Zuwanderungsdebatte Sie sind kein Superheld? Tja, Pech gehabt

Drei Zuwanderer retten ein paar Dutzend Griechen aus dem Mittelmeer - und werden zum Dank eingebürgert. Eine rührselige Geschichte? Nein, ein Lehrstück über Verlogenheit, Egoismus und Doppelmoral.

Migranten in Griechenland (Archivfoto)
AFP

Migranten in Griechenland (Archivfoto)

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Im vergangenen Jahr sind 2262 potenzielle Helden ertrunken. Zweitausendzweihundertzweiundsechzig. So viele Migranten sind der Uno zufolge im Mittelmeer beim Versuch gestorben, Europa per Boot zu erreichen.

Warum potenzielle Helden? In Athen hat der griechische Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos nun einigen Migranten Einbürgerungsurkunden überreicht. Die drei Fischer, ein Mann aus Albanien und zwei gebürtige Ägypter, hatten im vergangenen Sommer Dutzende Griechen in der Nähe des Küstenortes Mati aus dem Meer gerettet.

Die Einheimischen waren vor verheerenden Waldbränden ins Wasser geflohen und wären ohne die Hilfe der Fischer womöglich ertrunken - so wie jene 2262 Menschen, die 2018 vor Hunger, Krieg und Elend ins Mittelmeer geflüchtet waren (und dort nicht auf heldenhafte Retter trafen). Für Gani Xheka, Emad El Khaimi und Mahmoud Ibrahim Musa, die drei nun eingebürgerten Helden von Mati, ist das natürlich eine schöne Geschichte mit für sie glücklichem Ausgang.

Abgesehen davon aber ist das alles eine Farce.

Und kein Einzelfall. Im September wirkte der französische Staatspräsident Emmanuel Macron darauf hin, dass ein junger Mann aus Mali eingebürgert wird. Mamoudou Gassama war Ende Mai an einem Wohnhaus in Paris hochgeklettert, um einen Jungen zu retten, der an einem Balkon im vierten Stock hing und in den Tod zu stürzen drohte. Noch so eine Heldengeschichte.

Auch für Gassama darf man sich ohne Einschränkung freuen. Und das tun viele Menschen auch - weil solche Einzelfälle, weil Geschichten wie seine uns berühren. Sie vernebeln aber leider auch den Blick für das große Ganze. Aus dieser Perspektive stellt sich die Angelegenheit ganz anders dar.

Emmanuel Macron und Mamoudou Gassama (Mai 2018)
THIBAULT CAMUS/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Emmanuel Macron und Mamoudou Gassama (Mai 2018)

Die Einbürgerungsaktionen von Athen und Paris sind nicht nur populistische PR-Coups von Regierenden, sie konterkarieren auch grundlegende Prinzipien des aufgeklärten Europa: Statt um Rechtstaatlichkeit geht es in diesen Geschichten um Leistung - wer eine Heldentat vollbringt, darf bleiben.

Tausende Menschen in Europa bangen um ihren Aufenthaltsstatus, Aufmerksamkeit bekommen aber vier außergewöhnliche Einzelfälle. Damit gerät die Frage aus dem Blick, ob jemand aus nachvollziehbaren, sachlichen Gründen dauerhaft im Land bleiben darf. Stattdessen geht es darum, ob jemand mutig genug war. Und stark. Und zur richtigen Zeit am richtigen Ort, zufällig.

Seit wann aber darf der Zufall darüber entscheiden, ob ein Migrant bleiben darf? Und wie soll in der ohnehin hysterisch geführten Zuwanderungsdebatte anhand solcher Entscheidungen noch aufgezeigt werden, dass es beim Bleiberecht um Sachfragen geht? Um bürokratische und juristische Einzelfallentscheidungen anhand feststehender Kriterien, nicht um Heldentaten?

Es geht um kollektiven Egoismus

Andernfalls könnte nun eine groteske Debatte beginnen: Was wäre die Mindestanforderung für eine Einbürgerung? Ein abgewendeter Unfall? Eine vereitelte Straftat? Ein gerettetes Menschenleben? Oder gleich eine noch nie dagewesene übermenschliche Einzelleistung? Mit rechtsstaatlichen Prinzipien hätte das nichts mehr zu tun. Sondern mit kollektivem Egoismus, der Mitmenschen nur an ihrem Nutzen misst.

