, mal singt, tanzt und hüpft ein Lehrer mit den Kindern, andere üben mit ihnen vor allem "Asanas", die verschiedenen Körperstellungen.

"Oft wird alles in einen Topf geschmissen und zu einem großen Wohlfühlpaket für die Kinder geschnürt", sagt Experte Stück. Viele Mentoren arbeiteten neue wissenschaftliche Erkenntnisse nicht in ihr Programm ein. Yoga soll in erster Linie beruhigend auf die Kinder wirken, ihre Sinne stärken. Tanz hingegen aktiviere die Emotionen der Kinder. Wird alles vermischt, sei der Effekt fraglich, der Entspannungssport werde zur Wellness-Masche. "Dann wirkt die Medizin Yoga nicht mehr", sagt Stück.

In den Übungsraum der Hamburger "Yoga-Sternchen"-Schule in Winterhude - rosafarbene und hellblaue Matten liegen auf dem Boden, Räucherstäbchen-Fäden ziehen durch die Luft - stürmen aufgeregt plappernd Helena und Maria. Die beiden siebenjährigen Mädchen belegen schon ihren zweiten Kurs bei der Lehrerin. Jetzt sind sie aufgedreht, ausgelassen. Lehrerin Verena Hanke tanzt mit den Kindern, insgesamt sind es vier, zunächst den sogenannten Schütteltanz, um sie "auszupowern", wie Hanke sagt. Sie hüpfen gemeinsam durch den Raum, zappeln mit Armen und Beinen.

"Ich kann nicht mehr, mir ist warm", ruft Helena schließlich. Auf den Fensterbänken stehen brennende Kerzen, obwohl durch die Fenster noch die Nachmittagssonne scheint. Die Gruppe setzt sich auf die Matten, jeder darf seine Lieblingsübung nennen. "Der Baum", sagt Maria - aufrecht hinstellen, ein Bein anwinkeln, Arme über dem Kopf zusammen nehmen. Dann tief einatmen, ausatmen. Die Kinder machen die Übung, wackeln, kippen um, lachen. "Ich habe aus Versehen beim Ausatmen gepfiffen", sagt Maria und prustet los.

Meditation erst ab zehn Jahren

Neben Musikunterricht, Ballett, Tennis, Hockey, Englisch und Japanisch steht nun also auch Yoga auf dem Stundenplan vieler Kinder - Entspannung als weiterer Programmpunkt im Terminplan.

Sind die Kleinen gestresst, sollen sie sich auf ihre innere Mitte konzentrieren, tief durchatmen, wie ein Löwe brüllen oder wie ein Frosch quaken. Was vielen Erwachsenen hilft, sollen schon die Jüngsten trainieren.

Doch erst ab frühestens fünf Jahren machten Yoga-Übungen für Kinder überhaupt Sinn, sagt Doris Hafner, Geschäftsführerin des Berufsverbands der Yoga-Lehrenden in Deutschland. "Die Kinder dürfen nicht überfordert, ihre Körper nicht überbeansprucht werden."

Atemregulation und Meditation spielten erst für Kinder ab zehn Jahren eine Rolle, so Wissenschaftler Stück: "Vorher ist das Gehirn nicht ausreichend entwickelt, die Kinder können überhaupt nicht meditieren." Jüngere Kinder müssten ihren Atem gegenständlich "anfassen" können, einfach nur tief ein- und auszuatmen sei für die Kinder eine zu abstrakte, unlösbare Aufgabe. Ein Teddybär auf dem Bauch, der sich beim Luftholen auf und ab bewegt, könne helfen.



insgesamt 20 Beiträge
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schuppenflechte, 28.09.2010
1. Yoga - Joghurt - Juppieschmarrn
Zitat von sysopSchon die Jüngsten üben Entspannung im Lotussitz, singen Mantras auf Gurmukhi: In Deutschland ist Yoga für Kinder Trend. Doch wie sinnvoll ist das meditative Reck-dich-Streck-dich für die Kleinsten? Experten warnen, dass unsachgemäße Unterweisung ernste Gefahren birgt. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,719456,00.html
Purer Wohlstandsfirlefanz, meine Kinder spielen Fußball oder gehen ins Schwimmbad und hampeln da so lange mit ihren Freundinnen rum, bis sie vor Müdigkeit umfallen. Kinder sind Powerpakete, die brauchen Bewegung an der freien Luft, Sport und gleichaltrige Freunde, mit denen sie herumtoben können. Dann haben die auch keine ADHS-Syndrom, dieser Yoga-Unsinn ist mal wieder was für selbsternannte Wunderheiler-Gurus und es wird genug neureiche Yuppie-Eltern geben, die auf diesen Murks hereinfallen und viel Geld dafür bezahlen. Der nächste Modetrend ist dann wahrscheinlich Yoga für das Haustier. Ach, unser Bello ist immer so nervös, der braucht seine Omm-Übungen damit er beim Gassigehen nicht immer das Bein so hektisch hebt! Willkommen im Irrenhaus, Eintritt gratis, Kotztüten finden Sie in der Lehne des Vordersitzes.
hartmuth.ranske 28.09.2010
2. so demontieren sich »Autoren« selbst
zit: »singen Mantras auf Gurmukhi« http://de.wikipedia.org/wiki/Gurmukhi wie tief kann das niveau von sponautoren eigentlich noch sinken? recherche war gestern...
gloton7, 28.09.2010
3. Christliche Experten im Kampf
Zitat von sysopSchon die Jüngsten üben Entspannung im Lotussitz, singen Mantras auf Gurmukhi: In Deutschland ist Yoga für Kinder Trend. Doch wie sinnvoll ist das meditative Reck-dich-Streck-dich für die Kleinsten? Experten warnen, dass unsachgemäße Unterweisung ernste Gefahren birgt. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,719456,00.html
Was steckt hinter diesen "Experten"? Am deutschen Wesen soll die Welt genesen? Falls sie das unsachgemäße verhindern wollen, sollen sie doch einen Yoga-kurs machen und dann anbieten? Jeder soll sich sein Geld verdienen dürfen wie er kann und will. Wenn es keine staatlichen Restriktionen gibt, dann ist das so. Eltern sind ja meist auch schon über zwölf Jahre alt und können selber denken.
Orakel von Delphi 28.09.2010
4. Ohne Bewegung ruhig mit der Chips-Tüte auf dem Sofa
und bewegungslos Sponge Bob schauen, ist bestimmt "Experten"-unbedenklich. Ich kenne Kinder, die gehen aus eigenem Wunsch/Antrieb mit 4 Jahren zum Kung Fu ... *ganz böse*, die bewegen sich sogar und haben Spass dran, ich habe sogar schon Kinder schwitzen sehen ... ohne Spiel-Console.
e-ding 28.09.2010
5. ...
Naja, besser als Burger und PlayStation aber Krach, Spielplatz und eine Schramme in Knie find ich irgendwie sympathischer.
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