Künstler tragen Flüchtlingsleiche zu Grabe Die Protest-Beerdigung

"Die Toten kommen" - unter diesem Motto haben Künstler eine Frau aus Syrien in Berlin beerdigt, weitere Begräbnisse sollen folgen. Die Aktion soll die Abschottungspolitik der EU anprangern.

SPIEGEL ONLINE

Von Marius Münstermann, und  (Video)


Die Gräber auf dem muslimischen Teil des Friedhofs in Berlin-Gatow liegen in einem lichten Birkenhain. Hier, am Rande der Stadt, reihen sich die Gräber noch nicht so dicht gedrängt wie auf vielen anderen Friedhöfen Berlins. Am Morgen wurde der Platz dennoch eng: Dutzende Fotografen brachten sich im Halbkreis um ein frisch aufgeschüttetes Grab in Stellung und erwarteten den Beginn einer besonderen Trauerfeier.

Die Bestattung war der Auftakt der neuesten Aktion des Zentrums für Politische Schönheit. Unter dem Titel "Die Toten kommen" hatte das Künstlerkollektiv am Montag angekündigt: Menschen, die auf der Flucht nach Europa starben, sollen in Berlin bestattet werden, direkt bei ihren "bürokratischen Mördern", wie es auf der Website hieß.

Im vergangenen Herbst hatte die Gruppe Kreuze entwendet, die an die Toten des DDR-Grenzregimes erinnerten - eine Aktion, die scharf kritisiert wurde. Die Mauerkreuze seien an die Außengrenzen der EU gebracht worden, so die Aktivisten. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass es sich bei den Kreuzen, mit denen Flüchtlinge in Marokko oder der Türkei posierten, um Kopien handelte. Ihre Wirkung hatte die Aktion dennoch nicht verfehlt.

Wer nun dachte, bei der angekündigten Beerdigung handele es sich um eine besonders drastische PR-Aktion, musste sich von Stefan Pelzer, seines Zeichens "Eskalationsbeauftragter" des Kollektivs, eines Besseren belehren lassen. "Das hier ist kein Theater, sondern Realität", sagte Pelzer. "Die Realität ist grausamer, als es jedes Theaterstück sein könnte."

Beerdigung einer Syrerin in Berlin: Aktion des Zentrums für politische Schönheit
DPA

Beerdigung einer Syrerin in Berlin: Aktion des Zentrums für politische Schönheit

Zu Grabe getragen wurde eine Frau aus Syrien. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren vier Kindern war sie vor dem Krieg geflohen. Im März wagten sie schließlich von Libyen aus die Überfahrt nach Europa. Doch auf halben Weg zur italienischen Insel Lampedusa versagte der Motor des Bootes. Als ein Frachtschiff zur Hilfe nahte, kam es zu einer Tragödie, wie sie sich bei derartigen Vorfällen immer wieder ereignet: In Panik drängten alle Flüchtlinge auf eine Seite des Bootes, um sich an Bord des Frachters zu ziehen. Dadurch kippte das Boot, viele Flüchtlinge fielen ins Wasser. Der Vater und die drei ältesten Kinder konnten sich retten, doch die Mutter ertrank. Ihre Leiche wurde später aus dem Meer geborgen. Von dem jüngsten Kind, dem zweijährigen Raif, fehlt bis heute jede Spur. Für ihn wurde auf dem Friedhof von Gatow symbolisch ein zweiter weißer Sarg aufgebahrt.

Der Vater und die drei anderen Kindern seien inzwischen in Deutschland angekommen und hätten Asyl beantragt, so Philipp Ruch, der künstlerische Leiter des Zentrums für Politische Schönheit. Der Vater der syrischen Familie habe den Friedhof selbst ausgesucht, hätte aber nicht persönlich zur Beerdigung anreisen können. Schuld sei die Asylbehörde, die dem Mann die Reise nach Berlin mit Verweis auf die Residenzpflicht verweigert habe, so Ruch. Die Residenzpflicht bindet Flüchtlinge an den Landkreis, in dem ihr Asylantrag geprüft wird.

Massengräber und Leichen in Müllsäcken

Ruch erklärte, wie er und seine Mitstreiter an den Außengrenzen der EU recherchiert hatten. Vielerorts seien sie auf "menschenunwürdige" Begräbnisse gestoßen. Im griechischen Sidiro etwa seien die Leichen verstorbener Flüchtlinge in anonymen Massengräbern verscharrt worden. Auf Sizilien dokumentierten die Künstler mit Videoaufnahmen, wie Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrunken waren, in Müllsäcken übereinandergestapelt monatelang in Kühlkammern lagern.

Aktivist Ruch: "Wir werden sie empfangen"
Getty Images

Aktivist Ruch: "Wir werden sie empfangen"

Die Frau, die in Gatow bestattet wurde, ist in den Dokumenten der italienischen Behörden lediglich als "Unbekannte Tote Nummer 2" gelistet. Die Aktivisten vom Zentrum für Politische Schönheit identifizierten sie und kontaktierten ihre Angehörigen. "Man hätte herausfinden können, wer diese Frau ist, wenn man nur gewollt hätte", sagte Ruch. Mit dem Einverständnis der Angehörigen sei die Leiche nach Deutschland überführt worden. "Wir werden sie empfangen", so Ruch. "Die letzte Ruhe der Toten muss unsere politische Unruhe werden."

Die "Ehrentribüne" blieb leer

Für Innenminister Thomas de Maizière und weitere geladene Gäste aus Politik und Polizeibehörden hatten die Künstler vor dem Grab eine mit rotem Teppich bezogene "Ehrentribüne" aufgebaut. Im Hintergrund wehten die Flaggen der EU-Staaten im Wind. Wie zu erwarten, blieben die "Ehrenplätze" leer.

So richtete der Imam Mohammad Hajjir bei der Bestattung seine Rede an die etwa einhundert anwesenden Trauergäste. Mit Blick in das offene Grab sagte der Imam: "Sie ist im Meer ertrunken. Unsere Gesellschaft ertrinkt in Gleichgültigkeit und Rassismus."

In den kommenden Tagen will das Zentrum für Politische Schönheit weitere gestorbene Flüchtlinge in Berlin beerdigen. Es geht den Aktivisten nicht nur um eine würdevolle Ruhestätte für die Toten. Sie denken in großen Dimensionen und wollen Veränderungen in der europäischen Flüchtlingspolitik bewirken.

Für Sonntag kündigten die Künstler eine Demonstration im Regierungsviertel an. Anders als auf den Friedhöfen in Italien oder Griechenland sei auf der Wiese vor dem Bundestag noch ausreichend Platz. Darauf wollen die Künstler den Grundstein für "ein Friedhofsfeld der Superlative" mit dem Titel "Den unbekannten Einwanderern" legen. Der Sprecher der Berliner Polizei, Stefan Redlich, bestätigte die Anmeldung der Demonstration. "Die Errichtung von Friedhöfen ist nicht vom Versammlungsrecht gedeckt", so Redlich. Die Polizei werde jedoch abwarten, was die Künstler am Sonntag tatsächlich vorhätten.

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