So jedenfalls ließe sich die Entscheidung des griechischen Präsidenten Pavlopoulos deuten: Weil einige der Fremden an jenem Julitag einige der Unsrigen retteten, dürfen sie bleiben. Sie waren nützlich für uns, und das honorieren wir dann gerne.

Wie zynisch all das ist, zeigt sich auf dem Mittelmeer. Es gibt sehr viele Leute, die dort gerne Menschen retten und in Sicherheit bringen würden. Die Taten dieser Helfer werden in Europa aber eher selten von Staatspräsidenten gewürdigt, sondern seit einiger Zeit immer häufiger von Staatsanwälten verfolgt: Wenn Europäer in Seenot geratenen Migranten helfen wollen, ist das aus Sicht mancher keine Heldentat. Sondern eine Straftat. Da gibt sich der Rechtsstaat dann nicht großzügig, sondern unbarmherzig.

Zweitausendzweihundertzweiundsechzig. Das sind sehr viele Menschen, die 2018 nicht von herbeieilenden Helden gerettet wurden. Und die nie mehr die Chance haben, selbst zu Helden zu werden.

insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
t_mcmillan 04.01.2019
1. Legitim
Es ist völlig legitim höher zu schätzen, was mit den "Unsrigen" passiert als was mit den "Anderen" passiert. Diese Art von Doppelmoral ist völlig normal und meiner Ansicht nach nicht verwerflich.
Peter Schmidt -fsb 04.01.2019
2. Übertriebene Zuspitzung und typisch deutsch
Sorry aber dieser Kommentar ist weder humanistisch noch fortschrittlich sondern einfach nur typisch deutsch. Ganz nach der Kantschen Maxime, dass aus jeder Handlung ein moralisches Gesetz gemacht werden müsste. Dabei verkennt der Autor, dass das Leben nun einmal aus Zufällen besteht: Geburtsort, Geschlecht, Stand,... all das ist Zufall. Und im Verlauf des Lebens geht es genauso weiter, Menschen die man trifft, Chancen die man erhält. Alles ist beeinflusst vom Zufall. So ist das Leben nun einmal. Daher ist es überhaupt nicht ehrenrührig auch Einbürgerung nach dem Zufallsprinzip stattfinden zu lassen (die Greencardlotterie lässt grüßen). Und das Eine (Helden einzubürgern) schließt das andere doch überhaupt nicht aus (eine vernünftige geordnete UND MENSCHLICHE Einwanderungspolitik zu betreiben).
geilundgemein 04.01.2019
3. Was waere denn Ihre Alternative?
Die Leute gnadenlos ausweisen, um konsistent zu sein? Das ist ja irgendwie auch keine Loesung
baronin 04.01.2019
4. Nicht so einfach!
"Heldensagen" waren und sind an sich schon immer verlogen. Aber in der Konsequenz lassen heldenhafte Einwanderer den Einzelnen aus der Masse hervortreten und erschweren deren Dämonisierung. Schöner wären reale Stories über Flüchtlinge, die die Herausforderung Integration gemeistert haben, Helden des Alltags. Der Spiegel brachte und bringt das immer wieder und ich denke, das hilft. Manchmal muss man einem plumpen Narrativ ein anderes plumpes Narrativ entgegensetzen.
Normaler Wutbürger 04.01.2019
5. Was ein Unsinn
Selbstverständlich können "zufällige" Einzeltaten berücksichtigt werden. Der Fakt ist nämlich, es wird dadurch NIEMAND schlechter gestellt oder behandelt, sondern einfach nur ein paar einzelne auf Grund besonderer Leistung besser gestellt als andere. Verlogenheit und Doppelmoral gibt es überall reichlich. Und zwar bei allen Menschen. Aber ausgerechnet diese Situation so zu beschreiben ist einfach nur dumm. Bei uns gibt es nämlich auch das Gegenteil dieser Variante, nämlich unterlassene Hilfeleistung. Wenn jemand nicht hilft obwohl unmittelbar die Möglichkeit und Fähigkeit dafür besitzt, dann kann er durchaus auch bestraft werden. Wenn aber jemand sein eigenes Leben riskiert (owohl er das nicht muss) wie z.B. ein Haus hochklettern, um andere zu retten, dann kann sowas auch durchaus "belohnt" werden. Entweder mit einem Orden, oder eben mit der Einbürgerung. Das hat nichts mit Verlogenheit und Doppelmoral zu tun !
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