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Gespräch mit Hafenbehörde: "Nur ein Stromausfall"

Es war eine fatale Kette von Irrtümern und Verharmlosungen: Ein erstmals voll veröffentlichter Mitschnitt zeigt, dass "Concordia"-Kapitän Schettino die Lage auch dann noch verharmloste, als der Maschinenraum unter Wasser stand. Die Reederei beauftragte eine Firma, ein "kleines Leck" abzudichten.

REUTERS

Hamburg - Mehr als 30 Minuten sind vergangen, seit die "Costa Concordia" vor der italienischen Insel Giglio mit einem Felsen kollidiert ist. Doch der Mann am Telefon sieht offenbar keinen Grund zur Beunruhigung. Er spricht ruhig, scheint gelassen zu sein. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist es Kapitän Francesco Schettino selbst, der zu hören ist, denn zu diesem Zeitpunkt, um kurz nach 22 Uhr, hat er selbst noch das Kommando.

Auszüge des Gesprächs mit dem Hafen sind bereits bekannt geworden, nun wurde der gesamte Mitschnitt des Telefonats veröffentlicht. "Wir haben nur einen Stromausfall", sagt Schettino demnach.

Zu dieser Zeit weiß er bereits seit seit rund 20 Minuten, dass der Maschinenraum des Schiffes voll Wasser gelaufen ist. Das Gespräch ist der erste Kontakt zwischen dem Kapitän und der Hafenbehörde. Und auch deren Mitarbeiter wirkt noch sehr ruhig. Der Kapitän versichert seinem Gesprächspartner, er sei auf der Suche nach der Ursache des Problems.

Schettino gibt nicht zu, dass das Schiff einen Felsen gerammt hat. Überhaupt antwortet er ausweichend. Was passiert ist, sagt er nicht. Stattdessen muss ihn der Mitarbeiter der Hafenwache darauf hinweisen, er habe durch einen Verwandten eines Besatzungsmitglieds erfahren, dass den Passagieren "während des Abendessens Dinge auf den Kopf gefallen sind".

Auf die Frage, ob die Passagiere angewiesen worden seien, ihre Schwimmwesten anzulegen, antwortet Schettino: "Wir überprüfen, was es mit dem Stromausfall auf sich hat." Mehr sagt er nicht. Tatsächlich vergehen noch rund 50 Minuten, bis das Evakuierungssignal gegeben wird.

Die neuen Aufnahmen passen zu dem Bild, das der Mitschnitt eines veröffentlichten Gesprächs zwischen der Hafenkommandantur und dem Kapitän gezeichnet hatte. Er belegte, dass Schettino sein Schiff und die Passagiere in Seenot im Stich ließ, in ein Rettungsboot stieg und das Geschehen betrachtete, ohne die Behörden über das Ausmaß der Lage zu informieren.

Ein zweites Dokument belegt, dass auch die Reederei die Situation auf dem Schiff völlig falsch einschätzte - oder aber falsch informiert worden war. Gegen 23.30 Uhr ruft ein Mitarbeiter von Costa bei der Firma I.L.Ma.Sub. an und spricht von einem "kleinen Leck" am Schiff, ein zweiter Anruf geht gegen Mitternacht ein. I.L.Ma.Sub. ist auf Unterwasserarbeiten an Schiffen spezialisiert. Das berichtet der "Corriere della Sera". Tatsächlich ist die "Costa Concordia" bereits gekentert, der Rumpf ist auf einer Länge von rund 70 Metern aufgeschlitzt.

Fünf Leichen sollen in Restaurant gefunden worden sein

Die britische "Times" berichtete am Donnerstag mindestens fünf der insgesamt elf Leichen seien von Tauchern in einem Restaurant an Deck vier des Kreuzfahrtschiffs entdeckt worden. Zwei weitere seien ganz in der Nähe gefunden worden, hieß es. Unweit des Restaurants soll sich ein Sammelpunkt für die Evakuierung befunden haben.

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"Concordia"-Unglück: Die schwierige Arbeit der Rettungskräfte
Die Männer hätten Jacketts und Krawatten, die Frauen Abendgarderobe getragen, darüber eine Rettungsweste. Man kann davon ausgehen, dass die Passagiere über die akute Gefahr nach der Kollision mit einem Felsen informiert waren. Die Rettungskräfte vermuten, dass die Restaurantbesucher bei der Vorbereitung auf die Evakuierung das Gleichgewicht verloren und mitgerissen wurden, als das Schiff sich auf die Seite legte und voll Wasser lief. Das Restaurant befindet sich jetzt 20 Meter unter Wasser.

Die Taucher am Wrack arbeiten unter sehr schwierigen Bedingungen und großem Zeitdruck. Immer wieder müssen die Tauchgänge ausgesetzt werden, weil das Wetter sich verschlechtert oder das Wrack in Bewegung gerät. Es wird befürchtet, dass die "Costa Concordia" von dem Felsmassiv, auf dem sie sich derzeit noch befindet, in eine Tiefe von 70 Metern hinabsinken könnte.

