TV-Doku über Gesichtstransplantation Man lebt nur zweimal

Richard Norris trägt das Gesicht eines Toten. Für eine australische Dokumentation hat er nun die Schwester des Spenders getroffen, dem er sein neues Leben verdankt. Ein TV-Rührstück, das aber manche Frage offen lässt.

60 Minutes

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Rebekah Aversano hat Richard Norris noch nie zuvor gesehen, doch sein Gesicht kennt sie ganz genau: Seit drei Jahren trägt Richard das Gesicht ihres verstorbenen Bruders Joshua. Damals gelang Ärzten die erste vollständige Gesichtstransplantation. Ein Team der australischen TV-Sendung "60 Minutes" hat Richard nun besucht und ihn mit der Familie des Mannes zusammengeführt, dem er ein neues Leben verdankt. (Sehen Sie hier die Sendung in der Mediathek.)

Richards erstes Leben endet an einem Morgen im Jahr 1997 in einem kleinen Dorf im US-Bundesstaat Virginia. Der damals 22-Jährige kommt betrunken nach Hause und gerät in einen heftigen Streit mit seiner Mutter. In einer Kurzschlussreaktion steckt er sich eine Pistole in den Mund und drückt ab. Er habe nicht gewusst, dass die Waffe geladen war, sagt er später.

Richard verliert sein halbes Gesicht, seine Nase, seine Zähne, sein Kinn, seine Zunge. Er kann nicht mehr sprechen und wird fortan über eine Magensonde ernährt. "Ich wusste nicht mehr wer ich war, wenn ich in den Spiegel schaute", sagt Richard in der TV-Dokumentation. Aus Scham verlässt er kaum noch das Haus - falls doch, versteckt er sich hinter einer Maske. Trotzdem wird er von allen angestarrt. Mehrfach denkt Richard an Suizid.

Richard bekommt das Gesicht eines 21-Jährigen

Schließlich werden seine Eltern auf Eduardo Rodriguez von der University of Maryland aufmerksam. Der Arzt hält eine Gesichtstransplantation für möglich. Er übt die Operation zuerst an Leichen, dann an einem hirntoten Patienten. Nun beginnt für Richard das Warten auf einen geeigneten Spender.

Im März 2012 ist es soweit: Ein Van hatte den 21-Jährigen Joshua Aversano erfasst, als der junge Mann die Straße überquerte. Im Krankenhaus erklären ihn die Ärzte für hirntot. Die Mediziner stellen Joshuas Eltern vor eine schwerwiegende Entscheidung: Können Sie sich vorstellen, das Gesicht ihres Sohnes einem anderen Mann zu spenden? Joshua ist der perfekte Spender: Er hat die gleiche Blutgruppe, die gleiche Gesichtsform, die gleiche Hautfarbe.

Die Eltern willigen ein: 150 Mediziner sind an der 36-stündigen Operation beteiligt. Das Vorhaben ist hoch riskant, Richards Überlebenschancen beziffern sie auf 50 Prozent. Die Ärzte transplantieren Joshuas Gesichtshaut, seine Nase, die Stirn, die Augenbrauen, die Zunge, sowie zahlreiche Knochen einschließlich des Kinns.

Die Operation glückt. Heute, drei Jahre später, ist Richard ein 40-Jähriger mit dem Gesicht eines Mannes Anfang 20. Im vergangenen Jahr schafft er es auf das Titelbild des Männermagazins "GQ". Zwar ist seine Mimik maskenhaft erstarrt und das Sprechen fällt ihm schwer: Aber er kann mit Joshuas Zunge schmecken und mit Joshuas Nase riechen. Und wenn er sich morgens rasiert, sind das Joshuas Barthaare.

Seit einem Jahr hat Richard eine Freundin. Melanie Solis schrieb ihm eine E-Mail, nachdem sie von seiner Geschichte gehört hatte. Jetzt leben sie gemeinsam in New Orleans. Solis sagt, sie seien seelenverwandt: "Ich weiß, wie es ist, zurückgezogen zu leben, weil man sich hässlich fühlt", erzählt sie. Sie habe früher mehr als 115 Kilogramm gewogen.

