Zugkatastrophe in Kanada Bislang fünf Tote in Unglücksort geborgen

Auch 32 Stunden nach dem verheerenden Zugunglück im kanadischen Lac-Mégantic brennen einzelne Waggons noch. Die Polizei bestätigte, insgesamt fünf Leichen geborgen zu haben - Tendenz steigend. Derweil zeichnen sich erste politische Konsequenzen aus der Katastrophe ab.

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Lac-Mégantic - Als "Tatort" behandelt die örtliche Polizei die riesige Unglückstelle in Lac-Mégantic mittlerweile. In der ostkanadischen Kleinstadt war am frühen Samstagmorgen (Ortszeit) ein führerloser Zug mit 73 Kesselwagen voller Rohöl in das 6000-Einwohner-Städtchen gerast und zum Teil explodiert. Zunächst konnte nur ein Toter geborgen werden, nun bestätigte die Polizei der Provinz Quebec, dass vier weitere Leichen gefunden wurden. Zu den Todesumständen machte sie mit Verweis auf die kriminaltechnischen Untersuchungen keine genaueren Angaben.

"Und wir müssen leider sagen, dass wir mit noch mehr Toten rechnen müssen", sagte ein Polizeisprecher. "Das Unglück war verheerend und hat den Ort schwer getroffen. Wir müssen uns auf weitere schlechte Nachrichten gefasst machen." Noch immer gebe es Dutzende Vermisste. Das könne aber nicht gleich in Opfer umgerechnet werden. "Viele mögen im Urlaub oder über das Wochenende weggefahren sein. Wir sind dankbar, dass einige, die nicht zu Hause waren, sich von selbst bei uns melden und wir sie von der Liste nehmen können."

Dutzende Menschen wurden verletzt. Etwa 40 Gebäude wurden massiv beschädigt, von manchen blieben nicht einmal die Grundmauern übrig. Gut 2000 Menschen, mehr als ein Drittel der Einwohner, mussten ihre Häuser verlassen. Mehrere hundert sind obdachlos. Die meisten kamen bei Freunden oder Verwandten unter, andere beim Roten Kreuz. "Es ist ein kleiner Ort, und wir sehen eine Menge Solidarität", sagte Myriam Marotte vom Roten Kreuz dem kanadischen Fernsehsender CBC.

"Als würde mein Haar wegbrennen"

"Das Stadtzentrum ist zerstört", konstatierte die Premierministerin der betroffenen Provinz Quebec, Pauline Marois. Rund 150 Feuerwehrleute waren im Einsatz, darunter einige aus dem nahe gelegenen US-Bundesstaat Maine. Noch am Sonntag wollte Kanadas Premierminister Stephen Harper das Städtchen besuchen.

Derweil häufen sich die Berichte von Anwohnern, die dem Unglück nur knapp entkommen konnten. "Ich schlief, als es passierte", sagte René Bolduc gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. "Es gab einen Knall, und das Innere meines Hauses wurde in das Rot der Flammen getaucht." Bolduc erzählte, er habe gesehen, wie sich die Flammen über flüchtende Menschen getürmt hätten. "Es fühlte sich an, als würde das Haar auf meinen Armen und im Gesicht wegbrennen."

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Lac-Mégantic: Noch immer Rauch über der Kleinstadt
Ein Rätsel ist nach wie vor die Unglücksursache. Den kanadischen Behörden zufolge bestand der Tankzug aus fünf Lokomotiven und 73 mit je 100 Tonnen Öl beladenen Waggons, von denen später mindestens fünf explodierten. Laut dem Bahnunternehmen Montreal, Maine & Atlantic hatte der Zug zunächst wegen eines Personalwechsels im 13 Kilometer entfernten Nachbarort Nantes gehalten. Der Lokführer habe den Zug abgestellt und Bremsen und Ladung kontrolliert, bevor er sich in einem Hotel schlafen legte. Dennoch sei der Zug dann plötzlich ohne Lokführer die abschüssigen Gleise hinunter nach Lac-Mégantic gerollt, das rund 250 Kilometer östlich der Metropole Montréal liegt.

Die Entgleisungen häuften sich zuletzt

Zeugen berichteten später von mindestens sechs Explosionen und einem riesigen Feuerball über der Ortschaft, wo der führerlose Zug schließlich entgleiste. Der Chef der Feuerwehr Denis Lauzon sagte der kanadischen Zeitung "The Star", dass drei der fünf brennenden Waggons mittlerweile hätten gelöscht werden können. Zwei würden aber auch noch 32 Stunden nach dem eigentlichen Unglück weiterbrennen. Medienberichten zufolge soll noch immer weißer Dampf auf dem abgesperrten Stadtzentrum aufsteigen.

Während die Bergungsarbeiten weitergehen, zeichnet sich bereits ab, dass das Unglück in der frankokanadischen Provinz Québec auch Folgen im Nachbarland USA haben könnte. Die Zahl der transnationalen Rohöltransporte mit dem Zug ist in letzter Zeit deutlich angestiegen, da immer mehr Öl im Westen Nordamerikas, etwa der kanadischen Provinz Alberta oder dem US-Bundesstaat North Dakota, gefördert und quer durch den Kontinent transportiert wird. Die Montreal, Maine & Atlantic Railway transportiert zum Beispiel jährlich fast drei Millionen Barrel Öl durch Maine.

