Morddrohungen gegen Pfarrer "Sturm über Zorneding"

Ein Pfarrer verlässt seine oberbayerische Gemeinde, weil er die Morddrohungen rechter Hetzer nicht mehr aushält. Viele Bürger sind entsetzt über den Rassismus - nur eine CSU-Politikerin fällt aus der Reihe.

Von , Zorneding

Katholische Kirche von Zorneding
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Katholische Kirche von Zorneding


In der Zornedinger Kirche St. Martin liegt ein kleines Buch mit Bitten und Sorgen von Besuchern. Viele Einträge lassen erahnen, wie sehr die Menschen in der oberbayerischen Gemeinde nahe München die Arbeit von Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende schätzen. Er bedanke sich für die mitreißende Predigt, schrieb ein Gottesdienstbesucher. Ein anderer lobte Ndjimbi-Tshiende für seine Worte gegen Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung an Heiligabend: "Danke, dass Sie da sind!!"

Aber Ndjimbi-Tshiende ist bald weg. Und auch das hat mit Worten zu tun, mit sehr hässlichen und bedrohlichen noch dazu. Der 66-jährige Geistliche, der aus dem Kongo stammt und 2012 seine Arbeit in Zorneding aufgenommen hatte, verlässt in wenigen Wochen die Gemeinde. Er reagiert damit auf rassistische Beschimpfungen und Morddrohungen, die inzwischen ein Fall für die Polizei sind - und die Zorneding jetzt ein weiteres Mal binnen wenigen Monaten unangenehme Schlagzeilen bescheren.

Begonnen hatte alles im vergangenen Oktober, als die damalige Zornedinger CSU-Chefin Sylvia Boher im lokalen Parteiblatt geschrieben hatte, Bayern werde derzeit von Flüchtlingen "überrannt": "Das, was wir heute erleben, ist eine Invasion." In Deutschland würden viele Volksvertreter mehr Solidarität mit Flüchtlingen "als mit den eigenen Bürgern" zeigen.

Der Bürgermeister ist fassungslos

Ndjimbi-Tshiende übte damals deutlich Kritik an Boher. Die Situation eskalierte weiter, als Bohers damaliger Stellvertreter Johann Haindl eine deutliche Warnung gegen den Pfarrer aussprach: "Der (Pfarrer Ndjimbi-Tshiende - Anm. d. Red.) muss aufpassen, dass ihm der Brem (Altpfarrer von Zorneding - Anm. d. Red.) nicht mit dem nackerten Arsch ins Gesicht springt, unserem Neger."

Boher und Haindl traten in der Folge wegen des öffentlichen Drucks als lokale CSU-Vorsitzende zurück. Viele in Zorneding hofften damals, dass wieder Ruhe einkehren werde in die Gemeinde. Die verstörende Nachricht von den mehrfachen Morddrohungen gegen den Pfarrer sorgt nun für neues Entsetzen in Zorneding.

Es mache ihn fassungslos, was über den Pfarrer hereingebrochen sei, sagt Bürgermeister Piet Mayr (CSU) SPIEGEL ONLINE. "Das tut mir sehr weh." Er fürchte zudem, dass sich jetzt "ein Sturm über Zorneding" zusammenbraue, den die Gemeinde nicht verdient habe. Der 59-Jährige erzählt, dass er das Klima in Zorneding seit seinem Amtsantritt im Jahr 2008 stets als weltoffen und tolerant erlebt habe.

Tatsächlich kümmert sich in der Gemeinde mit rund 9000 Einwohnern ein engagierter Helferkreis um die rund 50 afrikanischen Flüchtlinge, die in Zorneding untergekommen sind. Rund 150 Helfer seien aktiv, sagt die Vereinsvorsitzende Angelika Burwick.

Olivier Ndjimbi-Tshiende
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Olivier Ndjimbi-Tshiende

Zuletzt gab es an der Grundschule ein zweitägiges Projekt mit Schülern und Flüchtlingen. Am Schluss hätten die Flüchtlinge gemeinsam mit Schülern und deren Eltern zusammen in der Schulküche gesessen. "Da geht einem das Herz auf", sagt Schulleiterin Angela Baldus. Die Resonanz der Eltern: sehr positiv. Es habe viel Lob gegeben, so Baldus. Lediglich ein Elternpaar der insgesamt 330 Schüler sei gegen das Projekt gewesen.

Sie könne sich nicht vorstellen, dass die Drohungen gegen Pfarrer Ndjimbi-Tshiende von Bürgern aus Zorneding stammen könnten, sagt Baldus. Sie selbst war einst Opfer von Schmähungen, als sie Ende 2014 einen Klassenraum für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zur Verfügung stellte. Bei ihr seien damals "richtige Hass-Parolen" in Form von Briefen und E-Mails aus dem ganzen Bundesgebiet gelandet.

Auch Bürgermeister Mayr hofft, dass kein Zornedinger für die Drohungen gegen den Pfarrer verantwortlich ist. An dem eigentlichen Problem würde dies natürlich nichts ändern: Dass Menschen so weit gehen, einen anderen zu bedrohen, weil er eine andere Hautfarbe hat.

Für Ndjimbi-Tshiende sei die Situation "sehr belastend gewesen", teilte das Erzbischöfliche Ordinariat München an diesem Montag mit. Der Pfarrer hoffe, dass die Menschen Verständnis für seine Entscheidung aufbringen würden. Er bitte auch um Verständnis, dass er sich in der Öffentlichkeit nicht weiter zu den Vorgängen äußern wolle.

"Das ist ein normaler Prozess"

Dagegen sah sich der CSU-Bezirksverband Oberbayern zu einer Erklärung veranlasst, weil die Partei angesichts der Vorgeschichte um Boher und Haindl offenbar fürchtet, in Mithaftung für die jüngste Eskalation in Zorneding genommen zu werden. Man bedauere den Rücktritt des Pfarrers und verurteile "die Umstände, die dazu geführt haben, auf das Schärfste". Man verwahre sich aber auch gegen Unterstellungen, die CSU stehe in irgendeiner Verbindung mit den Drohungen gegen den Pfarrer: "Einen solchen Zusammenhang herzustellen, ist böswillig."

Boher war damals zwar als lokale CSU-Chefin zurückgetreten, sitzt allerdings weiter im Bezirksvorstand Oberbayern und im Kreisvorstand Ebersberg ihrer Partei. Auch dem Gemeinderat gehört sie an.

Bürger wollen jetzt ein Zeichen gegen Rassismus setzen: Für Mittwoch ruft das Bündnis "Bunt statt Braun" zu einer Solidaritätskundgebung in Zorneding auf. "Wir wollen es nicht hinnehmen, dass in unserer Mitte Menschen durch Drohungen und Gewalt vertrieben werden", heißt es in dem Aufruf.

Es dürfte unwahrscheinlich sein, dass auch Sylvia Boher an der Veranstaltung teilnehmen wird. Den Wegzug von Ndjimbi-Tshiende scheint sie jedenfalls nicht weiter zu bedauern. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagte sie: "Im Leben gibt es immer Ankünfte und Gehen. Das ist ein normaler Prozess."

Zum Autor
Björn Hengst
Jeannette Corbeau

Björn Hengst ist Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in München.

  • E-Mail: Bjoern.Hengst@spiegel.de

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