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Geständiger Priester: Katholische Kirche vertuschte Missbrauchsfall

Im Fall des geständigen Priesters aus Salzgitter hat die Bistumsleitung nach Informationen des SPIEGEL dem Geistlichen bereits 2006 ein Kontaktverbot zu einem Zehnjährigen ausgesprochen - allerdings nur kirchenintern. Weder andere Eltern noch Staatsanwaltschaft wurden informiert.

Hamburg - Die Zusammenarbeit zwischen der katholischen Kirche und Staatsanwaltschaften funktioniert bei Missbrauchsfällen offenbar immer noch nicht. Dies belegt der Fall des 46-jährigen Priesters aus Salzgitter, der in Untersuchungshaft den mehrfachen Missbrauch dreier Jungen zugegeben hat. Die Bistumsleitung hatte dem Priester bereits 2006, aber nur kirchenintern, ein Kontaktverbot zu einem Zehnjährigen ausgesprochen. Weder andere Eltern noch Staatsanwaltschaft wurden informiert. Das Bistum ließ den Geistlichen sogar weiterhin mit Minderjährigen arbeiten.

Da der Priester auch zuletzt das Kontaktverbot missachtete, beschwerte sich die Mutter des Jugendlichen vor zwei Monaten beim Bistum. Wiederum schaltete die Kirche, entgegen ihren Versprechungen in der Missbrauchsdebatte des vergangenen Jahres, in diesem Jahr nicht sofort die Ermittlungsbehörden ein. Erst eine Anzeige von Eltern führte jetzt zur Verhaftung des Geistlichen.

Weihbischof Heinz-Günter Bongartz hat am Sonntag in der Gemeinde des verhafteten Priesters, der katholischen Pfarrgemeinde St. Joseph in Salzgitter, einen Gottesdienst geleitet. "Unsere erste Sorge gilt den Opfern, um die wir uns nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft kümmern werden", sagte der Hildesheimer Weihbischof in seiner Predigt. Das Geschehene zerstöre alle Bilder, die Bestürzung sei abgrundtief.

"Wieso hat die Diözese nicht vorher eingegriffen?"

"Wir haben gehofft, dass es nach der Aufklärungswelle im vergangenen Jahr ruhiger werden würde und wir uns der Prävention widmen können", sagte Bongartz vor mehr als 500 Kirchgängern. Doch nun gebe es erneut Missbrauchsfälle. "Wir spüren eine große Bestürzung und Ohnmacht, uns fehlen die Worte für das, was geschehen ist", betonte Bongartz. Aber: Die katholische Kirche werde eindeutig Position beziehen, es dürfe keinen sexuellen Missbrauch geben.

Bei einem Kirchenfrühstück nach dem Gottesdienst schlugen die Emotionen hoch. Im völlig überfüllten Saal im Pfarrhaus standen die Menschen dicht gedrängt. Der Weihbischof begrüßte einige Teilnehmer persönlich und stellte sich dann den Fragen der Gemeinde. "Wann bekommen wir einen neuen Priester in unserer Gemeinde?", wollte eine Frau wissen. "Wieso hat die Diözese nicht vorher eingegriffen, es hat doch schon früher einen Verdacht gegen den Pfarrer gegeben?", fragte ein Mann aufgebracht. "Das ist alles schlimm, das durfte nicht passieren", sagte eine ältere Frau leise. Andere diskutierten lauter.

Der Weihbischof betonte, dass es keine Hinweise auf einen sexuellen Übergriff gegeben habe. Der Priester war 2006 ins Visier des Bistums gerückt, weil er mit einem Jungen gemeinsam in einem Bett übernachtet hatte. Nach einem Protest der Familie war dem Geistlichen ein Kontaktverbot auferlegt worden, das dieser vor wenigen Wochen durchbrochen hatte. Das Bistum hatte im vergangenen Jahr die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Diese konnte den Verdacht gegen den Mann aber nicht erhärten und stellte die Ermittlungen ein.

Nun ermittelt die Sonderkommission "Peccantia" (lateinisch für Sünde) in dem Fall und wertet Akten, Bilder und CDs aus, die in der Wohnung des Pfarrers beschlagnahmt wurden. Er hatte gestanden, sich jahrelang an drei Jungen vergangen zu haben. Da der Pfarrer vielfältigen Kontakt zu Kindern - etwa im Kommunionsunterricht - gehabt hat, prüft die Staatsanwaltschaft, ob es weitere Opfer gibt. Bislang gibt es laut Polizei dafür jedoch keine Hinweise.

Jesuitenpater kritisiert "großes Schweigen" in der Kirche

Der Jesuitenpater und langjährige Leiter des Berliner Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, übt in einem SPIEGEL-Gespräch scharfe Kritik am Umgang der katholischen Kirche mit der Missbrauchsdebatte und an der Angst der Kirchenhierarchie vor "pöbelnden Dunkelkatholiken". Dabei handle es sich um eine laute, selbstgerechte Minderheit in der Kirche, die "jede Kritik als Illoyalität begreift" und Kritiker "immer frecher überfällt", insbesondere "wenn sie sich in Verbänden, Gremien oder gar im Zentralkomitee der deutschen Katholiken engagieren". Mertes: "Bitter ist vor allem, dass Rom Denunziationen annimmt. Da sie meist anonym bleiben, könnten sie "im Dunkeln agieren". Leider würden vor diesen Dunkelkatholiken "Teile der Hierarchie kuschen, aus Angst davor, selbst beschimpft zu werden".

Mertes erwarte deswegen vom Papst im September bei seinem Besuch in Deutschland ein klärendes Machtwort. Zur Missbrauchsdebatte meint der Jesuitenpater, der Anfang 2010 sexuelle Gewalt am Canisius-Kolleg öffentlich gemacht hatte, da "sind wir einige Schritte weiter, aber noch lange nicht am Ende". Nach dem Beginn der Geldzahlungen an Missbrauchsopfer gebe es nun ein stärker werdendes Gejammer und Lamentieren in der Kirche, damit sei "nun alles gemacht". Das, so Mertes, sei "unangemessen und gefährlich", denn die Frage sei noch offen, "was wir bei uns ändern müssen, um besser hören zu können, wenn Missbrauchsopfer reden wollen". Dazu müsse in der Kirche endlich offen über Sexualität geredet werden. Doch die Realität sehe leider immer noch so aus: "Wir stellen Fragen. Die Antwort ist das große Schweigen." Mertes erlebe deswegen "bei vielen Katholiken eine große Müdigkeit, eine tiefe Resignation, weil sie an der Schweigemauer einer Parallelwelt abprallen, wenn sie versuchen zu sprechen".

jjc/dpa

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