Elterncouch

Elterncouch Soll ich mich einmischen, wenn eine Mutter austickt?

Allein mit Mamas Wut.
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Allein mit Mamas Wut.


Eine Mutter schikanierte in der U-Bahn ihren kleinen Sohn, und niemand sagte etwas. Auch ich mischte mich nicht ein - und weiß jetzt, warum das falsch war.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.

Ich sitze in der U-Bahn, beide Kinder sind rechtzeitig und vollständig bekleidet in der Kita angekommen - mein Tagwerk ist vollbracht. Jetzt nur noch zur Arbeit. Da steigt eine junge Frau mit ihrem etwa zweijährigen Sohn plus Buggy ein.

Es lässt nichts Gutes ahnen, dass sie ihn schon beim Einsteigen anraunzt: "Jetzt setz dich hier hin und halt die Klappe!" Dabei hat der Kleine gar nichts gesagt, zumindest nicht seit dem Einsteigen. Aber Mama hat heute offenbar einen schlechten Tag, einen sehr schlechten Tag. Der Kleine flüstert etwas, Mama reagiert sofort und schimpft: "Wenn du jetzt nicht still bist, geht es in den Buggy! Und dann bleibst du da!"

Eine Minute später ist es soweit, mit ein paar ruppigen Handgriffen verfrachtet Mama ihren Sohn in den Buggy, schnallt ihn an und schreit: "Und denk ja nicht, dass du heute irgendwelche Süßigkeiten bekommst. Keine Bonbons und auch keine Fanta!"

Die ältere Dame, die mir gegenübersitzt, macht ein bekümmertes Gesicht und denkt wohl, was jeder im U-Bahn-Waggon denkt: der Arme.

War der Kleine bis eben noch ein Satansbraten?

Aber der Kleine jammert nicht einmal. Ich frage mich: Ist er das schon gewohnt? Vor allem aber frage ich mich: Sollte ich jetzt aufstehen? Sollte ich Mama meine Meinung sagen und den Kleinen verteidigen? Es muss ja nicht gleich Fanta zum Frühstück sein. Aber vielleicht etwas weniger Gepöbel. Ich muss an eine Strophe aus diesem Lied denken:

Sind so kleine Ohren,
scharf, und ihr erlaubt.
Darf man nie zerbrüllen,
werden davon taub.

Aber was weiß ich und der Rest des U-Bahn-Waggons schon von dem Morgen der beiden? War der Kleine bis eben noch ein Satansbraten? Wurde Mama gerade ihr Job gekündigt? Oder gab es Streit mit Papa?

Ich bleibe sitzen und sage nichts.

Es kochte über, ich schrie die beiden an

Auch, weil ich an diesen einen Morgen denken muss: Wir waren spät dran. Das lag nicht nur an Frederik und Oliver. Ich war etwas zu spät aufgestanden, das Haferflocken-Frühstück der Jungs hatte etwas zu lang gedauert, genauso wie das Zähneputzen - und dann war noch die zweite geringelte Socke unauffindbar. Ich guckte auf die Uhr und mir wurde heiß. Kunststück, ich hatte ja auch schon meine Winterjacke an, im Gegensatz zu meinen beiden Bummelzügen, die sich noch mit ihren Schuhen abmühten.

Vor meinem inneren Auge sah ich, wie die U-Bahn gerade einfuhr, die Türen aufgingen, die Leute stiegen aus und andere ein. Tür zu, U-Bahn fährt los. Ohne uns. Mir wurde heißer. Gerade heute hatte ich einen Termin, ich durfte nicht zu spät kommen. Aber die eine U-Bahn, mit der wir es rechtzeitig zur Kita schaffen könnten und ich anschließend noch pünktlich zur Arbeit käme, würden wir verpassen. Dann blödelte Frederik auch noch mit seiner Pudelmütze rum. Und Oliver machte mit. In diesem Moment kochte es über: Ich schrie die beiden an. Was genau, weiß ich nicht mehr. Aber es war laut, es waren Wörter dabei, die wir Frederik und Oliver sofort verbieten würden. Es war furchtbar ungerecht. Und es tat mir schon in dem Moment leid, als Oliver mich mit seinen großen Augen anschaute, die sich langsam mit Tränen füllten, und Frederik plötzlich gar nichts mehr sagte.

