Zugkatastrophe in Kanada: Das rätselhafte Inferno von Lac-Mégantic

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Apokalyptische Szenen im kanadischen Lac-Mégantic: Führerlos rast ein mit Tausenden Tonnen Öl beladener Güterzug einen Berg herunter und explodiert im Zentrum der Kleinstadt. Viele Stunden nach dem Unglück werden noch mehr als 80 Menschen vermisst.

Lac-Mégantic - Die Hölle brach gegen 1 Uhr morgens in Lac-Mégantic los. Die warme Sommernacht hatte viele, vor allem jüngere Bewohner in die Bars im Zentrum der 6000-Einwohner-Stadt im Südosten Kanadas gelockt. Auch im Musi-Café, einem beliebten Treffpunkt, fließt das Bier zu diesem Zeitpunkt in Strömen. Was dann passiert, beschreibt Bernard Théberge als "apokalyptische Szene". Der 44-Jährige sitzt auf der Terrasse des Cafés, als er ein lautes Rumpeln hört. Das ist nicht ungewöhnlich, schließlich führt die Zugstrecke direkt durch die Innenstadt. Doch aus dem Rumpeln wird ein ohrenbetäubendes Dröhnen, dann sieht Théberge den Feuerball. "Ich bin nur noch weggelaufen", sagte er der kanadischen Zeitung "The Star".

Noch immer sind die Flammen nach dem verheerenden Zugunglück in Lac-Mégantic nicht gelöscht. In der Nacht war dort unter rätselhaften Umständen ein führerloser Güterzug mit Tausenden Tonnen Öl an Bord entgleist und explodiert. Die kanadischen Behörden gehen von 72 Waggons mit jeweils 100 Tonnen Ladung aus. Bisher wurde ein Todesopfer geborgen, die Rettungskräfte erwarten jedoch, dass sich diese Zahl noch erhöhen wird.

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Zugunglück: Feuerball über kanadischer Kleinstadt
Die Schäden im Zentrum von Lac-Mégantic sind gewaltig. Der Großbrand als Folge der Detonation hat mindestens 30 Gebäude beschädigt oder komplett zerstört. Feuerwehrchef Denis Lauzon sagte dem kanadischen TV-Sender CTV: "Da sind viele Gebäude abgebrannt, Bäume - einfach alles. Es ist unvorstellbar." Der Polizeibeamte Gregory Gomez del Prado äußerte sich so zur Situation vor Ort: "Worte können nicht beschreiben, wie schwer die Schäden sind. Viele, viele Gebäude sind kaputt. Das ist eine Katastrophe für die Stadt aber auch für die ganze Provinz."

Extreme Temperaturen durch die vielen Brandherde machen den Sicherheitskräften die Suche nach den Vermissten auch Stunden nach dem Unglück noch schwer. Rund 80 Menschen sind derzeit nicht auffindbar, die Rettungsmannschaften haben einen Krisenstab eingerichtet.

Für die hohe Zahl an Vermissten gibt es mehrere Erklärungen:

  • Wegen der vielen Feuer in Privathäusern und der Uhrzeit des Unglücks könnten tatsächlich zahlreiche weitere Menschen ums Leben gekommen sein. Bisher konnten Suchmannschaften aber noch längst nicht in alle Brandorte vordringen.

  • Zahlreiche Personen dürften von verschiedenen Angehörigen als vermisst gemeldet worden sein und daher mehrfach in der provisorischen Statistik auftauchen.

  • Bisher gelten zudem Menschen als vermisst, die sich auf besorgte Anrufe von Angehörigen nicht gemeldet haben. Die Behörden gehen aber davon aus, dass zumindest ein Teil von ihnen zum Unglückszeitpunkt gar nicht zu Hause gewesen sein könnte.

Unklar bleibt, wie es überhaupt zu dem Unglück kommen konnte. Nach bisherigem Stand der Ermittlungen hatte der Zugführer Lok und Waggons wegen seines Schichtwechsels vor 1 Uhr nachts in Nantes abgestellt. Der Ort liegt zwölf Kilometer entfernt in nordwestlicher Richtung.

"Er hat den Zug geparkt. Soweit wir das bisher feststellen können, lief alles vorschriftsmäßig", sagte Edward Burkhardt, Geschäftsführer der Montreal Maine & Atlantic Railway, die die Strecke und auch den Unglückszug betreibt. Mehrere Sicherheitssysteme hätten einen solchen Vorfall eigentlich verhindern müssen. Trotzdem lösten sich die Bremsen und der Zug rollte führerlos in Richtung Lac-Mégantic.

Der Lokführer befand sich zum Zeitpunkt des Unglücks in einem Hotel. Nach dem Schichtwechsel hatte er seinen Arbeitstag beendet und auf Ablösung gewartet.

"Wir sind ratlos. Wie konnte das passieren? Der Zugführer hat alles nach Lehrbuch gemacht. Was da passiert ist, ist uns völlig unerklärlich", sagte Joseph McGonigle, ein weiterer Vertreter des Schienenbetreibers der Zeitung "The Star".

Hinweise erhoffen sich die Ermittler nun zum einen von Augenzeugen und Handy-Videos des Vorfalls. Die wichtigste Quelle bei der Ursachensuche dürfe aber die Blackbox des Zuges sein. Noch ist der elektronische Fahrtenschreiber nicht geborgen. Die Polizei bereitet offenbar auch eine strafrechtliche Untersuchung des Vorfalls vor.

Ein weiterer Hinweis gibt Rätsel auf. Wie "The Star" berichtet, empfing die Feuerwehr in Nantes - dem Ort in dem der Zug geparkt war - vor Mitternacht einen Notruf. Dabei soll es um eine brennende Lokomotive gegangen sein. Die genauen Umstände sind aber noch offen. Am Mittag machte eine neue Theorie die Runde. Demnach sei der Zug ohne Lok in Richtung Lac-Mégantic gerast. Wie die Wagen abgekoppelt und in Fahrt geraten sind, bleibt unklar.

Während die Ermittler langsam ihre Arbeit aufnehmen, gehen in der Stadt die Rettungsarbeiten weiter. Auch aus dem US-Bundesstaat Maine sind Feuerwehrleute angereist, um ihre kanadischen Kollegen zu unterstützen. Die ersten Politiker sind ebenfalls an den Unglücksort geeilt. So auch Wirtschaftsminister Christian Paradis: "So etwas wie hier sieht man sonst nur in Hollywood-Filmen. Es ist einfach schrecklich."

jok

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