Zugunglück in Polen: Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen  Fahrdienstleiter

Bei einem der schwersten Zugunglücke in Polen kamen 16 Menschen ums Leben, Dutzende wurden verletzt. Die Ursachen für den Frontalzusammenstoß sind noch immer unklar. Jetzt nahm die Staatsanwaltschaft zwei Fahrdienstleiter der Bahn zur Befragung in Gewahrsam. Einer von ihnen soll angeklagt werden.

Zugunglück in Polen: "Schlimmste Katastrophe seit Jahren" Fotos
DPA

Warschau - Nach dem tödlichen Zugunglück in Polen plant die Staatsanwaltschaft, einen Bahnmitarbeiter anzuklagen. Der Mann werde beschuldigt, versehentlich die Frontalzusammenstoß nahe Zawiercie verursacht zu haben, sagte der mit den Ermittlungen betraute Staatsanwalt Tomasz Ozimek.

Am Montag waren die beiden zum Unglückszeitpunkt verantwortlichen Fahrdienstleiter in Gewahrsam genommen worden. Die beiden Bahnmitarbeiter hatten an der Unfallstrecke zwischen Warschau und Krakau Dienst. Von dort aus sollten sie den Zugverkehr koordinieren, hieß es. Der beschuldigte Bahnmitarbeiter habe einen der Züge auf das falsche Gleis gelassen, sagte Ozmiek.

Er habe dem Mann die formelle Anklage noch nicht übergeben, da er in eine psychiatrische Klinik zur Behandlung gebracht worden sei, so der Staatsanwalt weiter. Der Mann stehe unter Schock und sein Zustand habe keine Befragung erlaubt, fügte der Staatsanwalt hinzu. Sollte er für schuldig befunden werden, drohen ihm bis zu acht Jahre Haft.

Der polnische Fernsehsender TVN 24 berichtete, der Mann habe angeblich versucht, Aufzeichnungen über den Unfallhergang zu fälschen, um Fehler zu vertuschen. Eine offizielle Bestätigung gab es nicht.

Bei dem Frontalzusammenstoß zweier Züge in der Nähe von Szczekociny wurden mehr als 50 Menschen verletzt. Warum beide Bahnen auf demselben Gleis fuhren, war noch unklar. Zum Zeitpunkt der Kollision soll keiner der beiden Fahrdienstleiter betrunken gewesen sein. Dies schlossen die Ermittler ausdrücklich aus.

Offiziellen Angaben zufolge sind inzwischen 15 der bislang 16 Todesopfer identifiziert. Unter ihnen seien eine US-Bürgerin sowie eine Russin. Hinweise auf deutsche Fahrgäste lagen nicht vor. 49 Verletzte würden noch in Krankenhäusern behandelt, hieß es.

Am Unglücksort nördlich von Krakau setzten die Einsatzkräfte die Suche nach möglichen weiteren Opfern fort. Außerdem untersuchten Vertreter der Staatsanwaltschaft und Eisenbahnexperten das Gelände und das Wrack. Die zerstörten Waggons wurden am Montag von den Gleisen geräumt. Die Strecke soll möglicherweise am Dienstag wieder für den Verkehr freigegeben werden.

"Polnische Mentalität des Durchwurstelns"

Nach dem verheerenden Unglück wird landesweit heftige Kritik laut: "Wir brauchen keine billige Bahn, wir brauchen eine sichere Bahn", empörte sich ein Abgeordneter der oppositionellen Sozialisten, Ryszard Kalisz. Die Ursachenforschung dürfe sich keinesfalls auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft beschränken, forderte Kalisz. Eugeniusz Klopotek von der regierenden Bauernpartei PSL sprach von einer "polnischen Mentalität des Durchwurstelns. Wir denken immer: Irgendwie wird es schon gutgehen. Damit muss endlich Schluss sein."

Die polnische Staatsbahn PKP ist chronisch unterfinanziert, die Infrastruktur marode. So dauert eine reguläre Fahrt von Warschau ins 300 Kilometer entfernte Danzig noch heute etwa sieben Stunden - fast so lange wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Die polnische Bahn beschäftigt rund 40 Prozent mehr Menschen als die Deutsche Bahn, die ein doppelt so langes Schienennetz betreibt. Die Preise werden künstlich niedrig gehalten, der Schuldenberg ist auf umgerechnet 1,5 Milliarden Euro angestiegen.

Zwar verordnete Ministerpräsident Donald Tusk der PKP nach seinem Amtsantritt 2007 ein Modernisierungs- und Privatisierungsprogramm. In der Folge gründete die PKP-Tochtergesellschaft Intercity AG eine eigene Billiglinie, die besonders preiswerte Fahrkarten anbietet. Einer der beiden Unglückszüge vom Samstag war ein solcher Billigzug.

Die Tragödie trifft Polen mitten in den Vorbereitungen zur Fußball-Europameisterschaft, die in drei Monaten beginnt. Die Regierung versicherte den Fußballfans, dass Polens Züge trotz dieses Unfalls sicher seien.

Präsident Bronislaw Komorowski verkündete eine zweitägige Staatstrauer. Die Fahnen an öffentlichen Gebäuden wehten auf halbmast, alle Sport- und Kulturveranstaltungen wurden bis Dienstag abgesagt.

ala/dapd/dpa/AP

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