Untergang zur Musik aus "Titanic"

Die Taucher arbeiten mit Suchscheinwerfern in fast völliger Dunkelheit. Gesichert sind sie mit Seilen, die aber das Vorankommen innerhalb des Rumpfs erschweren. Viele Bereiche werden durch Trümmer versperrt.

Die Sichtweite liegt bei etwa eineinhalb Metern. In den Sauerstoffflaschen ist Luft für etwa zwei Stunden, allerdings dürfen die Taucher so lange gar nicht unter Wasser bleiben. Nachdem die über Wasser liegenden Areale des Schiffs bereits durchkämmt wurden, sind jetzt die überfluteten dran. Man geht davon aus, dass sich dort weitere Leichen befinden. Noch immer werden mindestens 21 Menschen vermisst.

Während sich die "Costa Concordia" nach der Kollision mit dem Felsen auf die Seite legte, soll in einem der Restaurants das Lied "My heart will go on" aus dem Film "Titanic" gespielt worden sein.

Ein Schweizer Passagier bestätigte dies am Donnerstag der britischen "Sun". Er habe sich in einem der Restaurants befunden, als durch die Lautsprecher die Musik aus dem Film mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio klang, berichtete Yannic Sgaga. "Das ist mir im Kopf geblieben, weil kurz darauf das Chaos ausbrach." Die Bilder aus dem Film, das könne er jetzt sagen, seien "sehr viel realistischer als man glauben könnte", so der Überlebende.

Crew soll Zutritt zu Rettungsboot verwehrt haben

Berichte, die Crew auf dem Schiff habe Passagieren den Zutritt zu einem Rettungsboot verwehrt, sorgten unterdessen für Empörung: "Not for Passengers, for Crew only" habe ein Schiffsmitarbeiter erklärt, berichtete einer der Passagiere des Kreuzfahrtschiffs, Matthias Hanke, am Mittwoch im RTL-Magazin "Stern TV". Einige Besatzungsmitglieder seien offenbar der Situation nicht gewachsen gewesen. "Ich dachte, ich bin hier im falschen Film", sagte Hanke, der in Markranstädt bei Leipzig wohnt. Aber es waren auch Crewmitglieder, die ihn später aus dem Wasser zogen und vor dem Tod bewahrten.

Hanke hat gemeinsam mit seinem Freund Marcel Zuhn die Tragödie nur knapp überlebt. Die Männer berichteten, wie sie durch den überfluteten Luxusliner schwimmen mussten, um sich zu retten. Vergebens hätten sie dabei versucht, zwei ältere Frauen in Sicherheit zu bringen. "Ich bin über mich enttäuscht, dass ich die Dame nicht mitnehmen konnte, bin aber auch glücklich, dass ich es geschafft habe und meine Familie wieder in die Arme schließen konnte", sagte Hanke. "Ich bin so froh, dass ich am Leben bin."

"Sie müssen aufstehen, Sie können nicht hier unten bleiben", sagte Hanke zu den Damen. "Dann machte es einen Knall. Mit einem Schlag kam wahnsinnig viel Wasser." Kurze Zeit später musste er mit ansehen, wie die Frauen in einem Aufzugsschacht durch den Wassersog in die Tiefe gerissen wurden. "Ein kurzer, spitzer Schrei, dann waren sie weg."

"Der Kapitän hat sich feiern lassen"

Jutta und Joachim Neumann aus Berlin-Kladow überlebten das Unglück und berichteten am Donnerstag, wie noch am Unglücksabend an Bord im Speisesaal ein Captain's Dinner ausgerichtet wurde. "Der Kapitän hat sich feiern lassen und die Crew sang Bocellis 'Time to Say Goodbye'", erinnert sich Joachim Neumann.

Nach dem Essen besuchte das Paar eine Zaubershow. Der Magier habe gerade einen Dolch-Trick gezeigt, als es plötzlich krachte. "Das war ein mörderischer Rumms und plötzlich war alles stockfinster", erinnert sich Jutta Neumann. Wenige Minuten später bekam das Schiff Schlagseite.

Beide schnappten sich ihre Schwimmwesten und rannten Hand in Hand zu den Rettungsbooten. "Wir wussten, dass mit jeder Sekunde, die wir länger brauchen würden, die Gänge voller werden würden", sagt der 66-Jährige.

Eine Einführung in die Sicherheitsmaßnahmen an Bord hatten die Neuankömmlinge zu diesem Zeitpunkt noch nicht erhalten. "Dadurch wusste niemand, was er tun soll", sagt Neumann. Instinktiv griff sich das Paar erst die Rettungswesten und rannte dann an Deck. Auf dem Weg sahen sie Passagiere die Treppe herunterfallen, viele schrien. "Es war wie bei einer Massenpanik, es war grausam", sagt der 66-Jährige. "Einige Passagiere sind aus Angst von Bord auf eine der herabgelassenen Rettungsinseln gesprungen und haben sich dabei diverse Knochen gebrochen."

han/ulz/ala/dapd/AP

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"Hören Sie, Schettino..."

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Wrack auf dem Felsen: Die Lage des havarierten Schiffs


Karte

  • Google Earth/ DigitalGlobe
    Die Lage der havarierten "Costa Concordia"

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