Gespannte Stimmung Der MDR als Stasi-Stadl

Der Mitteldeutsche Rundfunk gerät immer tiefer in die Krise: Ein Moderator nach dem anderen verschwindet wegen Stasi-Verdachts vom Bildschirm.

Von Steven Geyer


Wegen Stasi-Mitarbeitern unter Druck: MDR-Intendant Udo Reiter
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Wegen Stasi-Mitarbeitern unter Druck: MDR-Intendant Udo Reiter

Berlin/Leipzig - Im Internet hampeln und grinsen sie noch: Oliver Nix, 35, und Frank Liehr, 40, die Vorzeige-Moderatoren des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR). In einem Musikvideo-Stream, der dem Peinlichkeits-Ruf des MDR leichtfüßig gerecht wird, feiern sich die Sympathieträger Ost: "Was wäre der Nachmittag im MDR ohne uns hier?"

Seit Montag kann das ausgiebig getestet werden - nach Nix ist nun auch Liehr wegen Stasi-Verwicklungen aus dem Programm verschwunden. Die Regionalpresse hatte Ende letzter Woche Berichte der Stasi-Unterlagen-Behörde bekannt gemacht, nach denen Liehr sich gleich zweimal und sogar handschriftlich als inoffizieller Mitarbeiter (IM) verpflichtet hatte. Decknamen: "Heidi" und "Axel Heinze".

"Je t'aime" liegt auf Eis

Das heißt nicht nur, dass Ostdeutschlands Singles von nun an auf sich selbst gestellt sind, weil Liehrs berüchtigte Kuppelshow "Je t'aime - Wer mit wem" mit ihm auf Eis liegt. Es bedeutet vor allem, dass die öffentlich-rechtliche Anstalt für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen immer tiefer in die Krise rutscht.

Denn Liehr ist der zwölfte wichtige Mitarbeiter aus MDR-Funk und -Fernsehen, der ins Zwielicht geraten ist. In der Öffentlichkeit erscheint der Sender immer mehr als Stasi-Stadl: Sabine Hingst, Moderatorin der MDR-Politmagazins "Fakt", Horst Mempel, Redakteur und Gesicht der Reise-Sendung "Biwak", Ingolf Rackwitz, Nachrichtenchef der Wortwelle MDR Info - vor allem prominente Namen müssen nach und nach von Bildschirm und Mikrofon entfernt werden.

"Bis die Vorwürfe geklärt sind, erscheinen die betreffenden Moderatoren nicht mehr im Programm", sagt MDR-Sprecher Frank-Thomas Suppé. Die fest angestellten Kollegen würden bis dahin andere Tätigkeiten in den Redaktionen übernehmen. "Es ist aber eine Frage der Glaubwürdigkeit, uns von umstrittenen Moderatoren nicht mehr nach außen repräsentieren zu lassen." Gleichzeitig herrscht im Hause gespannte Stimmung: Intendant Udo Reiter, 56, hat angekündigt, noch einmal alle Mitarbeiter überprüfen zu lassen.

Aktenstudium dauert bis April

Sobald die Akten gesichtet seien, werde entschieden, was aus den Journalisten werden soll. Das kann allerdings dauern. Bis April mindestens. "Und selbst wenn sich ein Verdacht bestätigt", erklärt Suppé, "ist das nach elf Jahren rein arbeitsrechtlich kein Kündigungsgrund mehr."

Bis zur Entscheidung sieht es dürftig aus mit der personellen Besetzung der Anstalt: Die alten Moderatoren dürfen nicht auf Grund eines Verdachtes rausfliegen, für neue ist kein Platz. Deshalb müssen vorhandene MDR-Leute mehrfach einspringen - von Ex-Miss Ostdeutschland Katrin Huß bis zum stellvertretenden Chefredakteur Wolfgang Fandrich, der in der ARD "Fakt" übernimmt - "bis auf weiteres".

Reiters Flucht nach vorn

Den ersten Verdacht gegen den MDR brachte im letzten Herbst die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" auf: Der Sender sei ein Auffangbecken für linientreue SED-Journalisten und Ex-Spitzel der DDR-Staatssicherheit, schrieb das Blatt. Bis Ende Februar wollte Reiter in öffentlichen Veranstaltungen und vor Mitarbeitern das nicht zugeben. Immerhin habe doch "jeder schon einmal gelogen". Der Intendant versuchte, das Thema klein zu halten. Nix war's - der daraus nichts werden ließ. Als direkt nach "Fakt"-Frau Hingst und Reise-Reporter Mempel auch Schwiegermutters Liebling Oliver seine Spitzeldienste zugab, ergriff Reiter die Flucht nach vorn.

"Ich lasse mir von denen nicht den Sender kaputtmachen", grummelt der Intendant, der vor acht Jahren vom Bayerischen Rundfunk nach Ostdeutschland kam. Mit "denen" meint er jene MDR-Mitarbeiter, die ihre Vergangenheit als Stasi-Informanten vertuschten. Wie "Je t'aime"-Liebesbote Liehr, der noch vor kurzem in der Nachmittags-Sendung seines Kollegen Nix dessen reuiges Bekenntnis verlesen hatte und Tags darauf sogar eine Extra-Show zum Thema Stasi moderierte.

Freie Mitarbeiter wurden nicht überprüft

Jetzt verspricht MDR-Boss Reiter die "rückhaltlose Aufklärung", die er bei der Sendergründung 1992 nicht gewagt hatte. Um nicht als "Besatzer-Wessi" aufzutreten, berief er seinerzeit einen Personalausschuss. Dort sollte unter Rundfunkrat-Mitglied und Kirchenrat Horst Greim über jeden Stasi-Einzelfall beraten und jeweils eine Empfehlung über Verbleib oder Rauswurf abgegeben werden. Reiter sagt heute, er habe sich an diese "immer gehalten". In der Praxis bedeutet das: Von 76 Überprüften wurden zwei entlassen. Freie Mitarbeiter - wie den geständigen Nix - überprüfte der MDR gar nicht.

Grit Hartmann, bis vor wenigen Tagen freie Mitarbeiterin beim MDR, stieß deshalb das Verhältnis des Senders zur Stasi schon länger übel auf. "Viele Mitarbeiter haben sich gefragt", berichtet sie in einem offenen Brief an den Intendanten, "was es bedeutet, wenn Führungspositionen im MDR mit IM und einst besonders linientreuen Genossen besetzt werden." Für das Programm, für das vermittelte DDR-Bild, für das Klima im Haus.

"Die Meinungen zum Thema sind sehr geteilt", sagt Hartmann. Ebenso unter den Anrufern einer eigens ins Programm gehobenen Themensendung und unter den Usern eines stürmisch besuchten MDR-Online-Forums "Stasi & Medien". Die Rede ist von "Dreckwäsche" und von "Nörglern". Aber auch Montagsdemo-Geist erwacht: "Stasi in die Produktion, hieß es früher", schreibt ein W. Scholz und schlägt Herrn Nix vor, den MDR einzutauschen - gegen das "Fließband bei VW in Wolfsburg."



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