Gesetzesreform Kampf den Huf-Quacksalbern

Seit Jahrzehnten versucht eine Hufschmiedelobby sich unliebsamer Konkurrenz zu entledigen. Ihr Vorhaben muss nur noch eine parlamentarische Hürde nehmen. Kanzler Schröders letzte Reform scheiterte vorerst an seinem eigenen Neuwahl-Coup.

Von Lisa Wandt


Es zischt und qualmt, dann riecht es nach verbranntem Haar. Dieter Kröhnert nagelt ein glühendes Eisen an einen Pferdefuß. 46 Männer - Teilnehmer einer Fachtagung der Berliner Uniklinik für Tiere - sehen dem Hufschmiedelehrmeister zu. "Pferde werden krank, wenn sie unbequeme Schuhe tragen", erläutert der Meisterschmied.

Besuch beim Hufschmied: Gerhard Schröder hatte sich einst selbst ein Bild von der Hufschmiedearbeit gemacht
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Besuch beim Hufschmied: Gerhard Schröder hatte sich einst selbst ein Bild von der Hufschmiedearbeit gemacht

Deswegen verpasst er dem Modellhengst "Immerda" die Spezialhufe "Rock'n'Roll". Der beißende Geruch, der sich dabei im Stall ausbreitet und in Haut und Haar festsetzt, gehört zu seinem Gewerbe. "An der Supermarktkasse treten die Frauen immer einen Schritt zurück", klagt der Pinneberger Norbert Großkopf. Ein Schicksal, das ihn mit Pommesverkäufern verbindet.

Doch im Gegensatz zu diesen soll der Hufschmied bald besonderen staatlichen Schutz genießen. Zurzeit dürfen Hufpfleger, Huftechniker oder auch Hufheilpraktiker dem offiziell geprüften Hufschmied noch Konkurrenz machen. Denn das bislang geltende Reichsgesetz aus dem Jahr 1940 sieht nur eine staatliche "Anerkennung" für die Ausübung des Huf- und Klauenbeschlages vor, was den Hufschmieden allerlei unerbetene Konkurrenten beschert hat.

Das soll nun anders werden: Ein neues Gesetz soll Pferde vor Huf-Quacksalbern beschützen, Hufschmieden unliebsame Konkurrenten vom Hals halten und Pferdehaltern bei der Auswahl des richtigen Pferdeschusters helfen. Schröders letzte Reform würde dem "rechtlich sehr bedenklichen Graubereich Hufpflege" Einhalt gebieten, heißt es in einer Stellungnahme des dafür seit 2002 zuständigen Verbraucherschutzministeriums.

Neben einer abgeschlossenen Berufsausbildung schreibt der Gesetzesentwurf daher eine viermonatige Ausbildung mit anschließender zweijähriger sozialversicherungspflichtiger Anstellung als Lehrling vor. Begründung: Mit der Tätigkeit des Hufschmiedes gehe "ein großes Gefahrenpotenzial für Tier und Mensch einher". Und: Die "Bedingungen haben sich verändert".

Geändert hat sich vor allem das geschäftliche Umfeld. Etwa 400 Huf-Homöopathen bieten derzeit mit undurchsichtigen, weil nicht offiziell geprüften Qualifikationen, ihre Leistungen an. Sie machen den 4500 geprüften Hufschmieden in der Republik Konkurrenz. Mit Hilfe der neuen Paragraphen sollten sie zurückgedrängt werden.

Das Hufbeschlaggesetz trägt die Handschrift von Hufschmiedelobby, Hufheilpraktikern, Pferdehaltern und Tierärzten. Das riecht - wieder einmal - nach lobbygesteuerter deutscher Regelungswut. Ein Vorwurf, den die organisierte Hufschmiedelobby allerdings entrüstet zurückweist. Auch Tiermediziner wie Bodo-Wolfhardt Hertsch, der alljährlich zur Berliner Fachtagung lädt, berichtet lieber von kranken Pferden und gefährlichen Huf-Quacksalbern. Der Chef der Berliner Pferdeklinik befasst sich bereits seit 40 Jahren mit der Reform des hochbetagten Gesetzes aus dem Dritten Reich. "Mir geht es vor allem um die Gesundheit von über einer Million Pferden in Deutschland", sagt der Professor.

Dass es aber auch ums eigene Geschäft geht, geben einige Hufschmiede, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand, am Rande der Fachtagung durchaus zu: "Klar haben wir Angst vor Konkurrenten, die uns durch Preisdumping die Kunden klauen", meint Michael Kostezki, 39, ein Meister aus Bielefeld.

Bislang fanden vor allem Hufbeschlagverbände und Pferdeärzte politisches Gehör: Weil der einfache Pferdenarr nicht beurteilen könne, ob sein Hufpfleger auch "eine wirkliche Fachkraft ist", muss der Gesetzgeber einschreiten, argumentiert der SPD-Abgeordnete Wilhelm Priesmeier. Als Tierschutzexperte seiner Fraktion und beurlaubter Tierarzt muss er das wissen.

An den mündigen Pferdehalter, der den richtigen Schuster für sein Ross auszuwählen weiß, glaubt er jedenfalls nicht. Jugendliche Pferdebesitzer aus besseren Kreisen, so klagt er, fielen "in großer Zahl" auf die "geschickten" Internetauftritte der Hufpfleger herein. Der SPD-Parlamentarier reitet zwar nicht, aber drei Jahre Ausschussarbeit haben ihm offenbar tiefe Einblicke in die komplizierte Materie des Hufbeschlages ermöglicht.

Der Bundesrat hatte dem Gesetz am 8. Juli mit Ausnahme kleiner Veränderungen bereits zugestimmt und vermutlich wäre das Gesetz inzwischen längst sang- und klanglos verabschiedet worden.

Aber mit seinem Neuwahl-Coup hat Gerhard Schröder die von langer Hand geplante "Reform" vorerst vereitelt. Nun bedarf die Novellierung des Gesetzes noch einmal der Zustimmung des neu gewählten Parlaments. Es ist durchaus denkbar, dass der zukünftige Agrarausschuss andere Präferenzen hat als sein Vorgänger. "Da muss man abwarten", sagt eine Sprecherin des zuständigen Ministeriums. Pferde-Professor Hertsch befürchtet indes, dass "40 Jahre Einsatz für einen qualifizierten Hufbeschlag umsonst" gewesen sein könnten.



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