Die "60 Minutes"-Dokumentation erzählt all das mit großem Pathos. Moderatorin Allison Langdon drückt auf die Tränendrüse, Streicher untermalen die Gespräche mit den Familien. Ausgerechnet das Zusammentreffen von Joshuas Schwester Rebekah und Richard wirkt dagegen dann ganz natürlich und selbstverständlich.

"Danke ist nicht genug"

Beide nehmen sich in den Arm, lachen sich an. Dann fragt Rebekah, ob sie sein Gesicht berühren darf. "Oh mein Gott, das ist aufregend", sagt sie. "Das ist die Haut meines Bruders. Das ist das Gesicht mit dem ich aufgewachsen bin. Er ist fort, aber auf eine Art ist er immer noch hier. Ich sehe Josh!"

"Danke ist nicht genug. Es gibt keine Worte, die beschreiben könnten, wie dankbar ich dieser Familie bin", entgegnet Richard.

Moderatorin Langdon hat in ihren Gesprächen zwar die Stirn routiniert in Falten gelegt, aber auf einige wichtige Fragen liefert der Film leider keine Antworten: Wie geht Richards Psyche damit um, dass er mit 37 ein Gesicht bekam, das nicht seines ist und das nicht aussieht wie das, mit dem er groß wurde? Wie ist es für die Eltern, nun einen Sohn zu haben, der zwar endlich wieder ein normales Leben führen kann, aber aussieht wie ein Fremder?

All das bleibt nach diesem Happy End unbeantwortet.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
bätmän 01.06.2015
1.
Sorry. da war ich zu voreilig. dachte nicht, daß er das überlebt.
adal_ 01.06.2015
2. Realsatire
ZITAT: "...auf einige wichtige Fragen liefert der Film leider keine Antworten: Wie geht Richards Psyche damit um, dass er mit 37 ein Gesicht bekam, das nicht seines ist und das nicht aussieht wie das, mit dem er groß wurde? Wie ist es für die Eltern, nun einen Sohn zu haben, der zwar endlich wieder ein normales Leben führen kann, aber aussieht wie ein Fremder? All das bleibt nach diesem Happy End unbeantwortet." Wie geht es wohl einem Menschen, der aussieht wie ein Fremder, statt wie ein Freak? Das obige Zitat gehört in den Hohl-SPIEGEL.
Vorlan 01.06.2015
3.
"Wie geht Richards Psyche damit um, dass er mit 37 ein Gesicht bekam, das nicht seines ist und das nicht aussieht wie das, mit dem er groß wurde?" Da er vorher an Suizid gedacht hat und nun dankbar ist für das neue Leben..."besser" würde ich sagen. Wie es den Eltern geht. Tjo. Bei der Alternative - also verstümmelter Sohn der nicht mehr aus dem haus geht und an Selbstmord denkt - auch "besser" würde ich beinahe behaupten.
dunnhaupt 01.06.2015
4. Unvollständige Reportage
Leider fehlt ein Foto von Joshua vor seinem Unfall, so dass man vergleichen könnte, ob Joshuas Gesicht auf dem neuen Besitzer Richard wirklich genau so aussieht wie früher. Ein Gesicht ist schließlich keine Maske, sondern ein voll durchblutetes Organ mit komplizierter Muskulatur der Lippen.
jamguy 02.06.2015
5.
Zitat von adal_ZITAT: "...auf einige wichtige Fragen liefert der Film leider keine Antworten: Wie geht Richards Psyche damit um, dass er mit 37 ein Gesicht bekam, das nicht seines ist und das nicht aussieht wie das, mit dem er groß wurde? Wie ist es für die Eltern, nun einen Sohn zu haben, der zwar endlich wieder ein normales Leben führen kann, aber aussieht wie ein Fremder? All das bleibt nach diesem Happy End unbeantwortet." Wie geht es wohl einem Menschen, der aussieht wie ein Fremder, statt wie ein Freak? Das obige Zitat gehört in den Hohl-SPIEGEL.
Jetzt hab ich endlich eine bildliche Orientierun zum Freak!
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