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16. Juli 2010, 18:36 Uhr

Zurückgetretene Bischöfin Jepsen

Glaube, Triebe, Vergessen

Ein Kommentar von und Ralf Hoppe

"Ohne Ehrlichkeit hätte ich meinen Dienst nicht tun können", sagt die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen - und tritt nach dem Missbrauchsskandal der Evangelischen Kirche zurück. Es ist ein Schritt, der Hochachtung verdient, aber auch längst überfällig war.

Eine Konferenz vor elf Jahren, in der Hansestadt Lübeck, es geht um sexuelle Gewalt zwischen Männern und Frauen, und die Bischöfin Maria Jepsen ist die Schirmherrin und spricht das Grußwort. Sie ist eine Vertreterin des feministischen Flügels in der Evangelischen Kirche Deutschland - sexuelle Gewalt ist ein Thema, das ihr daher besonders nahegeht oder nahegehen sollte.

Nach ihrer Ansprache schreitet die Bischöfin Jepsen durch den Mittelgang Richtung Ausgang, und plötzlich steht eine junge, blonde Frau vor ihr, tritt ihr in den Weg. Die junge Frau hat nämlich eine Schwester, und diese Schwester wurde offenbar jahrelang missbraucht, als Minderjährige, von einem Pastor aus Ahrensburg bei Hamburg - im Sprengel der Bischöfin, ihrem Amtsbereich.

Die junge, blonde Frau steht also vor Jepsen, und sinngemäß sagt sie zu ihr: Frau Bischöfin, in Ahrensburg missbraucht Pastor K. Kinder und Jugendliche sexuell.

Was wäre die angemessene Reaktion einer feministischen Bischöfin auf diese Information? Frau Jepsen sagt nicht: WAS sagen Sie da? Das müssen Sie mir bitte alles ganz genau erzählen! Frau Jepsen fährt nicht gleich am nächsten Tag nach Ahrensburg und spricht mit allen, derer sie habhaft werden kann, über das Thema. Frau Jepsen setzt nicht alle Hebel in Bewegung, um herauszufinden, was es mit diesem Missbrauchsvorwurf auf sich hat.

Nein, sie sagt wohl bloß, sie werde sich darum kümmern, und dann ist sie auch schon verschwunden.

So jedenfalls stellt es jene blonde Frau dar, die sich an solche Einzelheiten immer noch erinnern kann. Für die Bischöfin aber war dieser Hinweis offensichtlich weniger bedeutsam: Bis heute kann Jepsen sich auf jene Situation nicht besinnen, wie sie sagt.

Kaum zu glauben

Spätestens an diesem Freitag aber muss Jepsen klargeworden sein, dass ihre Vergesslichkeit kaum zu glauben ist, und dass damit auch ihre Glaubwürdigkeit als Bischöfin angeschlagen war. Jepsen hat die Konsequenzen gezogen. Ihr Rücktritt ist respektabel, doch das ändert nichts daran, dass er überfällig war.

Denn selbst wenn sie 1999 nichts erfahren hätte von den erschreckenden Vorwürfen und Vorgängen in der Ahrensburger Gemeinde, so hat sie doch versagt im Krisenmanagement, seit März dieses Jahres. Zwar ist die Bischöfin nicht die direkte Dienst- und Disziplinarvorgesetzte eines Pfarrers; diese Aufgabe haben das Kirchenamt und die örtliche Pröpstin. Aber die Bischöfin ist die moralische Instanz ihrer Landeskirche. Sie ist verantwortlich für das Bild dieser Kirche.

Zweimal nicht nachgehakt

Schon 1999 hätte sie mehr wissen können, als sie möglicherweise wissen wollte. Denn Jepsen hat damals gleich zweimal nicht nachgehakt: nicht bei der jungen Frau, auf der Konferenz in Lübeck, und auch nicht bei der zuständigen Ahrensburger Pröpstin, Heide Emse, der direkten Vorgesetzten jenes Pastoren.

Emse hatte die Bischöfin laut eigener Aussage ebenfalls informiert. Ein Pastor müsse aus der Gemeinde herausgenommen werden, Begründung: sexuelle Übergriffe. Die Vorwürfe seien glaubwürdig, manche könne sie allerdings nicht verifizieren. Wie heute bekannt ist, war der Hintergrund dieser Vorwürfe sexueller Missbrauch minderjährigen Jungen.

Und was macht die Bischöfin?

Sie fragt nicht nach, warum genau der Pfarrer aus der Gemeine genommen werden muss? Und welche Vorwürfe sich da nicht verifizieren ließen?

Sie setzt nicht alle Hebel in Bewegung, um diese Vorwürfe rückhaltlos aufzuklären.

Einmal, so ist belegt, bringt Jepsen bei einer Runde von Bischöfen und hohen Kirchenbeamten, die Vorgänge zur Sprache. Und sie lässt sich damit abspeisen, dass "den Anwesenden darüber nichts Näheres bekannt ist". So steht es im Protokoll dieser Sitzung. Und dann geht man auch schon über zum nächsten Tagesordnungspunkt. Das Image der Evangelischen Kirche bleibt intakt, die Seele der Opfer nicht.

Eine zweite Chance

Im März dieses Jahres aber bekam die Bischöfin eine zweite Chance: Sie erhielt einen Brief, ausführlich, mit allen Vorwürfen, unmissverständlich. Und diesmal konnte es keinen Zweifel geben, wie wichtig dieses Thema in der Gesellschaft war - die Skandale in der Katholischen Kirche brachten diese gerade enorm in Bedrängnis.

Im Mai machte Jepsens Kirche das Thema öffentlich, zu einem Zeitpunkt, als klar war, dass die Opfer - denn nun gab es mehrere - nicht mehr schweigen würden. Spätestens jetzt hätte Bischöfin Jepsen ihre Rolle begreifen, das Thema besetzen müssen. Sie hätte mit den Opfern reden, öffentliche Diskussionen initiieren müssen, sie hätte ihre Kirche führen müssen. Nichts davon geschah.

Nur zur Einweihung einer Wildblumenwiese auf dem Friedhof von Ahrensburg ließ sich Jepsen blicken, und nur am Rande erwähnte sie den größten Missbrauchsskandal in der Evangelischen Kirche - mitten in ihrem Amtsbereich. Und als der SPIEGEL mit ihr über die Vorwürfe sprechen wollte, verweigerte sie zunächst ein Gespräch, dann setzte sie 45 Minuten dafür an - für das wichtigste Thema ihrer Amtszeit.

Nachdem der SPIEGEL an diesem Montag Hinweise veröffentlicht hatte, wonach Jepsen schon 1999 hätte genügend wissen können, beharrte sie darauf, nicht schriftlich und vollständig von ihrer Pröpstin ins Bild gesetzt worden zu sein. Doch am Donnerstag folgte eine eidesstattliche Versicherung jener jungen Frau. Vielleicht wurde ihr in dem Moment klar, dass der Rücktritt unausweichlich war.

"Ich habe mein Bischofsamt angetreten mit dem mir aus Kindertagen vertrauten Psalmwort 'Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Geschwister einträchtig beieinander wohnen''', sagte Jepsen auf einer Pressekonferenz an diesem Freitag.

Offenbar missbraucht wurden in Ahrensburg übrigens unter anderem drei Brüder.

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