Bei ähnlichen Transporten war es zuletzt zu einigen schwerwiegenden Entgleisungen gekommen. Im Juni gab in Calgary, Alberta, eine flutgeschädigte Brücke unter dem Gewicht eines Öltransports nach, der Zug sackte in den darunter fließenden Fluss. Die Waggons konnten jedoch ohne Lecks geborgen werden.

Nach dem Unglück in Lac-Mégantic ist nun auch bekannt geworden, dass im angrenzenden US-Bundesstaat Maine Umweltaktivisten und Beamte schon früh Besorgnis geäußert hatten, dass es beim Zugtransport von Rohöl zu Unfällen oder Lecks kommen könnte. Vor kurzem erst hatte die Sprecherin der Umweltschutzbehörde von Maine bekannt gegeben, dass ihre Behörde an Plänen arbeite, um die Gegenden, durch die die Transporte führen, besser zu schützen. Ähnliche Initiativen dürften durch die Katastrophe dieses Wochenendes nun Auftrieb erfahren.

hpi/dpa/Reuters/AP



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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
bortroc 07.07.2013
1. Das Problem
Zitat von sysopREUTERSAuch 32 Stunden nach dem verheerenden Zugunglück im kanadischen Lac-Mégantic brennen einzelne Waggons noch. Die Polizei bestätigte, insgesamt fünf Leichen geborgen zu haben - Tendenz steigend. Derweil zeichnen sich erste politische Konsequenzen aus der Katastrophe ab. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/zugunglueck-in-lac-megantic-polizei-bestaetigt-3-todesopfer-a-909891.html
Das Problem ist, das es bei den meisten Zügen, auch bei Gefahrstoffen, keinen sog. "Totmannknopf" gibt. Wird dieser nicht dauerhaft oder auch intervallweise manuell betätigt, bremst der Zug vollautomatisch ab. Würde dieser endlich zum weltweiten Standard gäbe es wesentlich weniger Zugunglücke.
Blackzxr 07.07.2013
2. Totmannknopf...
heißt glaub ich " Indusi"...man hätte auch mit einem Kasperl (Bremsschuh) absichern können...
Ragnarrök 07.07.2013
3.
Zitat von bortrocDas Problem ist, das es bei den meisten Zügen, auch bei Gefahrstoffen, keinen sog. "Totmannknopf" gibt. Wird dieser nicht dauerhaft oder auch intervallweise manuell betätigt, bremst der Zug vollautomatisch ab. Würde dieser endlich zum weltweiten Standard gäbe es wesentlich weniger Zugunglücke.
Ja, ne is klar, der Experte hat gesprochen. http://de.wikipedia.org/wiki/Sicherheitsfahrschaltung Zum Thema: ich frage mich ob es in Knanda auch üblich ist in bestimmten Betriebssituationen einen bzw. mehrere Hemmschuhe vor die Räder zu legen. Möglich wäre auch ein Anschlag, da ja angeblich der Lokführer ordnungsgemäss gehandelt hat. Immerhin gibt es eine Blackbox. Bald werden wir mehr wissen.
garoon 07.07.2013
4. Alles was man sich vorstellen kann, passiert auch...
wie immer sehr pietätvoll, bringt Pro7 derzeit den Tony Scott Film "Unstoppable". Fiction wird immer irgendwie von der Wahrheit eingeholt...
Ragnarrök 07.07.2013
5. Grrr
Zitat von RagnarrökJa, ne is klar, der Experte hat gesprochen. http://de.wikipedia.org/wiki/Sicherheitsfahrschaltung Zum Thema: ich frage mich ob es in Knanda auch üblich ist in bestimmten Betriebssituationen einen bzw. mehrere Hemmschuhe vor die Räder zu legen. Möglich wäre auch ein Anschlag, da ja angeblich der Lokführer ordnungsgemäss gehandelt hat. Immerhin gibt es eine Blackbox. Bald werden wir mehr wissen.
Peinlich. Auch nicht so ganz richtig. Hemmschuhe werden vor allem beim Rangierbetrieb am Ablaufberg benutzt und vllt. bei kurzem abstellen. Bei richtig abgestellten Waggons, Loks, Arbeitsgeräten (z. B. Stopfmaschinen wird scheinbar ein Radvorleger verwandt. Radvorleger (http://de.wikipedia.org/wiki/Radvorleger) Sollte auch in Kanada Vorschrift sein, gerade an Gefällstrecken. Warten wir es ab. Nochmal zum ersten Beitrag. Es wäre außerdem unlogisch nur bestimmte Loks mit Sifa (o. ä.) auszurüsten. Man bekäme ein Logistikproblem bzw. eine Menge Leerfahrten und gerade das ist Kanada weniger toll. ;-)
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