Zugunglück in Peine Die Lok im Vorgarten

Die Schienen sind zerstört, der Streckenabschnitt ist eine Trümmerlandschaft: Nach dem Unfall zweier Züge stehen Anwohner im niedersächsischen Peine unter Schock. "Ich habe gedacht, es ist ein Gewitter", beschreibt eine Hausbesitzerin das Geschehen. Dann schoben sich Waggons in die Vorgärten.

dpa

Peine/Hannover - Nach dem Zusammenstoß zweier Züge im niedersächsischen Peine gehen die Aufräumarbeiten nur langsam voran. Ein Bahnsprecher sagte, dass die Räumung der Unfallstelle und die Reparatur von Gleisen und Oberleitung voraussichtlich bis nächsten Dienstag dauern werde. Auch in den Gärten der Anwohner herrscht Chaos.

Die Lok und zwei Waggons des doppelstöckigen Personenzuges waren bei dem Unfall vom Bahndamm gestürzt, hatten einen Zaun durchbrochen und landeten in dem Vorgarten eines Mehrfamilienhauses. Die Bewohner des Hauses wussten zunächst nicht, was das Rauschen und Quietschen zu bedeuten hatte: "Ich habe erst gedacht, es ist ein Gewitter", sagte Anwohnerin Michaela Schneider.

Auch ihre Nachbarin erlebte das Unglück mit: "Das ganze Haus hat gewackelt, das kann man sich nicht vorstellen", sagt Nadine Brandtner. Am schlimmsten seien die Hilfeschreie gewesen. Die 30-Jährige alarmierte die Feuerwehr, ihr Neffe versuchte mit einem Hammer, von außen die Scheiben des Zuges einzuschlagen, um die Passagiere zu befreien.

Die dicht am Bahndamm liegenden Gärten der Bewohner sind zerstört: Ein kleines Holzhaus der Kinder wurde überrollt, Glasscherben sind in einem kleinen Swimmingpool gelandet. Im Garten der Familie Schneider liegt immer noch der große rote Zug.

Ein Schaden in Millionenhöhe

Am Donnerstagnachmittag sollen Kräne damit beginnen, die insgesamt acht entgleisten und zerstörten Waggons und die umgestürzte Lok zu bergen. Das teilte die Bundespolizei mit. Die Aufräumarbeiten bereiten den Arbeitern aber Probleme, besonders die Wagen im Vorgarten sind nach Angaben der Bundespolizei schwer zu bergen.

Auch das Gewicht des Güterzugs erschwert die Arbeiten: Sechs mit Kies beladene Waggons entgleisten, der Zug bestand aus 49 Wagen mit einem Gesamtgewicht von rund 2000 Tonnen. Auch die Gleise wurden bei dem Unfall in der Nacht zu Donnerstag nach Angaben eines Polizeisprechers stark beschädigt.

Die genaue Ursache des Unfalls ist noch nicht geklärt, der Geschäftsführer der Mittelweserbahn, Hans-Peter Kempf, sagte, dass es entweder einen technischen Defekt am Gleis oder an einem der Waggons gegeben habe. Ein Hindernis auf den Schienen könne ausgeschlossen werden, da der vordere Zugteil die Unfallstelle problemlos passiert habe. Ein Sprecher der Bundespolizei bestätigte, dass von einer "technischen Unfallursache" auszugehen sei. Nach Angaben der Bahn entstand ein Schaden in Millionenhöhe.

Am späten Mittwochabend war ein Regionalexpress mit einem Kieszug der Mittelweserbahn kollidiert, 15 Reisende wurden leicht und der Lokführer des Personenzuges schwer verletzt. Nachdem die Kieswaggons aus den Schienen gesprungen waren, blockierten sie das zweite Gleis der Strecke, auf dem der Regionalexpress in die umgestürzten Wagen fuhr.

Zwei weitere Zugunglücke

Bahnfahrer spüren die Folgen der Kollision noch mehrere Tage: Die Strecke Hannover-Braunschweig wurde nach dem Unfall zwischen Peine und Hämelerwald in beiden Richtungen gesperrt. Die Bahn richtete einen Ersatzverkehr mit Bussen ein, die Fahrtzeit könne sich dadurch um 40 bis 60 Minuten verlängern, teilte ein Bahnsprecher mit. Der Intercity-Verkehr zwischen Hannover und Magdeburg werde über Wolfsburg umgeleitet. Bahnreisende müssen in den nächsten Tagen noch mit starken Beeinträchtigungen und längeren Reisezeiten rechnen.

Auch in Österreich kam es am Mittwoch zu einem schweren Zugunglück: In Vorarlberg ist ein Güterzug entgleist. Er hatte mehr als hundert Autos geladen, die sich in der Umgebung verteilten und stark beschädigt wurden, als der Zug in einer Kurve umkippte. Außer dem Lokführer wurde niemand verletzt.

Ein weiterer Unfall am Donnerstag endete hingegen tödlich: Bei dem Zusammenstoß eines Autos mit einem Personenzug bei Meldorf in Schleswig-Holstein kam der Fahrer des Wagens ums Leben. Die 58 Reisenden blieben unverletzt, der Lokführer erlitt nach Angaben der Bundespolizeiinspektion Flensburg einen Schock. Warum der Autofahrer an einem Bahnübergang mit dem Zug der Nord-Ostsee-Bahn kollidierte, ist noch unklar.

tro/dpa/apn/ddp



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