Debatte um Zigeunersoße "Wir sind keine Wortpolizei"

Darf man in Deutschland noch "Zigeunersoße" sagen? Ein Sinti- und Roma-Verein aus Hannover forderte Lebensmittelhersteller dazu auf, das Produkt umzubenennen. Ob das wirklich sein muss, verrät Zentralrats-Vizechef Silvio Peritore im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Zigeunersoße in der Flasche: "Anstand und Respekt"
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Zigeunersoße in der Flasche: "Anstand und Respekt"


Hamburg - Aufregung an den deutschen Imbisstresen: Unter Beschuss steht die Zigeunersoße, unverzichtbare Zutat des gleichnamigen Schnitzels. Hersteller entsprechender Produkte wurden vom "Forum für Sinti und Roma" in Hannover per Brief dazu aufgefordert, sich einen neuen Namen für ihr Gericht auszudenken - Vorschläge lauteten etwa "Paprika-Soße" oder "Pikante Soße".

"Ich hoffe, dass die Konzerne ein Einsehen haben und ihre Produkte anders benennen", sagte der Vorsitzende des Vereins, Regardo Rose. Er fühle sich diskriminiert und beschimpft, wenn von Zigeunern die Rede sei. Die Hersteller dagegen verweisen auf die mehr als hundertjährige Tradition der Soßen und sehen in dem Namen keinen Rassismus. Dennoch wollen sie den Einwand nicht leichtfertig vom Tisch wischen. SPIEGEL ONLINE fragte bei Silvio Peritore nach, dem Vize-Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma.

SPIEGEL ONLINE: Herr Peritore, wie ist das - kann man sich an der Imbissbude noch guten Gewissens ein Zigeunerschnitzel bestellen?

Peritore: Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Wir wollen niemandem auferlegen, ob er ein schlechtes Gewissen haben muss oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Der Vorstoß zur Umbenennung der Zigeunersoße kam von einem Verein aus Hannover. Wie steht der Zentralrat der Sinti und Roma dazu?

Peritore: Wir sind keine Wortpolizei und wollen auch keine dogmatische Sprachregelung. Ich betrachte das Thema relativ gelassen: Das "Forum für Sinti und Roma" hat ja ein Recht darauf, empört zu sein und seine Meinung zu äußern. Uns geht es aber um etwas anderes - nämlich um einen kritischen und reflektierten Sprachgebrauch. Gerade die Medien haben da eine besondere Verantwortung. Das Thema sollte man nicht ins Lächerliche ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Im konkreten Fall geht es aber nun mal um eine Soße. Was bedeutet da reflektierter Sprachgebrauch für Sie?

Peritore: Fragen wir doch mal andersherum. Warum haben die Lebensmittelhersteller vor Jahren das Wort "Negerkuss" abgeschafft? Warum macht man da einen Unterschied?

SPIEGEL ONLINE: Was denken Sie?

Peritore: Das müsste man diese Leute fragen. Warum hatte man den Respekt gegenüber jenen, die als Neger stigmatisiert wurden - und bringt den gleichen Respekt nicht auf für jene, die als Zigeuner bezeichnet werden?

SPIEGEL ONLINE: Selbst bei jenen, die mit dem Begriff gemeint sind, gibt es aber verschiedene Ansichten über das Wort "Zigeuner". Nehmen ihn denn überhaupt sämtliche Sinti und Roma als diskriminierend wahr?

Peritore: Die allermeisten tun das. Es ist eine Frage des respektvollen Umgangs miteinander, dass man die Eigenbezeichnung einer Gruppe benutzt und ihnen keinen Fremdbegriff aufdrückt. Im Nationalsozialismus wurden diese Menschen als "Zigeuner" verfolgt, und bis heute bezeichnen Rechtsextreme und Rechtspopulisten sie so. Ich habe für jeden Verständnis, der Sorge hat, dass ihm mit dem Begriff Zigeuner die Identität geraubt oder verfälscht wird.

SPIEGEL ONLINE: Regelmäßig gibt es in Deutschland ähnliche Diskussionen - zuletzt ging es etwa um den Begriff "Negerlein" im Kinderbuch-Klassiker "Die kleine Hexe". Ist das nicht genau der reflektierte Sprachgebrauch, den Sie einfordern?

Peritore: Wenn man Kritikfähigkeit entwickelt, kann man diesen Umgang mit Sprache tatsächlich erreichen. Deshalb haben wir auch niemals ein Verbot der Bezeichnung "Zigeuner" gefordert. Das wäre widersinnig.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es bei Ihnen persönlich? Fühlen Sie sich auf den Fuß getreten, wenn Sie am Imbiss vorbeikommen und Zigeunerschnitzel ist im Angebot?

Peritore: Wissen Sie, ich könnte jetzt sagen: Ich bin kein Zigeuner. Ich bin deutscher Staatsbürger und habe einen kulturellen Hintergrund als Sinto. Aber es geht nicht um meine persönlichen Empfindungen.

SPIEGEL ONLINE: Was schätzen Sie, wie geht die Geschichte weiter? Werden wir in zehn Jahren peinlich betreten daran denken, dass man 2013 noch Zigeunersoße im Supermarkt kaufen konnte?

Peritore: Zwar werden meinem Volk seherische Fähigkeiten zugesprochen, aber ich kann da keine Vermutungen anstellen. Im Ernst: Ich wünsche mir, dass man sich um Dringenderes kümmert als um diese Frage. Solche Nebenschauplätze bringen niemandem etwas.

Das Interview führte Rainer Leurs



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 372 Beiträge
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Seite 1
rambleon 15.08.2013
1.
Ich könnte kotzen. Mehr fällt mir dazu wirklich nicht mehr ein. Jetzt hilft mir nur noch ein Zigeunerschnitzel und zum Nachtisch ein Negerkuss.
gesell7890 15.08.2013
2. dann trifft es sicher auch bald
johann strauss und seine operette "der zigeunerbaron". von 1885. geht natürlich gar nicht mehr.
paohlboerger 15.08.2013
3.
Zitat von sysopDPADarf man in Deutschland noch "Zigeunersoße" sagen? Ein Sinti- und Roma-Verein aus Hannover forderte Lebensmittelhersteller dazu auf, das Produkt umzubenennen. Ob das wirklich sein muss, verrät Zentralrats-Vizechef Silvio Peritore im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Zigeunersoßen-Streit: Interview mit Silvio Peritore - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/zigeunersossen-streit-interview-mit-silvio-peritore-a-916760.html)
Wann werden sich die Jäger fordern, den Namen "Jägerschnitzel" zu ändern?
Proggy 15.08.2013
4. Sprachregelungswahn
ich weiß nicht, ob "Sinti und Roma Schnitzel" die bessere Wahl für eine Speisenkarte wäre. Was machen wir mit Johann Strauss "Sinti und Roma Baron" - lässt sich doch verdammt schlecht singen!? Aber, wenn es schon "Herr Professorin" an der Uni Leipzig heißt...
tellerrand 15.08.2013
5.
Zitat von sysopDPADarf man in Deutschland noch "Zigeunersoße" sagen? Ein Sinti- und Roma-Verein aus Hannover forderte Lebensmittelhersteller dazu auf, das Produkt umzubenennen. Ob das wirklich sein muss, verrät Zentralrats-Vizechef Silvio Peritore im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Zigeunersoßen-Streit: Interview mit Silvio Peritore - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/zigeunersossen-streit-interview-mit-silvio-peritore-a-916760.html)
Dann bitte auch keine Hamburger, Berliner, Frankfurter, Nürnberger und Thüringer mehr!
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