Ich riss die Haustür auf, ließ die beiden stehen und atmete durch. Im Nachhinein weiß ich, was los war: Ich hatte mich vor allem über mich selbst geärgert. Dass ich zu spät dran war. Dass ich den Jungs nicht rechtzeitig geholfen hatte. Aber damals? Da war ich einfach wütend. Wie die Fanta-Mama in der U-Bahn.

Mit einer letzten grundlosen Tirade bugsiert sie den Buggy aus der Tür, es wird wieder still im U-Bahn-Waggon. Keiner hat etwas gesagt. Vielleicht, weil viele wie ich an die Momente denken mussten, in denen sie selbst vor ihren Kindern die Beherrschung verloren hatten. Vielleicht aus Fremdscham. Vielleicht aus Bequemlichkeit. Vielleicht, weil die Fanta-Mama diese eine Schwelle nicht überschritten hat: Sie hat geschrien und war grob - aber geschlagen hat sie ihr Kind nicht. Hätte ich trotzdem etwas sagen sollen?

Es ist nicht egal, wie wir einander behandeln

Das alles ist jetzt eine Woche her. Ich habe es meiner Frau Jana erzählt. Ich habe es Freunden erzählt. Ich schreibe jetzt diese Kolumne darüber. Die Fanta-Mama und ihr Sohn beschäftigen mich noch immer.

Im Grundgesetz steht in Artikel 6, zweiter Absatz: "Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft." Die staatliche Gemeinschaft. Also wir, der ganze U-Bahn-Waggon. Also auch ich. Und ob ich selbst schon einmal meine Kinder angeschrien habe, spielt in diesem Moment keine Rolle. Es geht ums Prinzip. Darum, dass es nicht egal ist, wie wir einander in einer Gemeinschaft behandeln. Nicht unter Erwachsenen und schon gar nicht gegenüber Kindern, die sich selbst nicht wehren können.

Was also tue ich bei der nächsten Fanta-Mama? Ich werde mich zwingen, aufzustehen und etwas zu sagen. "Hören Sie, der Kleine ist doch ganz brav, Sie brauchen doch nicht so zu schreien." Oder so ähnlich. Vielleicht wird mich Fanta-Mama dann auch anschreien. Oder sie wird mir erklären, was an dem Morgen schon alles passiert ist. Was sie so wütend gemacht hat.

Aber irgendetwas wird passieren und sie wird merken, dass es nicht egal ist, wie sie mit ihrem Kind umgeht. Und noch viel wichtiger: Der Junge wird wissen, dass es nicht normal ist, dass Erwachsene so mit ihren Kindern umgehen. Dass es nicht in Ordnung ist, wenn seine Mutter ihn so behandelt.

Sind so kleine Ohren.


Ein kleines Kind nervt - schreiten Sie ein? Machen Sie hier den Test in acht kritischen Situationen.


Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Jonas Ratz,
    Vater von Frederik (4) und Oliver (1 1/2)

    Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).

    Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone

    Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.

    Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de.

    Jonas Ratz eine E-Mail schreiben.

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112 Leserkommentare
midastouch 18.05.2017
wolfgangreusch 18.05.2017
hmueller0 18.05.2017
BiniBini 18.05.2017
chramb80 18.05.2017
hmueller0 18.05.2017
112211 18.05.2017
Der_zu_spät_geborene 18.05.2017
tgu 18.05.2017
alaba27 18.05.2017
Luqj 18.05.2017
etzt_rede_ich. 18.05.2017
j1958 18.05.2017
alextaiko 18.05.2017
123456789abc 18.05.2017
JacksonBlood 18.05.2017
almalexian 18.05.2017
mlehn 18.05.2017
ge1234 18.05.2017
joergimausi 18.05.2017
dosmundos 18.05.2017
pejoachim 18.05.2017
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zweitleben 18.05.2017
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Juro vom Koselbruch 18.05.2017
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Aurora vor dem Schilf 19.05.2017
780 19.05.2017
magdalena.hofmann8 19.05.2017
780 19.05.2017
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